Elfriede Hammerl: Anlassig geht (n)immer

Elfriede Hammerl: Anlassig geht (n)immer

Das Angebot Job gegen Sex ist stets auch eine Drohung: Kein Sex – kein Job.

Ein Chefredakteur schickt einer freien Mitarbeiterin eine Nachricht auf Facebook. Er schreibt, wie begehrenswert sie auf ihn wirke. Und dass er um das Problematische dieses Geständnisses weiß, weil er einen Job zu vergeben habe. Er wolle ihr aber unbedingt mitteilen, wie sexy er sie finde …

Die junge Mitarbeiterin empfindet diese Verknüpfung von Jobangebot und sexuellen Avancen als unzulässig. Das schreibt sie dem Mann zurück. Dann denkt sie über den Vorfall nach und geht zur Gleichbehandlungsanwaltschaft. Die stellt fest: Die Nachricht (die profil vorliegt, aber aus rechtlichen Gründen nicht im Wortlaut wiedergegeben wird) erfüllt den Tatbestand einer sexuellen Belästigung. Die Betonung eines sexuellen Interesses im Zuge eines Bewerbungsverfahrens sei inadäquat, unangenehm und beeinträchtige die Würde der Betroffenen.

Der Mann wird daraufhin vom Dienst suspendiert und in der Folge fristlos entlassen.

Großes Entsetzen in den sozialen Netzwerken. Wie kann dem armen Kerl wegen einer unbedachten Nachricht die wirtschaftliche Existenz entzogen werden! Weiß die Frau, was sie da angerichtet hat?

Hallo, geht’s noch?

Ein – wenn auch eventuell verhalten formuliertes – Angebot Job gegen sexuelles Entgegenkommen ist nicht nur ein unverschämtes Ansinnen, sondern auch eine versteckte Drohung. Sie lautet: Kein sexuelles Entgegenkommen – kein Job. Weiß man, wie oft die wirtschaftliche Existenz von Frauen auf dem Spiel gestanden ist und steht, weil sie sich weigern, das sexuelle Interesse von Vorgesetzten zu erwidern?

Der aktuelle Fall des Reinhard Göweil, der als Chefredakteur der „Wiener Zeitung“ sein Amt verloren hat, weil er einer jungen Kollegin nach einem Bewerbungsgespräch eine anlassige Nachricht auf Facebook schickte, ist ein Musterbeispiel für die Art, in der solche Vorfälle von Teilen der Öffentlichkeit immer noch gesehen werden. Als Falle, in die patscherte Männer tappen, wenn Alkohol und Hormone ihr Hirn außer Gefecht setzen. Als kleiner Ausrutscher, den eine hysterische Wichtigtuerin unnötig aufgebauscht hat. Als Intrige, die ganz anderen Interessen dient als dem Ahnden von Sexismus.

Hochrangige Mitglieder der Old-Boys-Netzwerke haben den zum Opfer umfrisierten Täter auch sogleich ihr Mitgefühl versichert. Und der Mann selber hat die Nachricht zuerst zur Petitesse erklärt, dann mit Trunkenheit entschuldigt und schließlich angedeutet, dass die ganze Sache politische Hintergründe habe. Denn warum sei die Geschichte, die sich schon zu Jahresbeginn zugetragen habe, ausgerechnet jetzt, kurz nach der Wahl, aufgepoppt?

Ja, warum brauchen Opfer sexistischer Übergriffe oft so lang, bis sie an die Öffentlichkeit gehen? Eine Frage, die das Publikum immer wieder begeistert aufgreift.


Sexistische Übergriffe sind inakzeptabel. Basta.

Darum. Weil sie wegen genau der kränkenden, ungläubigen Reaktionen zögern, die dann prompt über sie hereinbrechen. Und weil es meistens halt eine Weile dauert, bis auf eine Anzeige ein valides Gutachten folgt.

Was die politische Verschwörungstheorie anlangt, so steht sie diesfalls auf tönernen Füßen. Den Chefredakteur der amtlichen „Wiener Zeitung“ auszuwechseln, läge ja, wenn, im Interesse der neuen Bundesregierung, aber die gibt es noch nicht. Trotzdem hat die Andeutung Wirkung gezeigt, weil es offenbar nicht glaubwürdig genug ist, dass einer bloß über etwas so Nebensächliches wie sexuelle Belästigung stolpern soll.

Ja, aber, nochmals: Dem Typ hat die Frau halt gefallen. Und betrunken war er auch, als er ihr geschrieben hat. Und da verliert er gleich den Job?

Gegenfrage: Ein Mann von Ende 50, in einer Führungsposition, und nicht imstande, die Folgen seines Tuns zu bedenken, sobald ihn die Hormone überfluten? Ist es da nicht sogar logisch, ihn seiner Leitungsfunktion zu entheben?

Ich hab es, ehrlich, satt, über die Verhältnismäßigkeit von Reaktionen auf sexistische Übergriffe debattieren zu sollen. Sexistische Übergriffe sind inakzeptabel. Basta. Wer dennoch glaubt, nicht anders zu können, muss halt die Konsequenzen tragen.

War betrunken? Na und? Seit wann ist Trunkenheit ein Milderungsgrund? Leider hab ich Ihren Hund überfahren, das müssen Sie mir schon nachsehen, ich war betrunken. Hab Ihr Wohnzimmer abgefackelt, ’tschuldigung, immer, wenn ich betrunken bin, überkommt mich so ein pyromanischer Drang.

Keine akzeptablen Begründungen, oder? Also.

Oh ja, es ist erlaubt, eine Kollegin sexy zu finden. Es ist auch erlaubt, herausfinden zu wollen, ob die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Aber nicht für einen Vorgesetzten, dessen Wohlwollen das berufliche Fortkommen der Kollegin maßgeblich bestimmt. Sorry, Boys, man kann nicht alles haben, berufliche Macht und die Lizenz zum Missbrauch.

Die Kampagne #MeToo signalisiert, dass Frauen nicht mehr bereit sind, patriarchale Hierarchien selbstverständlich hinzunehmen. Sie zeigt aber auch, dass deren Auswüchse längst noch nicht außer Kraft gesetzt sind.

elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com