<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sind die Nazis tot?

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sind die Nazis tot?

68 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 13 Jahre nach dem Schüssel-Haider-Pakt sieht es ein wenig danach aus.

Mit dem „Fest der Freude“ auf dem Wiener Heldenplatz ist dem offiziellen Österreich (mit den Offiziellen deutlich in Richtung rot und grün lehnend) eine große Geste leicht von der Hand gegangen. Das Konzert der Symphoniker zum Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands: eine elegante Methode, den jährlichen Aufmarsch ehemaliger Nazis und heutiger Gestriger in ihre Buden abzudrängen. Eine positive Ausflaggung statt des „Totengedenkens“ (mit Gedanken bloß in eine Richtung): So gewinnt man die Deutungshoheit gegenüber jenen, die sie über fast sieben Jahrzehnte für sich reklamierten.

Warum aber erst im Jahr 2013, 68 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges?

Vielleicht ist das kein Zufall. Möglicherweise ist das „Fest der Freude“ gar nicht der Ausdruck des Gestaltungswillens einiger couragierter Politiker, die hier ein Zeichen gegenüber der Geschichte setzen. Vielmehr wäre dieses Zeichen umgekehrt Ausdruck einer Veränderung, die bereits stattgefunden hat: Ist Österreich endlich an dem Punkt angekommen, wo seine Geschichte Vergangenheit wird? Wird es jetzt langsam denkbar, die eigenen Verstrickungen in die Nazi-Gräuel auch als uneigene Taten zu sehen? Sind die Nazis tot?

Physisch sind sie das bald alle. Wer 1945 25 Jahre alt war, wem man also eine umfassende Selbstverantwortung für den Umgang mit der NS-Ideologie zuschreiben darf, der ist nun über 90, weit jenseits der Lebenserwartung und damit meist verstorben. Richtig ist zwar auch, dass der Tod von Tätern und Opfern nicht zu einem Ende der Geschichte führen wird; so lange deren Kinder oder auch die Enkel leben, wird es eine individualisierbare Gesamtverantwortung für Holocaust und Angriffskrieg geben. Aber diese persönliche Komponente ist in der dritten Generation zweifellos schwächer als in der ersten.

Was spricht darüber hinaus für eine Normalisierung des Umgangs mit der schrecklich unnormalen österreichischen Geschichte? Nochmals der 8. Mai, jetzt von der anderen Seite betrachtet: Vor einigen Jahren wäre die neue Interpretation dieses Gedenktages nicht ohne Protest möglich gewesen – und zwar nicht ohne Protest durch genau jene, die nun die Interpreten sind. Wer nämlich das Ende des Zweiten Weltkriegs primär als eine Befreiung bezeichnet, lässt außer Acht, dass Österreich nicht gewaltsam okkupiert wurde, vielmehr Hitler mit offenen Armen begrüßte, sich überdurchschnittlich eifrig an den Verbrechen des Naziregimes beteiligte. Genau dieses Bewusstsein haben gerade jene geschaffen, die jetzt die Befreiung betonten: die Roten und die Grünen, das Umfeld des Mauthausen-Komitees.

Das kann aber auch heißen: Die Rolle Österreichs, das Land als Täter statt als Opfer, ist inzwischen – nach der Auseinandersetzung mit Waldheim und mit Haider – soweit Grundkonsens geworden, dass eine neue und differenzierte Interpretation des 8. Mai in den Vordergrund treten kann.
Ein weiteres Indiz für einen Umgang mit der Vergangenheit, der endlich auf gutem Boden baut: der Festakt zur Neugestaltung der Gedenkstätte im Konzentrationslager Mauthausen am 5. Mai (siehe auch hier) . Das geringe Interesse der Öffentlichkeit muss nicht zwingend mit mangelndem Bewusstsein für die Symbolik des Ortes zusammenhängen. Der bloß leise Widerhall in den Medien mag auch dem Grundkonsens geschuldet sein, dass eine derartige Veranstaltung Normalität darstellt und nicht mehr einen Ausnahmezustand.

Schließlich: Dass die FPÖ verseucht ist von Funktionären mit Neonazi-Vergangenheit, dass ihre Machtstruktur auf deutschnationalen Studentenverbindungen baut, ist ein Faktum. Daran wird sich wegen der Behäbigkeit von Parteiapparaten nichts ändern. Richtig ist aber auch, dass der Parteiobmann (mit einschlägiger Biographie) daraus kein Kapital schlagen kann, dass Figuren wie ein Herr Graf und zwei Herren Scheuch das Potenzial von Heinz-Christian Strache behindern. Entsprechend neugierig darf man daher sein, welcher Form von rechter Radikalität sich die FPÖ im Nationalratswahlkampf noch bedienen kann.

Und zuletzt: Österreich steht nicht nur 68 Jahre nach dem 8. Mai 1945, sondern auch 13 Jahre nach dem 3. Februar 2000. An diesem Tag unterzeichneten Wolfgang Schüssel und Jörg Haider ihren Koalitionsvertrag; der schwarz-blaue Pakt war als Regierungsbeteiligung einer deutschnationalen Partei mit Neonazi-Elementen ein Tabubruch für ganz Europa. Die ÖVP argumentierte, man wolle die FPÖ solcherart als normale Partei etablieren.

Vielleicht hat Schüssel wider Willen zur Normalisierung des Landes und seines Geschichtsbilds beigetragen, indem seine Regierungszeit genau das Gegenteil zu Tage brachte: eine freiheitliche Partei, die sich bald als Gemengelage von Chaoten, Kriminellen und rechten Gesinnungstätern er­wies.n

christian.rainer@profil.at