<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sabber-Sex

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sabber-Sex

Die Sexismus-Debatte ist so antiquiert wie ihr Auslöser. Bloß eine Art Vergangenheitsbewältigung?

Dass ein Argument, eine Diskussion, ein Streit nicht zeitgemäß erscheinen, muss nicht gegen die Sinnhaftigkeit der Auseinandersetzung sprechen. So ist es mit den Wogen der Empörung und den spiegelgleich empörten Beschwichtigungen nach sexistischen Äußerungen des deutschen Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer „Stern“-Journalistin: Einerseits hat die Debatte im Mitteleuropa des Jahres 2013 keine überragende Relevanz. Man hätte sie sich vor 20 oder 30 Jahren gewünscht, als Herrenwitz und tätliche Bedrängung in Deutschland oder Österreich noch so allgegenwärtig, akzeptiert und akklamiert waren wie das öffentliche Ohrfeigen von Kindern. Andererseits lassen das konfuse Muster der Argumentationsströme und der Verwirrungsgrad der darin Umherpaddelnden vermuten: Hier hat über die vergangenen Jahrzehnte kein kontinuierlicher Modernisierungsprozess im Umgang von Mann mit Frau stattgefunden; vielmehr wurden da – vielleicht unter dem Druck von diffusem schlechtem Gewissen – mächtige Brocken der Machokultur abgekapselt und harren beim Einzelnen wie auch im gesellschaftlichen Grundrauschen einer sauberen Aufarbeitung.
Die Debatte ist also gut.

Aber sie ist besonders komplex aus einem Grund, der für Wertediskussionen ganz und gar untypisch erscheint: Die Debatte ist nicht etwa kompliziert, weil die Standpunkte so kontroversiell oder am Ende unvereinbar wären; vielmehr ist sie das, weil die Positionen überhaupt nicht gegensätzlich sind, sondern einander nicht einmal im Blickfeld haben. Diese Debatte ist keine Debatte mit Ja oder Nein, Für und Wider; sie ist stattdessen eine Anhäufung von Meinungen zu unterschiedlichen Themen, die sich um einen Anlassfall tummeln.

So findet sich etwa abseits seiner politischen Wasserträger keine ernst zu nehmende Stimme, die Herrn Brüderles Gesabber von Dirndl füllenden Brüsten und Journalistinnen verfallenden Politikern verteidigte. Ja, nicht einmal der FDP-Grande selbst hat für sich und für die zweifellos schnell ansprechbaren Stammtischfraktionen irgendwelche Erklärungen zum Besten gegeben.
profil-Autorin Anna Giulia Fink schreibt – eine „Stern“-Formulierung aufgreifend –, dass sie zu einer Journalisten-Generation gehöre, „die Politiker wie Rainer Brüderle für ,aus der Zeit gefallen‘ hält“. Genau das sind sie: Untote, die zwar auch noch diesseits der deutsch-österreichischen Grenze ihr Unwesen treiben, kaum aber unterhalb einer Altersgrenze von – sagen wir einmal – 50 Lebensjahren. Sie verteidigen? Macht für niemanden Sinn. Sie bekämpfen? Verschwendete Energie. Sie bloßstellen? Selbstverständlich.

Letzteres sieht nicht jeder so – und man pflügte in der Folge weitere Debattenfelder. So wurden der „Stern“ und seine Journalistin Laura Himmelreich in die Kritik genommen, die es gewagt hatten, den Fall erst nach Jahresfrist aufzugreifen, am Ende vielleicht sogar mit dem Gedanken, Auflage zu machen. Wie abscheulich!

In anderer Furche schieben Kommentatoren ihren Pflug, die sich um das Miteinander von Mann und Frau sorgen: Wenn denn nun jeder Flirt unter Generalverdacht stehe, dann müsse man am Ende um Besamungsgelegenheiten für Eizellen fürchten und daher um den Fortbestand der Menschheit. Elfriede Hammerl schreibt dazu – auch in diesem Heft – das Naheliegende: „Es ist doch gar nicht so schwer, erwünschte Annäherung von Belästigung zu unterscheiden.“
Herrn Brüderle war diese Unterscheidungskraft nicht gegeben, nicht auf Basis eines Blicks in den Spiegel (statt ins Glas), nicht beim Abgleich seines Geburtsdatums mit jenem der „Stern“-Journalistin und offenbar nicht bei bloß einer Gelegenheit. Alter Depp, gerechte Strafe, was mehr soll man dazu sagen?

Entwarnung also? Keineswegs. Schon bei Frau Himmelreich ist zu erwarten, dass sie durch die En-passant-Verteidigung weiblicher Integrität für den Rest ihres Lebens gezeichnet ist – es ist zu wünschen als eine Mutige, nicht als Gebrandmarkte. Ein Hinweis: Fälle von regelmäßig bedrängten Journalistinnen in subtiler Abhängigkeit von Politikern sind auch hierorts notorisch.

Abhängigkeit, dies ist das Schlüsselwort. Wo die Macht von Männern gegenüber Frauen beginnt, endet die Abwehrkraft der Belästigten gegen den Belästiger, gewinnt der Sexismus Atemlufthoheit. Angesichts von Männerwirtschaft sprechen wir da vor allem vom Arbeitsplatz: Outing beschert immer Schande und oft Existenzverlust. Da erscheint die Debatte dann wieder am Punkt und zeitgemäß.

christian.rainer@profil.at