Elfriede Hammerl: Burkirndl

Elfriede Hammerl: Burkirndl

Was man aus der Debatte um die Vollverschleierung von Frauen lernen kann.

Wieder eine Menge gelernt in den vergangenen Wochen, diesfalls zur Vollverschleierung von Frauen. Hier kommen die wichtigsten Fakten.

Erstens: Vollverschleierung ist okay, wenn sie üblich ist. Überall dort, wo sich Frauen im ganzen Land total verhüllen müssen, ist das gelebter Alltag, den es zu respektieren gilt. Gudrun Biffl, Leiterin des Departments für Migration und Globalisierung an der Uni Krems, im Ö1-„Mittagsjournal“ am 19. Juli auf die Frage, ob die Vollverschleierung ein Zeichen von Unterdrückung sei: Es kommt drauf an, in welchem Land man lebt. (…) In anderen Ländern ist es Alltag. Das sind andere Werte.

Also: In Saudi-Arabien zum Beispiel hat das Sich-Versteckenmüssen von Frauen unter langen schwarzen Mänteln und hinter Gesichtsschleiern nichts mit Unterdrückung zu tun, genauso wenig wie die Tatsache, dass Frauen dort unter der Vormundschaft ihres nächsten männlichen Verwandten stehen und dass ihnen Autofahren bei Strafe verboten ist. Denn wenn Menschenrechte für Frauen in einem Land unüblich sind beziehungsweise kein gelebter Alltag, dann nennen wir das nicht Unterdrückung, sondern Werte.


Vollverschleierung ist total okay, wenn die Verschleierten beziehungsweise ihre Männer ordentlich Kohle hier abwerfen.

Zweitens: Die Vollverschleierung ist auch zulässig, wenn sie, ganz im Gegenteil, in einem Land sehr selten vorkommt. Was selten ist, ist nicht der Rede wert, wie Mundraub, Rotlauf, seltene Erden oder eben der Gesichtsschleier.

Drittens: Dass sie selten ist, merkt man schon daran, dass es im Straßenbild kaum voll verschleierte Frauen gibt. Auch in Deutschkursen tauchen sie so gut wie nie auf. Das hat bestimmt nichts damit zu tun, dass in den Deutschkursen Männer und Frauen gemeinsam unterrichtet werden. Gäbe es überhaupt vollverschleierte Frauen, würden wir sie mit Sicherheit in Deutschkursen, Discos und Strandbädern treffen.

Viertens: Gut, dass die Vollverschleierung erlaubt ist, weil andernfalls viele Frauen daheim eingesperrt wären. Voll verschleiert hingegen dürfen sie wenigstens aus dem Haus und Deutschkurse, Discos oder Strandbäder aufsuchen.

Fünftens: Wenn Männer ihre Frauen lieber einsperren, als sie unverhüllten Gesichts aus dem Haus zu lassen, dann sollte man sie nicht provozieren. Wir wissen ja: Besser, eine kriegt ab und zu eine Tachtel, wenn sie genervt hat, als dass aufgestauter Ärger den Patriarchen einmal so richtig zum Explodieren bringt.

Sechstens: Vollverschleierung ist total okay, wenn die Verschleierten beziehungsweise ihre Männer ordentlich Kohle hier abwerfen. Wir leben vom Fremdenverkehr. Ein Milliardär, der reichlich Zaster bei uns lässt, dürfte seine Frau auch an den Ohren durchs Goldene Quartier schleifen, da sollten wir als Tourismusland nix dagegen haben.

Siebtens: Glaubt irgendwer, die Luxustouristinnen mit Vollschleier wären lieber unverschleierte Verkäuferin im Goldenen Quartier? Na eben. Ihre Bediensteten vielleicht. Die werden ja, wie man so hört, strenger als streng gehalten. Aber die gehen uns nix an. Da sind schon wieder andere Werte im Spiel.


Alles sollte Platz haben in unserer modernen Gesellschaft. Weil sie immer vielfältiger wird, muss auch unsere Kleidung vielfältig sein.

Achtens: Die Vollverschleierung entspricht einem weiblichen Bedürfnis. Julia Herr, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Österreichs: Wenn ich eine Burka tragen will, kann ich eine tragen – und aus. Genau. Was haben sich wohlmeinende Männer nicht schon den Mund fusslig geredet, von wegen: Unter der Burka ist es verdammt heiß! Aber nein, wenn sich Frauen eine Burka in den Kopf setzen, ist kein Kraut dagegen gewachsen.

Wahrscheinlich was Genetisches. Deswegen tritt die Vorliebe fürs Burkatragen in manchen Landstrichen massiert auf, sie wird dort von den Müttern auf die Töchter vererbt.
Neuntens: Die Vollverschleierung ist eine Tracht wie jede andere. So drückte es eine Wiener Geschäftsfrau im Radiointerview aus. Sie wolle ja auch, sagte sie, dass ihr Dirndl in Italien akzeptiert werde. Da ist was dran. Wie würden wir uns ärgern, wenn wir in Lignano oder Florenz befremdete Blicke ernteten, nur weil wir wie gewohnt unseren Campari im Ausseer Festtagsdirndl schlürfen!

Zehntens: Alles sollte Platz haben in unserer modernen Gesellschaft. Weil sie immer vielfältiger wird, muss auch unsere Kleidung vielfältig sein. Egal ob Dirndl, Minirock oder Brustgeschirr mit Leine, wir sind dafür.

Elftens: Die wahren Verfechter von Frauenrechten in Österreich erkennt man daran, dass sie jedes Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit als Gender-Wahnsinn verhöhnen. Sie nennen den Feminismus eine Bedrohung der Familie. Sie sind gegen Frauenquoten, das Binnen-I, die Töchter in der Bundeshmyne und gegen die Fristenregelung. Sie behaupten, der Mann sei zum Führen geboren. Sie haben 2016 zum genderfreien Jahr ausgerufen. Sie wollen die Frauenhäuser schließen, weil die eine Bedrohung der Ehen seien. Sie haben den sogenannten Pograpsch-Paragrafen, der sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, wütend bekämpft. Aber beim Stichwort Burka beginnen sie zu speicheln wie Pawlowsche Kampfhunde und preschen vor zur Rettung des abendländischen Frauenbildes. Kein Wunder, denn das schaut, wie es Jelena Gučanin in der Zeitschrift „Wienerin“ treffend beschreibt, so aus: blond, blauäugig, nackt.