Christian Rainer: Schulen produzieren Mittelmaß

Christian Rainer: Schulen produzieren Mittelmaß

Zur Abwechslung ein Text über Bildung (und eine Anmerkung zum zynischen Umgang der EU mit Österreich).

Ja, es wäre verlockend, in dieser Woche einmal mehr über Flüchtlinge zu schreiben. Zum Beispiel über die Chuzpe der Europäischen Union, Österreich für die Beschränkungen an seinen Grenzen zu kritisieren, gar von Rechtsbruch zu sprechen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz raunt zynisch von einer „intellektuell brillanten Leistung“. Als hätten er und seine Abgeordneten in dieser Sache irgendetwas weitergebracht. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker „mag die Entscheidung nicht“ und fragt sich, „ob sie im Einklang mit EU-Recht steht“. Als hätten seine Kommissare irgendeine Entscheidung auf den Weg geschickt.

Wie immer man zu den österreichischen Maßnahmen steht, ob man die Grenzen offenhalten will oder nicht, wie sehr einen auch das unbeholfene Wording der Innenministerin täglich aufs Neue konsterniert: Die EU und ihre Spitzen verhalten sich unmöglich, wenn sie nicht anerkennen, was ein kleines Mitglied da bisher alleine geschultert hat, wenn sie nicht sehen, dass dieses Mitglied vom Rest der EU minus Deutschland in eine ausweglose Situation getrieben worden ist. Sie argumentieren darüber hinaus intellektuell unredlich, wenn sie rechtliche Hindernisse anführen, zumal die EU in den vergangenen Monaten in Permanenz Recht gebogen hat, während die nun in Österreich beschlossenen Einschränkungen des Grenzübertritts aus sicheren Drittstaaten doch ganz eindeutig mit dem Dubliner Übereinkommen im Einklang stehen. (Da bin ich konträrer Ansicht zu Peter Michael Lingens)


Aber nein, ich will in dieser Woche ja nicht über Flüchtlinge schreiben, stattdessen ein paar Gedanken über die Schule loswerden.

Aber nein, ich will in dieser Woche ja nicht über Flüchtlinge schreiben, stattdessen ein paar Gedanken über die Schule loswerden. Anlass: die Abschaffung der Noten in der Grundschule. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde von der roten Bildungsministerin vergangene Woche vorgelegt und von der schwarzen Bildungssprecherin postwendend abgeschmettert.

Da beginnt das Problem schon, und in der Realität endet es eben da: Weil die beiden großen (ehemals großen) Lager ihre Ideologien (Aufstiegsutopien hier, Standesdünkel dort) nicht auf einen Nenner bringen können (und Bildung die bildhafteste Abbildung dieses Klassenkampfes ist), findet der Fortschritt des österreichischen Systems ausschließlich in Versuchsanordnungen (in Schulversuchen) statt. Die Grundausstattung des Schulsystems von 2016 stammt daher aus 1774 (Maria Theresianische Schulordnung) und aus 1918 (Schulreform von Otto Glöckel). Ein Vergleich macht sicher, dass dies nicht nur oberlehrerhaft dahingesagt ist.

In der Folge ist erstens bemerkenswert, dass sich Österreich dennoch zur Zentralmatura durchgekämpft hat (heuer ausgeweitet auf die BHS), und alle Kritik an der Verschiebung um ein Jahr und an Pannen punktuell bleibt lächerlich. Ist aber zweitens zum Beispiel das aktuelle Dilemma um die Noten in der Volksschule nicht lösbar. Da knallt eine Partei einer anderen einen Text vor die Nase – möglicherweise, weil Verhandlungen nichts gefruchtet haben –, wodurch die Fronten verhärtet sind, bevor die öffentliche Diskussion überhaupt begonnen hat. Hinzu kommt stets die Lehrergewerkschaft (genauer und schlimmer: kommen die Lehrergewerkschaften), die mit gutem Grund unter dem Verdacht steht, die Personalvertretung über die Schülervertretung zu stellen. In der Folge also: Ich habe keine Ahnung, ob Malen mit Zahlen für Sechs- bis Zehnjährige sinnvoll ist. Vielleicht sollte die Entscheidung nicht nur den individuellen Schulen überlassen werden, sondern sogar den einzelnen Lehrern.


Mein Eindruck ist, dass es in Österreich hingegen gleich an beiden Enden krankt.

profil-Cartoonist Rudi Klein sagt dazu: „Es kommt immer auf die Qualität des Lehrers an.“ Das spricht freilich sowohl dafür als auch dagegen, entsprechende Entscheidungen in die Autonomie eben dieser Lehrer zu stellen.

Abschließend doch noch ein Anlauf, zu einer Meinung zu finden. Ein französischer Politiker klagte mir jüngst, für die Eliten stelle Frankreich massiv Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung, die Ausbildung der unteren Schichten – und damit wären wir wieder bei Flüchtlingen und deren Integration angelangt – liege aber im Argen. Mein Eindruck ist, dass es in Österreich hingegen gleich an beiden Enden krankt. Die schwächeren Schüler werden liegengelassen, und der recht ungebremste Zuzug wird diese pädagogische Kellerzone noch vergrößern. Zugleich fehlen aber Einrichtungen für die intellektuelle Spitze: flächendeckend Eliteschulen und Ivy-League-Universitäten, auch ohne finanzielle Belastung zugänglich.

Österreich produziert geistiges Mittelmaß.

christian.rainer@profil.at