Elfriede Hammerl: Alte weiße Feministin

Elfriede Hammerl: Alte weiße Feministin

Selbstbestimmung und Mitbestimmung. Darum geht es. Immer noch.

Alice Schwarzer steht für überholten Feminismus. Sagten Studentinnen der Universität für angewandte Kunst Wien und brüllten sie deshalb nieder, als sie dort am 25. November einen Vortrag halten sollte. Das wirft nicht nur die Frage nach der Redefreiheit an Universitäten auf, sondern auch die Frage, was denn am Feminismus, für den Schwarzer steht, so überholt ist. Die Frage stellt sich, weil das überhebliche Sich-Distanzieren von Schwarzer (und ihren Altersgenossinnen) schon seit einiger Zeit in Mode ist.
Also, was ist so veraltet daran, für Selbstbestimmung und Mitbestimmung von Frauen einzutreten? Dafür, dass sie über sich, ihr Leben, ihre Körper, ihre Pläne frei von Rollenzwängen entscheiden dürfen? Dafür, dass keine gesetzlichen und religiösen Diktate ihre Menschenrechte beschneiden? Dafür, dass sie unsere Gesellschaft gleichberechtigt und im gleichen Ausmaß wie Männer mitgestalten können? Das ist nämlich im Wesentlichen das, wofür die Generation Schwarzer steht.

Die Vorwürfe, die von den Demonstrantinnen an der Angewandten erhoben wurden, lauteten: Schwarzer ist alt, sie ist weiß, sie ist gegen Sexarbeit, sie ist antimuslimisch, sie ist gegen die Verschleierung von Frauen. Die Anschuldigungen Nummer eins und zwei richten sich selbst, denn sie fallen unter Altersdiskriminierung und Rassismus. Aber die anderen?
Schwarzer selber betont immer wieder, dass sie nicht gegen den Islam, sondern gegen den politischen Islamismus ist, diese Unterscheidung wird freilich oft – bewusst – vernachlässigt. Der Kern des Problems scheint mir jedoch, dass der Feminismus, wie Schwarzer ihn vertritt, religionsbefreit ist. Damit zurechtzukommen ist schwer für alle, die ihr emanzipatorisches Frauenbild mit dem Bild eines Gottes in Einklang bringen müssen, dessen Botschaften anti-emanzipatorisch interpretiert wurden und werden.

Zur Verschleierung: Auch ich bin der Ansicht, dass sie als geschlechtsspezifische Bekleidungsvorschrift eine Einschränkung der Selbstbestimmung darstellt. Um die Vorschrift geht es nämlich: Wer sie bekämpft, tritt nicht für ein Verbot weithin beliebter, ästhetisch ansprechender und praktischer Kleidungsstücke ein, sondern gegen einen Bekleidungszwang auf, dessen Nichteinhaltung für Frauen lebensbedrohlich sein kann.
Von der Angewandten war Schwarzer eingeladen worden, um über ihre legendären Kampagnen zu sprechen, zum Beispiel darüber, wie sie 1971 die Zeitschrift „stern“ dazu brachte, mit einer spektakulären Coverstory die Entkriminialisierung des Schwangerschaftsabbruchs zu fordern.

373 Frauen, unter ihnen so berühmte wie Romy Schneider und Senta Berger, bekannten damals, von Schwarzer mobilisiert, öffentlich im „stern“: „Ich habe abgetrieben!“
Wisst ihr eigentlich, möchte ich die Schwarzer-Verächterinnen gerne fragen, was es bedeutet hat, gegen die Paragrafen 218 (in Deutschland) und 144 (in Österreich) aufzustehen? Wisst ihr, was es bedeutet hat, unerwünscht schwanger zu sein, vor der Pille, vor einem ungehinderten Zugang zur Sexualaufklärung, vor der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs? Und wisst ihr, wie schnell euch der Retrozug überrollen kann, wenn ihr nicht aufpasst?


Wisst ihr, wie schnell euch der Retrozug überrollen kann?

Ihr müsst Schwarzer nicht dankbar sein (obwohl sie es verdient hätte). Aber ihr solltet sie nicht schmähen. Sie nicht und uns nicht, die wir gekämpft haben, damit ihr freier, selbstbestimmter, furchtloser aufwachsen und euch entwickeln könnt als eure Mütter und Großmütter. Ja, ich fühle mich auch persönlich angegriffen, wenn Alice Schwarzer geschmäht wird. Ich stimme ihr nicht immer und in allem, was sie sagt und tut, zu (für wen gilt das schon?), aber ich weiß mich mit ihr eines Sinns in den wesentlichen Überzeugungen, und ich finde es sehr beunruhigend, wenn dieser Grundkonsens infrage gestellt wird, und zwar genau von den Personen, denen er zugute kommt, und zwar mit dem schleißigen Argument, er sei überholt.

Schwarzer ist gegen Sexarbeit? Ja, und zwar mit gutem Grund. Ihr würdet schön schauen, wenn ihr als Zwangsprostituierte überleben müsstet. Sexarbeit ist mehrheitlich nicht schickes und gewinnträchtiges Eskortieren charmanter Millionäre, sondern Genitalbenutzung durch Fremde, meistens erzwungen, durch materielle Not oder physische Gewalt. Und was die angeblich segensreiche Wirkung der Sexarbeit auf ansonsten unbefriedigte und in der Folge vielleicht gewalttätige Männer anlangt: Welches Männerbild wird hier entworfen?

Der Feminismus habe sich weiterentwickelt, lese ich in diversen Kommentaren zu dem Vorfall, die Frauenforschung habe mehr zu bieten als Schwarzers Thesen, und es gebe auch andere Stimmen als ihre. Ja, eh. Aber trotzdem würde es sich lohnen, ihr zuzuhören, zumal, wenn sie über konkrete Erfahrungen mit wirksamen Aktionen gegen frauendiskriminierende Gesetze sprechen will.

Die Geschichte des Feminismus sei nicht nur weiß, lautete eine der Begründungen gegen Schwarzers Auftritt. Stimmt. Deswegen gehen wir auch nicht von ethnisch variablen, sondern von universellen Frauenrechten aus, auf die Frauen unabhängig von Herkunft, Religion, Alter oder Bildung den gleichen Anspruch erheben dürfen.