<small><i>Christian Rainer</i></small>
Rechtsüberholer, Teil 2

Was die rechten Kapitalismuskritiker nur beiläufig erwähnen (und wo die Linke tatsächlich Recht behielt).

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle gegen Frank Schirrmacher und Charles Moore argumentiert. Der „FAZ“-Mitherausgeber und der Thatcher-Biograf hatten eine Debatte angestoßen, indem sie das konservative Weltbild, in das sie selbst eingebettet sind, verantwortlich für die aktuelle Finanz- und Schuldenkrise machten. Meiner Meinung nach vernachlässigen die beiden einerseits die wahren Ursachen der Krise – vor allem die von rechten wie linken Regierungen gleichermaßen betriebene Schuldenpolitik. Andererseits fehlt jede linke Alternative zur – sehr – freien Marktwirtschaft, die Wohlstand vermehren oder auch nur erhalten könnte.

Leider geht in dieser Debatte das zentrale Problem der ökonomischen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte unter: die abnehmende Verteilungsgerechtigkeit. Moore greift das Thema zwar auf; bei Schirrmachers Abrechnung mit dem bürgerlichen Establishment ist es allenfalls Randthema; in der breiteren Diskussion, die sich im Anschluss ergeben hat, findet es kaum Platz. Warum? Vermutlich, weil diese Diskussion nicht von Wirtschaftswissenschaftern geführt wird – und weil saftige Gesellschafts­kritik allemal spannender rüberkommt als scheinbar blutleere Nationalökonomie.

So blutleer ist die Angelegenheit aber eben nicht. Sie ist bloß nicht so punktuell spektakulär wie der Crash von Lehman oder von Griechenland. Sie betrifft aber wesentlich mehr Menschen, zum Beispiel alle Bürger der Europäischen Union oder der Vereinigten Staaten. Und 90 Prozent davon sind Verlierer.

Die Reichen werden reicher, und alle anderen werden es nicht. Auf diesen Satz lässt sich die – neben dem wirtschaftlichen Erstarken von Zweiter und Dritter Welt – größte Verschiebung im wirtschaftlichen Gefüge der Ersten Welt reduzieren. Statistisch erfasst heißt das: Erstens konzentrieren sich die Vermögen stärker und stärker bei einer kleinen Bevölkerungsgruppe. Zweitens steigen die höchsten Einkommen wesentlich steiler als die durchschnittlichen und die niedrigen.

Salopp: Die Schere geht weiter und weiter auf – nicht zwischen Reich und Arm, sondern zwischen Reich und allen anderen.

Ursachen dieser über die Jahre sehr konstanten Entwicklung: Die Vermögen konzentrieren sich wegen ungebrochener Vererbungsfolge bei einer kleinen Gruppe von Menschen. Diese Kontinuität war seit dem Zweiten Weltkrieg über eine bis dato unbekannte Zeitspanne nicht durch Vermögensverlust im Krieg gestört. Niedrige Geburtenraten führen dazu, dass die Erbschaften nicht wieder und wieder gesplittet werden. Und natürlich unterstützen die hohen Einkommen einiger weniger Personen diese Massierung von Erbgut.

Warum geht die Schere bei den Löhnen auf? Hier hat sich der Grundkonsens offensichtlich dergestalt verändert, dass die Gesellschaft eine wesentlich stärkere Differenz zwischen Durchschnitts- und Spitzeneinkommen akzeptiert und der Arbeitsmarkt daher entsprechende Unterschiede durchsetzen kann: Eine Relation von hundert zu eins zwischen Vorstand und Durchschnittslohn in einem Unternehmen ist keine Seltenheit mehr. Hinzu kommt: Durch die Überalterung der Bevölkerungen wird das mittlere Lebenseinkommen ausgedünnt – kein Geld im Alter oder weniger verfügbares Geld im aktiven Alter.

Erstens also Vermögensanhäufung durch Erbschaft, zweitens geänderte Einkommensverhältnisse. Vor allem aber drittens: Die Politik steuert nicht gegen, weder national noch auf internationaler Ebene wie der Europäischen Union.

Gegensteuern würde zum Beispiel ­bedeuten: höhere Spitzensteuersätze beim Einkommen einerseits; ernsthafte Erbschafts- und Vermögensteuern ohne Ausweichmöglichkeiten andererseits. Stattdessen haben sich die Volksvertretungen gegen die Mehrheit der Wähler mit dieser Entwicklung abgefunden, einer Entwicklung, die in mathematischer Genauigkeit für die Vergangenheit beschrieben und für die Zukunft errechnet werden kann.
Die Politik hat also kapituliert, sei es in Geiselhaft von reichen Individuen und mächtigen Konzernen, sei es aus bloßem Desinteresse an langfristigen Veränderungen.

An diesem Punkt hätten Moore, Schirrmacher und andere Konservative mit ihren Argumenten ansetzen können. Hier wäre die These belegbar, dass linke Kritik an kapitalistischen Systemen berechtigt ist. Nicht aber am Beispiel der aktuellen Krise.

christian.rainer@profil.at