<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Behaarte Körper

Sollen Frauen vor allem der Fortpflanzung dienen, ist ihre Lebensdauer zweitrangig.

Dr. Ahmet Hamidi, Internist in Wien und bis vor Kurzem Vizepräsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, hat offenbar einen Blödsinn daher­geredet. Bei einer Diskussionsveranstaltung am 21. Juni sagte er laut „Kurier“1) auf eine Frage aus dem Publikum, wie er zum Schwimmunterricht für (Schul-)Mädchen stehe: „Zu viel Sport ist für den weiblichen Organismus nicht gut, das ist eindeutig bewiesen.“ Männer, so wird Hamidi weiter ­zitiert, könnten schließlich nicht schwanger werden. Frauen seien körperlich schlechter dran. Wenn sie zu viel Sport betrieben, führe das zu kleineren Brüsten, ihr Hormonhaushalt gerate ins Wanken, und ihre Körperbehaarung nehme zu.

Ach ja, der alte Hut. Die Naturwissenschaften in Geiselhaft zur Begründung von Rollenzwängen. Wir erinnern uns an Besorgnis artikulierende akademische Schriften, in denen – vor rund 100 Jahren – schlüssig nachgewiesen wurde, dass Frauen beim Studium unausweichlich schwere Schäden an Gemüt und Körper davontragen.

Das Gute diesmal: Hamidis Aussagen stießen sofort auf heftige Empörung. Die Islamische Glaubensgemeinschaft ­distanzierte sich davon, die Wiener Stadtschulratspräsidentin drohte disziplinarrechtliche Konsequenzen an (Hamidi ist auch Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht), Ärzte kritisierten die Behauptungen als aufgelegten Unsinn. Der solcherart von allen Seiten Gewatschte ruderte heftig zurück und erklärte, er habe lediglich über die ­Gefahren des Leistungssports referiert, was aber nicht glaubwürdig ankam, schließlich war er nach seiner Haltung zum Schwimmunterricht gefragt worden.

Inzwischen ist der Mann als Vizepräsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft zurückgetreten, will das jedoch nicht als Schuldeingeständnis gewertet wissen. Er sei, sagt er, falsch zitiert worden. Na ja. Dass ein Arzt Hormonstörungen und eine ausufernde Körperbehaarung richtig zuzuordnen weiß (nämlich den Risiken des Spitzensports), ist durchaus anzunehmen – aber warum kommt er darauf zu sprechen, wenn er sich doch bloß zu harmlosem Schulschwimmen im Hallenbad ­äußern sollte? Weil er im Schwimmunterricht abzuwehrende Anfänge sieht? Wofür? Warum?

Zu denken geben sollte uns sein Hinweis, dass Männer schließlich nicht schwanger werden können, Frauen hingegen schon. Was meint er damit?? Frauen hätten ihren Körper vor allem im Hinblick auf ihre Gebärfähigkeit zu warten? Der Verdacht liegt nahe. Wenn an Frauen in erster Linie ihre Reproduktionsfähigkeit zählt, dann ist es nämlich nicht so bedeutend, ob sie sich durch Sport und Bewegung gesund erhalten für ein möglichst langes Leben – wichtiger ist, dass sie im fruchtbaren Alter ihrer angeblich eigentlichen ­Bestimmung nachkommen. Schwimmen müssen sie dazu nicht können. Und die Gefahr, dass die Freude am Sporteln ihre Konzentration aufs Kinderkriegen beeinträchtigt, wiegt aus dieser Perspektive schwerer als die Gefahr gesundheitlicher Langzeitschäden wegen Bewegungsmangels.
Nein, kein Culture Clash. Die Neigung, den weiblichen Körper vor allem als Gefäß für heranwachsendes Leben zu sehen bzw. zu ge- und missbrauchen, ist weit verbreitet und weder an bestimmte Religionen noch Kulturen gebunden. Die fanatischen GegnerInnen des Schwangerschafts­abbruchs ordnen die Frauengesundheit ebenso bedenkenlos der ­Hervorbringung neuen Lebens unter wie jene Geschäftszweige der Reproduktionsmedizin, die Leihmütter und ­Eizellenspenderinnen wieder und wieder mit Hormonen vollpumpen ohne Rücksicht auf eventuelle Langzeitfolgen.

Also: Die Empörung über die Sprüche des Dr. Hamidi war schon okay. Aber die Sensibilisierung für Verstöße gegen das Frauenrecht auf einen autonomen und schonenden Umgang mit dem eigenen Körper ist noch stark ausbaufähig.

Interessantes – apropos Kinder – Teilergebnis des ersten Linzer Frauenberichts): Die Linzerinnen im so genannten gebärfähigen Alter zwischen 15 und 44 Jahren bekommen nicht weniger, sondern mehr Kinder als früher. Während heute jede 20. Frau pro Jahr in dieser Altersphase ein Kind zur Welt bringt, wurde 1981 nur jede 25. Frau in derselben Zeitspanne Mutter. Das bedeute, so die Autorinnen, dass der „Geburtenrückgang nur relativ“ sei: „In Bezug auf die (stetig älter werdende, Anm.) Gesamtbevölkerung kommen immer weniger Kinder auf eine Frau; aber in Bezug auf die Frauen, die Kinder bekommen können, steigt die Quote von vier Prozent auf 4,9 Prozent.“ Allerdings sind die Mütter heutzutage älter: 1970 waren 14 Prozent der Frauen, die ihr erstes Kind bekamen, unter 19, heute ist der Anteil derart junger Mütter auf 3,7 Prozent zurückgegangen.

Dass die jungen Frauen mit dem Kinderkriegen warten, bis sie ihre Ausbildung beendet haben, verblüfft nicht. Dass sie häufiger Kinder kriegen als noch vor 30 Jahren, hin­gegen schon. Die Erklärung wird wohl in verbesserten Rahmenbedingungen liegen. Denn so sehr es immer noch mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hapert, ein bisschen was ist halt doch weitergegangen.

Grundsätzlich eine wünschenswerte Tendenz: dass Frauen sich überlegt zu einem Kind entschließen und dass sie sich überlegt zu einem Kind entschließen können.

elfriede.hammerl@profil.at

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