Karenzvertretung

Das Schattenreich am Ende der Welt

Eine reale Gruselgeschichte über einen verwunschenen Ort.

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That is not dead which can eternal lie,
and with strange aeons even death may die. 

Abdul Alhazred

Stell dir vor, du befindest dich an einem Ort auf der Erde, der am weitesten von jeglichem Land entfernt ist, ein Ort, der so isoliert ist, dass du näher an den Astronaut:innen in der Internationalen Raumstation (ISS) bist als an den Menschen auf der Erde. Dieser Ort trägt den poetischen Namen „Pol der Unzugänglichkeit“, und er ist tatsächlich näher an der ISS, die durchschnittlich nur 400 Kilometer entfernt ist, als an jeglichem Land, welches über 2688 Kilometer entfernt liegt. Im Geo-Jargon nennt man ihn: Point Nemo, was sich vom fiktiven Kapitän Nemo aus Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ ableitet, einem Mann, der die entlegensten und unerreichbarsten Teile des Ozeans erforscht hat. Denn obwohl der Ort auf der Karte wie jeder andere Punkt im Ozean aussieht, ist er doch ein Ort voller Geheimnisse und Geschichten. Da er so weit von Land entfernt ist, ist es de facto unmöglich, ihn ohne spezielle Ausrüstung und ausreichend Vorräte zu erreichen. Die Isolation ist einer der unheimlichsten Aspekte. Aber auch die Stille. Und die Dunkelheit. Es gibt hier kaum Lichtverschmutzung, was ihn zu einem der finstersten Orte unseres Planeten macht. Nicht ohne Grund hatte der Horrorautor H. P. Lovecraft diesen Teil des Pazifiks als den Ort der sagenumwobenen Stadt R’lyeh gewählt, der Heimat des mächtigen und schrecklichen Cthulhu, einer fiktiven Gottheit, die der menschlichen Vorstellungskraft trotzt. Doch wir brauchen gar nicht die Welt der weird fiction zu bemühen, die Realität ist seltsam genug.

Obwohl der Ort auf der Karte wie jeder andere Punkt im Ozean aussieht, ist er doch ein Ort voller Geheimnisse und Geschichten. Da er so weit von Land entfernt ist, ist es de facto unmöglich, ihn ohne spezielle Ausrüstung und ausreichend Vorräte zu erreichen. Die Isolation ist einer der unheimlichsten Aspekte. Aber auch die Stille. Und die Dunkelheit.

Ab und an erleuchtet ein seltsames, feuriges Licht die einsame Schwärze. Etwas stürzt vom Firmament. Ein glühender Ball, der die Düsternis zerschneidet, taucht in die Atmosphäre ein. Sein Licht flackert, lodert auf, erlischt und verschwindet in der bodenlosen Tiefe des Meeres. Wenn Satelliten und andere Raumfahrzeuge das Ende ihrer Betriebszeit erreichen, müssen sie sicher aus dem Erdorbit entfernt werden, um Kollisionen und Weltraumschrott zu vermeiden. Raumfahrtorganisationen wie die NASA und die Europäische Weltraumorganisation haben Punkt Nemo als idealen Ort für diesen kontrollierten Absturz ausgewählt. Durch die weit entfernte Lage von Punkt Nemo besteht keine Gefahr, dass abstürzende Raumfahrzeuge bewohnte Gebiete treffen oder wichtige Schifffahrtsrouten stören. Zu den bemerkenswertesten „Bewohnern“ dieses Raumschifffriedhofs zählen die sowjetische (und Franz Viehböck’sche) Raumstation Mir, die hier 2001 eine letzte Ruhe fand, sowie eine Vielzahl von Frachtraumschiffen und ausgebrannten Raketenstufen. Es wird angenommen, dass dieses Meeresgebiet die letzte Ruhestätte von mehr als 260 Raumfahrzeugen ist. Obwohl diese Raumfahrzeuge nach ihrem Wiedereintritt in der Regel zerbrechen und sinken, senden einige von ihnen möglicherweise noch Signale aus, während sie auf ihrer letzten Reise in die Tiefen des Ozeans sind. Diese „Geistersignale“, die von den sterbenden Satelliten ausgehen, durchbrechen die sonst so ruhige Atmosphäre dieses entlegenen Ortes und erzeugen eine unheimliche Symphonie aus Störgeräuschen und Signaltönen. Die Vorstellung, dass diese Signale die einzigen Anzeichen von „Leben“ in dieser entlegenen Region sind, fügt dem mystischen Charme von Punkt Nemo eine weitere Schicht hinzu.

Die extrem isolierte Lage von Punkt Nemo hat auch zur Folge, dass diese Region des Ozeans biologisch fast leer ist. Der Grund dafür ist, dass Nemo inmitten des Südpazifischen Wirbels liegt. Dieser Wirbel ist ein riesiger, kreisförmiger Ozeanstrom, der durch die globalen Windmuster und die Erdrotation entsteht. In den meisten Teilen der Welt ist das Meer voller Leben, aber in den Gewässern rund um Punkt Nemo ist das anders. Die Zone ist ein ozeanischer Wüstenzustand – ein Ort, an dem kaum Leben existiert. Die Strömungen dieses Wirbels tragen dazu bei, dass das Wasser arm an Nährstoffen ist, was bedeutet, dass Phytoplankton, die Basis der marinen Nahrungskette, hier kaum gedeihen kann. Ohne diese winzigen photosynthetischen Organismen kann kaum anderes Leben existieren. Die Gewässer sind daher erstaunlich klar, da es kaum Plankton gibt, das das Sonnenlicht streuen könnte. Die Sauerstoffkonzentration im Wasser ist ebenfalls fatal niedrig. Dieser Zustand, bekannt als Hypoxie, macht es für die meisten Arten schwierig, zu überleben, und Wissenschafter:innen bezeichnen das Gebiet als „ozeanische Todeszone“. Doch sogar inmitten dieser öden, unerbittlichen Wildnis trotzen einige wenige Organismen der Finsternis. In statistisch nahezu vernachlässigbaren Zahlen treiben diese Wesen wie flüchtige Lichter, die in der Dunkelheit des Alls verstreut sind; beharrlich weigern sie sich aufzugeben. In der Stille und Abgeschiedenheit dieser unwirtlichen Sphäre haben sie einen Weg gefunden, sich anzupassen und dem Nichts zu trotzen. Das Leben singt ein Lied der Unbezwingbarkeit.

Johannes  Grenzfurthner

Johannes Grenzfurthner

Johannes Grenzfurthner ist Gründer des Kunst-Kollektivs monochrom und schreibt als Karenzvertretung von Ingrid Brodnig.