Leitartikel

Christian Rainer: Was wirklich geschah

Es war eine relativ ruhige Woche. Daher eine Gebrauchsanleitung für Leitartikel.

Drucken

Schriftgröße

„Was wirklich geschah“? Ich will Ihnen heute tatsächlich kursorisch erzählen, was in der vergangenen Woche passiert ist – und auch nicht. „Und auch nicht“ ist der Grund, warum ich diesen Zugang wähle: Die Woche war nicht geprägt von einem Highlight oder gar von mehreren Höhepunkten. Daher also ein Überblick. Vor allem aber Hinweise darauf, wie dieser Leitartikel üblicherweise entsteht.

Beginnen wir mit diesem „wie“. Ich werde häufig nach der Genese der Leitartikel gefragt, und die Antwort fällt anders aus als ebenso häufig vermutet: Ich schreibe den Text meist knapp vor Redaktionsschluss am Freitag nachmittags. Wenn ich mir Zeit nehme, dauert das drei bis vier Stunden. Die Tür meines Büros steht offen, ich redigiere zwischendurch Texte, beantworte Mails, telefoniere, recherchiere und verifiziere während des Schreibens. Bei geschlossener Tür und bei Zeitnot geht’s aber auch in ein bis zwei Stunden (und Sie werden kaum einen Unterschied bemerken). Danach wird der Text – wie alle Texte bei profil – von einer Kollegin oder einem Kollegen gegengelesen, allenfalls nachjustiert, geht ins Layout und zum Korrektorat. Manche Texte bekommt unser Anwalt zu sehen, den Leitartikel selten.

Warum so spät? Das ist einerseits der Gewohnheit des jeweiligen Autors, der Autorin geschuldet – in diesem Fall also meiner Gewohnheit. Andererseits hat es bei meinem Leitartikel aber auch mit Abwarten zu tun: Was ist in der Printausgabe abgedeckt und wie – und was nicht? Was tut sich am Freitag noch im Land oder auf der Welt und sollte verarbeitet werden?

Womit auch jene Frage beantwortet ist, die ich am häufigsten höre: Ob ich meine Themen von langer Hand plane? Nein, ich plane sie meist nicht. Aber ja, sie entstehen doch fast immer aus der Beobachtung des Geschehens über den Wochenlauf.

„Last Man Standing“ wäre mein Titel gewesen. Ich hätte über einen Bundeskanzler geschrieben, der nach Kurz und gegen den Volkszorn nicht gewinnen kann.

Womit ich überleiten darf zu jenem Lauf in der aktuellen Woche. Am vergangenen Montag streikten die Bediensteten der ÖBB für 24 Stunden. Das ist im streikarmen Österreich ein außergewöhnliches Ereignis. Warum es dann kein Thema ist für einen Leitartikel, werden Sie mich zu Recht fragen. Wäre es natürlich. Wenn Sie diesen Kommentar lesen, liegt der Streik allerdings bereits viele Tage zurück. Womit er ein Thema für den Leitartikel der Woche davor hätte sein können – mit der Einschränkung, dass damals bei Redaktionsschluss noch gar nicht feststand, ob die Eisenbahner wirklich die Arbeit niederlegen würden. Ein wichtigeres Argument: Wir haben den Streik mehrfach abgedeckt. Franz Schellhorn widmet in diesem Heft seine (alle zwei Wochen erscheinende) Kolumne den ÖBB: „Streiken die Eisenbahner für uns alle?“, fragt er da im Titel und argumentiert sein Nein dann ausführlich. Ich kann ihm nur zustimmen. Wir – Eva Linsinger und ich – hatten den ÖBB-Streik aber auch schon am Mittwoch im wöchentlichen Innenpolitik-Podcast behandelt. (Dort ging es auch um ein weiteres mögliches Thema für einen Leiter – um die Entwicklung des Pensionssystems.) Und überdies hatte ich selbst am Montag in unserem täglichen Newsletter „Morgenpost“ am Rande über die ÖBB geschrieben. Hier ergibt sich wieder eine Verbindung zu Schellhorn: Wir kritisieren beide, dass die Bahn durch die Ausgliederung der Investitionen scheinbare Gewinne ausweist, die in Wahrheit enorme Verluste sind.

Die „Morgenpost“: Der Newsletter wird abwechselnd von einem Gutteil der profil-Redakteurinnen und -Redakteure geschrieben. Es ist tagesaktueller Journalismus in herausragender Sprache und derzeit kostenfrei. Der Newsletter beeinflusst wiederum auch, was dann im Leitartikel zu lesen ist oder nicht mehr. So ging es dort am Montag eben um ÖBB und ÖVP, am Dienstag um die Streikdrohung im Handel, Mittwoch um den U-Ausschuss, Donnerstag um Russland, Freitag um „Smash“ (das Jugendwort des Jahres). Bitte abonnieren Sie den Newsletter auf profil.at/newsletter!

Ich hätte diese Woche auch über die Entwicklungen im Iran oder in China schreiben können. Das hat mehr Gewicht als die Streiks in Österreich. Beides ist aber in der Printausgabe abgebildet. Der Iran ist auch Thema des profil-Talks. Dieses TV-Format wird regelmäßig Freitag mittags im TV-Studio in Wien-Heiligenstadt aufgenommen, wo auch die profil-Redaktion arbeitet, und es ist über profil.at abrufbar. Meine Meinung dazu wäre übrigens gewesen: Der Aufstand da wie dort wird scheitern. Beides überrascht: Im Iran hält sich das Mullah-Regime seit gut vier Jahrzehnten trotz im Hintergrund weiter bestehender westlicher Wertestrukturen. In China floriert die Einparteiendiktatur, obwohl mit wachsendem Wohlstand der Bevölkerung eine Demokratisierung vorausgesagt worden war.

Schließlich hätte der Leitartikel über das erste Jahr von Karl Nehammer bilanzieren können. „Last Man Standing“ wäre mein Titel gewesen; ich hätte über einen Bundeskanzler geschrieben, der nach Sebastian Kurz und gegen den Volkszorn nicht gewinnen kann. Ein wesentlich differenzierterer Befund findet sich freilich auf den folgenden Seiten dieser Ausgabe.

Danke, dass Sie mir erlaubt haben, einen Kommentar zu schreiben, ohne zu kommentieren. Es war eben eine relativ ruhige Woche. 

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber