<small><i>Christian Rainer</i></small>
Schröpft die kleinen Sparer!

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Schröpft die kleinen Sparer!

Tränen für die armen Zyprioten sind absurd. Falls die Zyprioten nicht zahlen müssen, ist das eine Enteignung aller Nichtzyprioten.

Ein halbes Jahrzehnt nach der Pleite des Bankhauses Lehman Brothers und gefühlte 100 Jahre im Strudel der Eurokrise schwindet die Hoffnung, dass die systemgefährdenden Verwerfungen der Finanzwirtschaft zumindest eines bringen: Erkenntnisgewinn. Wahr ist vielmehr: Die scheinbare Komplexität des Problems hat zu einem realen Erkenntnisstau geführt, der verhindert, dass selbst einfache Zusammenhänge erkannt und die damit verbundenen Schlüsse gezogen werden. Große Emotion wabert, wo das kleine Einmaleins regieren sollte. An die Stelle von Hausverstand ist Hausmeistermentalität getreten, die tritt bestenfalls auf der Stelle, im Regelfall jedoch in alle Richtungen, nur nicht in die richtige.

Ökonomischer Blindflug am Beispiel Zypern.

Wenn Sie nun zähnefletschend erwarten, im Folgenden würden die europäischen Politiker am Halsband vorgeführt, weil sie den zypriotischen Mindestlöhnern an die Gurgel wollten, muss ich diese Erwartungshaltung enttäuschen, ebenso allfällige Hoffnungen auf ein Banker-Bashing. Wahr ist vielmehr: Erstmals hat die Politik – allen voran und im Hintergrund Angela Merkel – spektakulär richtig gehandelt, als man von den Sparern des Inselstaates eine Zwangsabgabe forderte. Nur schade, dass die aufkeimende europäische Zentralmacht einen Rückzieher machte, statt das Land zum Umdenken zu zwingen oder in die Insolvenz – das Beispiel hätte abschreckend Geschichte geschrieben.

„Du wachst auf, und die ziehen dir von deinem 3000-Euro-Sparguthaben 6,75 Prozent ab. Das ist ja der Gipfel! Das ist Enteignung!“ Das sagt der deutsche Links-Fraktionist Gregor Gysi in einem Interview für profil in diesem Heft. Hans-Ulrich Jörges, Großkommentator des „Stern“, sagt Ähnliches, wenn er in der aktuellen Ausgabe seines Magazins klagt, den zypriotischen „Sparern geht es ans Geld“. Ja, „Zypern ist eine obszöne kleine Volkswirtschaft“, so Armin Thurnher im „Falter“, ein „Freudenhaus dieser pervertierten Finanzwelt“ (Jörges). Geschenkt! Aber muss es deshalb wirklich „Ausnahmen für sozial Schwache geben“ (Thurnher)?
Meine Herren: Die so beklagenswerten Sparer, von denen Sie da reden, bekamen in den vergangenen Jahren drei Mal den Zinssatz, der in Österreich gezahlt wurde. 2010 etwa waren das über vier Prozent. Wer 2008 100.000 Euro auf ein zypriotisches Bankkonto legte, das hat „Der Standard“ errechnet, bekäme heute 124.000 Euro; auf einem österreichischen Konto lägen inklusive Zinsen nur 111.000. Begreifen Sie, worauf ich hinauswill? Wenn ich dem zypriotischen Rentner jetzt 6,75 Prozent abzöge, machte er im Vergleich zu seinem hierorts beheimateten Widerpart noch immer ein gutes Geschäft. Selbst wenn ihm zehn Prozent zur Staatssanierung „enteignet“ werden, steigt er prächtig aus.

Jetzt wird der ach so arme Mann wohl gar nichts zahlen müssen. Er hat wegen des vermeintlich hohen Risikos über Jahre hohe Zinsen kassiert; das Risiko entpuppt sich nun als ein Nichtrisiko, denn es wird im europäischen Konsens und unter Akklamation von Gysi, Jörges, Thurnher nicht schlagend. Die Italiener und die Spanier reiben sich schon die Hände: Spanien verkaufte kürzlich Anleihen um über fünf Prozent, der zehnjährige Schuldschein der Republik Österreich brachte vergangene Woche knapp 1,6 Prozent. Kein Risiko in Spanien – wir halten uns an Zypern. Ab in die Sonne!

Risiko. Das hat nichts mit Zufall zu tun, es ist eine mathematische Formel. Viel Risiko: viel Gewinn oder keiner. Wenig Risiko: wenig Gewinn, den aber sicher. Wer das verstanden hatte, glaubte nicht an die Versprechen der österreichischen Regierung, als sie Renditen weit über dem Markt für die private Pensionsvorsorge versprach; der verlachte die niederösterreichischen Provinzkapitalisten, als sie mit Wohnbaugeldern Warren Buffett zu schlagen gedachten; der wusste, dass die Salzburger nichts verdienen würden, sondern fest spielten.

Durch die Politik bekommt die Gleichung allerdings eine Unbekannte: Nicht die Strafsteuer für den zypriotischen Sparer verletzt den Vertrauensgrundsatz, ist eine „Enteignung“, wie uns ein paar große Denker jetzt erklären. Sie wäre bloß eine Abgeltung dafür, dass die Bank oder gleich ganz Zypern nicht pleitegeht. Vielmehr verletzt der kleinlaute Verzicht auf diese Steuer das Vertrauen anderer europäischer Sparer. Dass die Zyprioten nicht zahlen müssen, ist eine Enteignung aller Nichtzyprioten.

christian.rainer@profil.at