Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Meinung
04/09/2022

Elfriede Hammerl: Das höhere Gut

Darf man für die gerechte Sache nicht nur die eigene Existenz, sondern auch die seiner Kinder gefährden?

von Elfriede Hammerl

Marina Owsjannikowa verdient unsere tiefste Bewunderung. Sie ist die Frau, die am 14. März für sechs Sekunden eine Live-Nachrichtensendung des russischen Senders Perwy kanal enterte, um eine Tafel vor die Kamera zu halten, auf der sie die russische Lügenpropaganda beim Namen nannte.

Wie es mit ihr weitergehen wird, ist unklar. Vielleicht kommt sie für viele Jahre in ein Straflager. Vielleicht wird sie ihre Heldentat nicht lange überleben, wer weiß.

Größter Respekt, wie gesagt. Aber würde man eines ihrer Kinder sein wollen? Ihr Sohn ist 17, die Tochter erst elf. Wie mag ihnen zumute sein?

Oder wollte man die Tochter von Nadeschda Tolokonnikowa sein? Das Kind war drei, als ihre Mutter, Mitglied der Sängerinnengruppe Pussy Riot, zum ersten Mal in ein Straflager kam, weil sie mit ihren Kolleginnen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale spektakulär gegen Putin protestiert hatte.

Im Internet findet man eine Reportage darüber, wie die Kleine ihre Mutter im Gefängnis besuchen darf. Endlos lange Anreise, endlos lange Rückreise, dazwischen ein kurzer Besuch und ein Kind, das weinend verlangt, wieder zu den Großeltern gebracht zu werden.

Es stellt sich die Frage, nicht nur angesichts von Müttern, sondern auch von Vätern, die bereit sind, ihre Existenz zu opfern, für die Freiheit, das Vaterland, die größere Sache, das höhere Gut, die Menschheit: Ist es gerechtfertigt, mit der eigenen Existenz auch die der Kinder aufs Spiel zu setzen, den eigenen Kindern Leid zuzufügen, um Leid von anderen Menschen abwenden zu wollen, und die Kinder als die weniger große Sache, das weniger hohe Gut zu sehen?

Berichterstattung ist notwendig, aber nur wenige Berichterstatter sind so unersetzbar, wie sie gerne glauben

Peter Michael Lingens, legendärer profil-Chefredakteur und -Herausgeber, ist bekanntlich der Sohn von mutigen Eltern, die ins KZ kamen, weil sie in der Nazizeit Juden versteckt und zur Flucht verholfen hatten. Da war er zweieinhalb. Erst drei Jahre später sah er sie wieder, drei Jahre, die er mit seinem Kindermädchen unter Fremden zugebracht hatte. In seinem Memoirenband „Ansichten eines Außenseiters“ 1) schreibt er über die Eltern, die 1980 von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet wurden: „Ich habe das Verhalten meiner Eltern in der NS-Zeit durch viele Jahre nicht aus der Sicht von Yad Vashem, sondern aus der egoistischen Sicht des zurück gebliebenen Zweieinhalbjährigen gesehen: „Durfte man Juden verstecken, wenn man ein kleines Kind zu Hause hatte? Durfte vor allem meine Mutter das tun? Heute habe ich dazu eine Meinung, die sich mit der von Yad Vashem durchaus deckt, aber noch in Deinem Alter [er wendet sich mit dem Buch an seinen damals 21-jährigen jüngsten Sohn] habe ich meiner Mutter ihr Verhalten zwar niemals mit Worten, aber sehr wohl mit Emotionen vorgeworfen. Die Frage der Verhältnismäßigkeit von Erfolg und Risiko und die Frage, wie weit man dieses Risiko nur für sich selbst oder auch für einen Dritten übernehmen darf, hat mich beschäftigt, seit ich denken kann.“

Die Ambivalenz seiner Gefühle, wenn er sie in Interviews denn anspricht, wird gern übergangen, so Lingens. Niemand will in seiner Helden- oder Heldinnenverehrung irritiert werden. Die Kinder der Todesmutigen sollen gefälligst genauso tapfer sein wie ihre Eltern und deren Entscheidung mittragen, obwohl sie sie nicht getroffen haben.

Was für eine Zumutung! Andererseits: Wohin kommen wir, wenn sich niemand mehr auflehnt und Wagnisse eingeht, für den Frieden, für die Freiheit, gegen Tyrannei?

Vielleicht geht es auch darum, ob eine bestimmte Handlung tatsächlich von einem bestimmten Menschen gesetzt werden muss. Marina Owsjannikowa konnte ihre Protesttafel vor die Fernsehkamera halten, weil sie als Mitarbeiterin des Senders Zugang zum Studio hatte. Sie war, sagt sie, mit dem Beginn des Krieges an einem Punkt angelangt, an dem es für sie „kein Zurück“ mehr gab, so sehr war sie überzeugt, dass es „im Interesse Russlands und der Welt“ sei, den Krieg „so schnell wie möglich zu beenden“. Also griff sie zu einem Mittel des Protests, das ihr zur Verfügung stand, anderen aber nicht. Sie tat etwas, was nur sie tun konnte, möglicherweise mit entscheidender Wirkung.

Wie sehr das ihrer Tochter hilft, falls sie ohne die Mutter aufwachsen muss – man weiß es nicht. Aber zumindest steht fest, dass die Ausführung des moralischen Auftrags, dem die Mutter folgte, nicht delegierbar war.

Andere hingegen fühlen sich von der Weltgeschichte gerufen und lassen ihre Kinder im Stich, obwohl ihr Beitrag für den Verlauf der Weltgeschichte eher unerheblich ist und ihre Unverzichtbarkeit auf Selbstüberschätzung beruht.

„Mein Freund und Fotograf Moutafis ist mit in die Ukraine geflogen, als seine Tochter eine Woche alt war, jetzt ist sie fast fünf Wochen  … Was für ein Journalist, der trotzdem hier ist!“, twitterte vor Kurzem der „Bild-Zeitungs“-Kriegsreporter Ronzheimer. Würde man die Tochter dieses Fotografen sein wollen? Nein, eher nicht. Berichterstattung ist notwendig, aber nur wenige Berichterstatter sind so unersetzbar, wie sie gerne glauben. Stell dir vor, alle denken an ihre Kinder – und nicht nur an ihre – und ersparen ihnen eine kriegerische Welt. Unvorstellbar?

1) Peter Michael Lingens, „Ansichten eines Außenseiters“, Kremayr & Scheriau 2009