Meinung

Das Zeitalter des KI-ndergartens

Zu glauben, dass sich Produktivitätssprünge einstellen, wenn man Mitarbeiter zum Experimentieren mit der KI animiert, ist naiv. Dafür braucht es weniger Spielwiese und mehr Klassenzimmer.

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In den letzten Monaten hat sich in unseren Büros eine bemerkenswerte Veränderung vollzogen: Der KI-Hype hat Einzug gehalten und mit ihm eine Spielwiese, die an unbeschwerte Kindergartentage erinnern soll. Jeder Mitarbeiter hat nun Zugang zu einem KI-Chatbot und wird ermutigt, neugierig damit zu spielen oder, um es seriöser auszudrücken, die Möglichkeiten zu erforschen.

Diese Phase des freien Spiels ist für Kinder unerlässlich, sie bereitet uns auf den Ernst des Lebens vor, so wie uns der Kindergarten auf die Schule vorbereitet hat. Doch während das Spiel im Kindergarten noch von der Kindergartentante angeleitet wurde und die Leistung erst in der Schule beginnt, scheint im Büroalltag erstens jeder für sich zu spielen und zweitens kein erkennbares Ziel dahinterzustehen. Und genau hier liegt das Problem: Neue KI-Technologien sind für Unternehmen unverzichtbar, aber wir müssen dringend die Spielwiese verlassen.

Es ist eine Sache, einen KI-Chatbot zu verwenden, um Möglichkeiten auszuloten. Es ist aber etwas ganz anderes, von jedem Mitarbeiter zu erwarten, dass er im Alltagsstress die Zeit und das Interesse hat, einen Prompt (Anm. Eingabeaufforderung) zehn Mal zu wiederholen, bis ein vernünftiges Ergebnis herauskommt, das ihm tatsächlich Arbeit abnimmt. Man stelle sich vor, alle Mitarbeiter wären jeden Tag damit beschäftigt, herauszufinden, was geht und was nicht – das ist das Gegenteil von Zeitersparnis und den erhofften großen Produktivitätssprüngen. Jenseits von Matheaufgaben, E-Mail-Zusammenfassungen und Vortragsentwürfen ist der große Sprung der Entlastung noch nicht wirklich erfolgt.

Die Aus- und Weiterbildung in den Unternehmen sollte daher Priorität haben und auch bei den Führungskräften ansetzen, um den naiven Glauben auszumerzen, dass KI-Technologien bald alles und jeden ersetzen können und dafür zudem wenig Aufwand notwendig ist. Frei nach dem Motto: Ein oder mehrere Menschen konnten das Problem nicht lösen, also streuen wir ein bisschen KI drüber, murmeln drei Mal leise „künstliche Intelligenz“, und voilà: Alles funktioniert wie von Zauberhand. Es ist wirklich an der Zeit, ernsthafte Information und Ausbildung in die Organisation zu bringen, nicht individuell, sondern kollektiv, gesteuert und mit einem Ziel.

Wir müssen raus aus dem KI-ndergarten und rein in den für alle Beteiligten sinnvollen Klassenraum.

Gerhard Kürner

zur KI-Debatte

Und hier kommt der nächste Schritt: Strukturierte Bottom-up-Prozesse müssen eingeführt werden, um überhaupt erst einmal zu definieren, was im Arbeitsalltag wirklich nervt und belastet, und zwar bei denen, die es täglich tun. Was wiederholt sich, was bleibt immer gleich, und was könnte eigentlich jeder machen, wenn er wüsste, wie es geht? Hier darf drei Mal laut „KI“ gerufen werden.

Wir müssen raus aus dem KI-ndergarten und rein in den für alle Beteiligten sinnvollen Klassenraum des täglichen Geschäftslebens. Das bedeutet, dass wir KI dort einsetzen, wo sie am meisten gebraucht wird, und zuerst dort, wo sie die größte Wirkung entfalten kann. Es geht nicht darum, Technologie um der Technologie willen einzusetzen, sondern gezielt dort, wo sie die Arbeit erleichtert und die Effizienz steigert. Ja, der erste Schritt ist Arbeitserleichterung und Effizienz, der nächste Schritt ist dann die Oberstufe der KI, denn dort liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Nämlich neue, noch nie da gewesene interne und externe Prozesse zu entwickeln, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Um das zu erreichen, müssen Unternehmen ein klares Ziel sowie eine Strategie für den Einsatz von KI entwickeln, die schnell umsetzbar sind, denn lange Strategieprozesse und noch längere Strategieumsetzungsprozesse haben sich zu Beginn neuer Technologien immer wieder als Zeitverschwendung erwiesen. Wer erinnert sich an Netscape 0.9 von 1994 und wie die erste Netzstrategie innerhalb von zwölf Monaten auf der internen Datenmüllhalde, im Fachjargon Fileserver oder Intranet genannt, landete.

Es ist an der Zeit, den Spieltrieb der letzten Monate hinter sich zu lassen und KI als das zu sehen, was sie wirklich ist: ein neues, mächtiges Werkzeug, das, wenn es verstanden und richtig eingesetzt wird, Unternehmen verändern und die Art und Weise, wie wir arbeiten, revolutionieren kann. Wir sollten auch nicht übersehen, dass die KI selbst unsere größte Hilfe bei der Aus- und Weiterbildung sein kann, wenn sie mir jederzeit mit Unternehmensinformationen zur Verfügung steht und ich gelernt habe, mit ihr zu kommunizieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Verlassen wir also den Kindergarten der KI und betreten wir die Schule des 21. Jahrhunderts, in der die KI uns hilft, die Herausforderungen des Geschäftslebens zu meistern.

Gerhard Kürner

Gerhard Kürner

ist als Gründer von 506.ai Experte für künstliche Intelligenz. profil entführt er in seiner Kolumne „Der Maschinist“ ein Mal pro Monat in die technologische Zukunft.