Karenzvertretung

Ein sommerlich-semiotischer Eistee

Tauchen wir ein in die verwirrende Welt der Produkt-Archäologie und der Zeichen.

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Während meines gegenwärtigen Aufenthalts in den USA stellt sich oft die Frage: Was bestelle ich mir eigentlich zu trinken? Das „Land of the Free“ ist zwar oft nicht ganz so frei, aber es ist immerhin das „Land of the Free Refill“: Beim Kauf eines Softdrinks muss nämlich nur ein Glas bezahlt werden, jedes Nachfüllen ist gratis, und ich nutze das auch weidlich. Bei Globalerwärmungstemperaturen sollte das Motto sowieso „Check your privilege und stay hydrated“ sein. Mit Cola oder Ähnlichem ist es mir aber zu viel (siehe den blutzuckerverwirrenden High-fructose Corn Syrup, der hier überall drin ist), und deswegen greife ich zur süßungsfreien Vollerfrischung in Form des überall präsenten Unsweetened Iced Tea.

Die meisten Geschichtsbücher verweisen auf die Weltausstellung in St. Louis im Jahr 1904 als Geburtsstunde des Eistees. Richard Blechynden, ein britischer Teehändler, sah sich dort angeblich mit einem Problem konfrontiert: Inmitten einer ungewöhnlichen Hitzewelle wollte niemand seinen heißen Tee trinken. So kühlte Blechynden seinen Tee mit Eiswürfeln und gab der Welt damit ein neues Getränk. Einige Historiker:innen stellen diese Geschichte jedoch infrage und behaupten, dass Rezepte bereits vor der berühmten Ausstellung existierten. In Kochbüchern fände man Belege dafür, dass Amerikaner:innen bereits kalten Tee mit Alkohol mischten, und seine Popularität wuchs in den USA während der Prohibition als nichtalkoholischer Ersatz für Cocktails.

Irgendwo zwischen auf Teein basierendem britischen Kolonialismus und dem mafiafördernden Wahnsinn der Prohibition liegt hoffentlich die Wahrheit.

Erst im Jahrzehnt der 1990er-Jahre, der sagenumwobenen Epoche von 2 Unlimited und H-Blockx, wurden die heimischen Supermarktregale mit neuen Erfrischungsgetränksversuchen vollgetetrapakt. Auch die Firma Rauch testete ein Konzept: den Packerl-Eistee.

In meiner Wickie-Slime-und-Paiper-Kindheit in Österreich war davon aber wenig zu spüren. Erst im Jahrzehnt der 1990er-Jahre, der sagenumwobenen Epoche von 2 Unlimited und H-Blockx, wurden die heimischen Supermarktregale mit neuen Erfrischungsgetränksversuchen vollgetetrapakt. Auch die Firma Rauch testete ein Konzept: den Packerl-Eistee. Das Traditionsunternehmen experimentierte mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, von denen sich zwei durchsetzten: Zitrone und Pfirsich. Eistee Zitrone war kein großes Wagnis – aber Pfirsich? Hmmm. Pfirsich ist global betrachtet nicht gerade die klassische Eisteegeschmacksrichtung. Aber der Geschmack schlug ein und ist bis zum heutigen Tage populär. Tatsächlich war Rauchs Versuch so erfolgreich, dass sich das Konzept nicht nur als Getränk, sondern viel tiefer in den Köpfen verankerte. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür war ein Duschgel der Marke Fa, das als „Eistee“ gebrandet wurde. Häh? Als ich es damals aus reinem Interesse kaufte, wurde schnell klar, was da passiert war: Das Produkt duftete einfach nach Pfirsich.

Die Untersuchung von Sprache als einem System von Zeichen ist ein zentraler Aspekt der Semiotik, und der französische Theoretiker Michel Foucault untersuchte, wie Veränderungen in diesem System tiefgreifende Auswirkungen auf das allgemeine Verständnis der Welt hatten. Was in der Causa Duschgel zunächst nach einer seltsamen Kombination aussieht, ist ein schönes Beispiel für semiotische Praktiken. Roland Barthes würde dies als ein Zeichensystem identifizieren, das eine spezifische Kultur und Geschichte repräsentiert. Alles, was Bedeutung trägt – ein Wort, eine Geste, ein Produkt –, kann als Zeichen angesehen werden. Ferdinand de Saussure definierte das Zeichen als die Verbindung zwischen dem Signifikant (der physischen Form, wie etwa einem Wort oder einem Produkt) und dem Signifikat (dem Konzept oder der Bedeutung, die es repräsentiert). Nehmen wir das Duschgel „Eistee“.

Dieses Produkt ist mehr als nur eine zufällige Kombination aus Eistee und Duschgel. Der Name „Eistee“ und der Pfirsichduft repräsentieren eine spezifische Erfahrung – die des Trinkens von erfrischendem, pfirsichgeschmackvollem Eistee – und transferieren sie auf die Körperpflege. Durch die Namensgebung und den Duft wird dieses Duschgel zu einem Zeichen für die sommerliche Frische und Leichtigkeit, die wir mit Eistee verbinden. Die Bedeutung des Duschgels als „Eistee“ basiert auf einem kulturellen Code, der in diesem Fall das Wissen über die Popularität von Pfirsich-Eistee in der österreichischen Kultur beinhaltet. Dieses Duschgel bringt zwei getrennte Erfahrungsbereiche zusammen und verbindet sie durch das Medium des Zeichens, in diesem Fall der Name und der Duft des Duschgels. Die semiotische Analyse berücksichtigt vielfältige Bedeutungsebenen von Zeichen, abhängig vom Kontext und den damit verbundenen Diskursen. Sie betrachtet auch syntagmatische und paradigmatische Beziehungen zwischen Zeichen, die ihre Bedeutung beeinflussen. Die Semiotik deckt somit kulturelle Bedeutungen auf, die unseren Alltag durchdringen. Umberto Eco war sogar so drastisch zu sagen, dass die Semiotik als Disziplin „sich mit allem befasst, was zur Lüge verwendet werden kann“. Denn alles, so sagt der Autor, was nicht zur Lüge genutzt werden kann, kann auch nicht zur Wahrheitsfindung dienen. Na dann, schnell ein Glas Duschgel. Prost!

Johannes  Grenzfurthner

Johannes Grenzfurthner

Johannes Grenzfurthner ist Gründer des Kunst-Kollektivs monochrom und schreibt als Karenzvertretung von Ingrid Brodnig.