<small><i>Christian Rainer</i></small>
Vater unser?

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Vater unser?

Ein Papst tritt ab. Und der welt­liche Westen behandelt den Akt als Familienereignis.

Pater Gabriele Amorth, Chefexorzist der Diözese Rom, würdigte Papst Benedikt XVI. nach dessen Rücktrittsankündigung. „Benedikt XVI. hat viel für uns Exorzisten getan. Er hat uns erlaubt, nicht nur vom Teufel besessene Menschen, sondern auch Personen, die teuflische Störungen erdulden müssen, zu behandeln“, sagte Amorth. 70.000-mal sei er erfolgreich gewesen, so der emeritierte Präsident des internationalen Exorzistenverbands über die Bilanz des Einschreitens. Weniger zufrieden ist der römisch-katholische Priester mit seinem Wirken im Kampf gegen Yoga und gegen das Lesen von Harry-Potter-Romanen, beides Tätigkeiten, die er als „satanisch“ bezeichnet – mangels Widerspruchs im Einvernehmen mit dem Heiligen Vater.

Gabriele Amorths Würdigung, die Ende vergangener Woche als Echo auf die überraschenden Vorgänge im Kirchenstaat das Erdenrund umkreiste, klingt ein wenig skurril, eigentlich sogar sehr, ist es aber nicht, und zwar gar nicht. Herr Satan gehört schließlich zum innersten Kern des christlichen Glaubens, und die penibel ziselierten Methoden, sich seiner punktuell zu entledigen, sind Teil der Gebrauchsanweisung für die römisch-katholische Kirche. Kardinal Christoph Schönborn sagt zu profil in dieser Ausgabe: „Man muss unterscheiden zwischen zeitbedingten Gewohnheiten und dem Glaubensgut, das die Kirche verkünden muss, wenn sie ihr Selbstverständnis nicht aufgeben will.“ So unmissverständlich der Kardinal damit etwa eine Diskussion über den „zeitbedingten“ Zölibat nachgerade anregt, so sehr stärkt er ausgerechnet dem auf sein Recht als „Glaubensgut“ beharrenden Teufel den Rücken. Bloß das anzuwendende Ritual samt der dabei applizierten Menge Weihwassers ist für diesen Kirchenfürsten, für seinen aktuellen und für seinen zukünftigen Chef also disponibel.

Die Rezeption des Benedikt-Rücktritts nimmt wunder in einem ganz und gar profanen Sinn. War nicht zu erwarten, dass sich die Öffentlichkeit mit ostentativer Distanz für acht Jahre päpstliche Sturheit revanchiert? Ist im Lichte des Auseinanderklaffens von zunehmend moderner Welt und der – inklusive jener Exorzismusvorschriften – in sich verharrenden Zentralgewalt nicht eine klare Abgrenzung das Gebot der Stunde?
Die Anteilnahme an den Vorgängen in Rom während der vergangenen Tage spricht eine andere Sprache. Das Schicksal des Papstes wird im Westen als Familienereignis behandelt. Der neutrale Standpunkt wie in der Vorzeile der profil-Titelgeschichte – „Den Pensionsschock hat seine Kirche zu verkraften“ – bleibt eine Seltenheit. Schrieb die „Bild“-Zeitung bei Amtsantritt von Josef Ratzinger patriotisch „Wir sind Papst!“, so bekommt man nun den Eindruck, dass der Tenor der Kommentatoren zwischen Wien und Lissabon „Wir sind Kirche!“ heißt.

Das überrascht: eben, weil das katholische Regelwerk, wie es in Rom vorgekaut und von den Bischöfen an das Kirchenvolk ausgespeist wird, mit der Lebenswirklichkeit der Gläubigen so viel zu tun hat wie die Vorschriften bezüglich Keuschheit mit der Lebenswirklichkeit der Priester – und die unvermutete Identifikation der gerade noch Geknechteten mit der Amtskirche steht überdies im besonderen Widerspruch zum spezifischen Wirken Benedikts.

Hinzu kommt, dass sich hier offensichtlich Personen einer Familie zugehörig fühlen, der sie nicht einmal angehören. Wenn die Gratiszeitung „Heute“ in Wien schreibt „Müder Papst bittet um Gebete“, dann geht dieses Ersuchen nicht einmal an vier von zehn Lesern: Der Katholikenanteil in der Bundeshauptstadt ist längst unter 40 Prozent gesackt. Und wenn die „Kronen Zeitung“ spekuliert „Was man vom nächsten Papst erwarten kann“, dann betreffen diese Erwartungen schwache zwei Drittel der Österreicher.

Woher also dieses faktisch nicht begründete Wir-Gefühl, das am Montag der Vorwoche aus heiterem Himmel ganz Österreich und halb Europa wie ein Faschingshut übergestülpt wurde? Vielleicht ist es bloß die masochistische Erinnerung an eine Kindheit, in der gesellschaftlicher Druck ein Abmelden vom Religionsunterricht, geschweige denn von der Vereinsmitgliedschaft, unmöglich machte, eine Zeit, als der Kauf einer Packung Kondome drei Jahre Fegefeuer zusätzlich brachte.

Vielleicht ist aber auch was dran an der Kraft einer christlichen Wertewelt, wie sie derzeit fast ausschließlich von Parteigängern der Kirchen gepredigt (und von Intellektuellen wie dem kürzlich verstorbenen Christopher Hitchens verteufelt) wird. Wenn diese Wertewelt tatsächlich existiert – und noch dazu so diffus, dass sie eine Jobrotation im Vatikan zur globalen Herzensangelegenheit macht –, dann ist es wieder einmal an der Zeit, für eine Neubenennung dieser Welt zu plädieren: ohne Vaterunser, ohne impliziten Hinweis auf die gelegentliche Notwendigkeit von Exorzismen – damit sie auch Agnostikern, Atheisten und Feinden des Papstes offensteht.

christian.rainer@profil.at