Elfriede Hammerl: Warum bleiben Arme arm?

Elfriede Hammerl: Warum bleiben Arme arm?

Sparen! Aber worauf? Manche Ziele sind einfach unerreichbar.

Arme sind arm, weil sie nicht wirtschaften können. Arme sind arm, weil sie in Angeberautos investieren statt in Eigentumswohnungen. Arme sind arm, weil sie jeden unsinnigen Krempel kaufen, den die Werbung ihnen einredet. Arme sind arm, weil sie ihre Konsumwünsche sofort befriedigen, statt auf was Gescheites zu sparen.

So wissen es die Besserverdienenden, die es besser wissen und deshalb nicht arm sind. Oder sind sie nur nicht arm, weil sie besser verdienen und sich ihr Angeberauto, falls sie eines fahren, leisten können?

Also: Angeberautos sind, entgegen anderslautenden Vorurteilen, nicht unbedingt etwas, woran man Arme erkennt.Unsinnigen Krempel kaufen auch Besserverdienende, aber es schadet ihnen nicht. Und auf etwas sparen kann man nur, wenn man sich etwas ersparen, das heißt, etwas auf die Seite legen kann.

Warum kaufen sich Arme keine Eigentumswohnung? Weil sie keinen Kredit kriegen. Und kriegten sie einen, könnten sie ihn nicht abzahlen. So einfach ist das, aber die Besserverdienenden können es sich oft nicht vorstellen.

„Eigentlich ist man schon im Alltag wegen der Essenseinkäufe, der vielen Kleinigkeiten für die Schule, Glühbirnen oder einer löchrigen Schuhsohle häufiger ein bisschen im Minus“, erklärt die deutsche Journalistin Undine Zimmer, die ein Buch über ihre Erfahrungen als Tochter von Sozialhilfeempfängern geschrieben hat (Undine Zimmer; „Nicht von schlechtern Eltern. Meine Hartz-IV-Familie“, Fischer Taschenbuch.) „Wie eine Binnenmeerwelle schwappt der Kontostand immer etwas über und etwas unter die Nullgrenze. Das erklärt auch, warum es nicht möglich ist, zu sparen. Es geht einfach nicht, weil sich immer schon für den nächsten Monat eine Warteschlange an Dringlichem aufgebaut hat.“ Wolle man sich etwas Größeres anschaffen, „etwa ein richtiges Bettgestell statt der Matratze auf dem Boden (…), muss man eine gewisse Summe als Vorschuss einsetzen, die man danach durch Absparen wieder auszubügeln versucht. Das dauert meist ein bis zwei Monate länger als berechnet, weil inzwischen schon wieder eine unvorhergesehene Ausgabe fällig wurde.“ Abgespart, so Zimmer weiter, würde dort, „wo sich am flexibelsten kalkulieren lässt: am Essen und an der Kleidung.“


Bis heute haben Arme in der Relation höhere Lebenshaltungskosten als Wohlhabende.

Irgendwann brauche es aber für die ständige Entbehrung auch eine Belohnung. „Und so kauft man sich ein zu teures Buch oder eine CD, ein Paar Stiefel oder ein Top, das man sich eigentlich nicht leisten sollte, ein Bier in der Kneipe oder Zigaretten, denn das ist der Luxus, den man sich ermöglichen kann.“

Leistbarer Luxus, ein erreichbares Ziel. Manche Ziele sind unerreichbar. Wer weiß, dass ihn eine kleine Nachzahlung auf die Stromrechnung aus dem budgetären Gleichgewicht bringen kann, und wer weiß, dass jede noch so kleine Anschaffung auch in absehbarer Zukunft gründlich überlegt werden muss, weiß überdies, dass ihn der Verzicht auf den gelegentlichen kleinen Luxus einem unerreichbaren Ziel nicht näher brächte. So oft kann er sich das Bier im Wirtshaus gar nicht versagen, als dass ein Eigenheim mit Garten daraus würde.

Den Armen vorzuhalten, dass sie nicht haushalten könnten, hat eine lange Tradition. Schon zur vorigen Jahrhundertwende entsetzten sich bürgerliche Frauen darüber, dass Arbeiterfrauen keine Vorratswirtschaft betrieben. Die Lebensbedingungen dieser Frauen – 16-Stunden-Arbeitstage ohne gesichertes Einkommen, Hungerlöhne und Elendsquartiere, in denen nur notdürftig gekocht werden konnte – ignorierten sie.

Bis heute haben Arme in der Relation höhere Lebenshaltungskosten als Wohlhabende. Nicht nur, weil bei ihnen ein wesentlich größerer Teil ihres Einkommens zum Abdecken der Grundbedürfnisse aufgeht, sondern auch dann, wenn die Wohnsituation so etwas wie Vorratshaltung und richtiges Kochen erschwert oder gar unmöglich macht. Das ist in den USA sehr oft der Fall, wo die Working Poor den McJobs hinterherziehen müssen und dann in schäbigen Motels – oder, noch schlimmer, in Zeltlagern auf Parkplätzen – hausen, weil sie sich die Kaution für eine Wohnung nicht leisten können. Und Wohnen im Motel bedeutet, allenfalls eine Kochplatte zum Wärmen von Fertigfraß zur Verfügung zu haben. Fertigfraß ist teuer, Wohnen im Motel ist teuer, wer teuer lebt, kann sich nichts ersparen, wer sich nichts ersparen kann, kriegt das Geld für die Kaution nicht zusammen. Ein Teufelskreis.

Noch bleiben wir von amerikanischen Verhältnissen verschont. Aber auch bei uns wird das Wohnen immer kostspieliger, Sozialleistungen werden heruntergefahren, und der Sozialstaat wird zum Nährboden für Leistungsverweigerer erklärt. Dass gerade unter denen, die am meisten von ihm profitieren, so viele laut nach seiner Demolierung schreien, ist kein Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Zum Schluss ein Abstecher ins Sprachphilosophische. Eine Automarke wirbt mit dem Spruch, ihre Autos und Tuning, das passe wie die Faust aufs Auge, wie der Deckel auf den Topf. Oh, jammervolles Missverständnis, denke ich mir zuerst, aber dann belehrt mich das Internet, die Redewendung von der Faust aufs Auge, die ursprünglich für etwas total Unpassendes stand, habe einen Bedeutungswandel erfahren. Da stellt sich doch die Frage, was es über unsere Welt sagt, wenn Fäuste auf Augen jetzt als exakt passend empfunden werden.

elfriede.hammerl@profil.at
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