<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Die böse Frau Doktor

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Die böse Frau Doktor

Über Klischeefiguren, Vorurteile, Alice Schwarzer und Reisen nach Dubai.

1.
Kürzlich lief in der ARD der deutsche Fernsehfilm „Almuth und Rita“. Er wurde zuvor mit großem Getöse angekündigt, denn die Hauptrollen spielten Senta Berger und Cornelia Froboess. Ein tolles Duo, ohne Frage, doch was für eine Geschichte! Die Geschichte ging so: Erfolgreiche Zahnärztin schickt sich selber in den Ruhestand, kann aber nichts mit sich anfangen, weil sie frustriert, verbittert, arrogant und menschenfeindlich ist. Wie halt alte Akademikerinnen so sind: böse Töchter, kalte Mütter, lieblose Großmütter, bissig zu Männern, gemein zu Tieren.

Ja, eh, es gibt tatsächlich verbiesterte Frauenzimmer und arrogante Repräsentantinnen der höheren Stände, auch real, aber leider war die Figur, die Senta Berger zu spielen hatte, kein subtiles Porträt ­eines unglücklichen Charakters, sondern Klischee pur. Ein Klischee, von dem man annehmen möchte, dass es längst entsorgt worden ist, nur leider, Irrtum, da tauchte es auf und wurde einen TV-Film lang tüchtig strapaziert – das Klischee von der emotional unterbelichteten Studierten mit Hirn statt Herz. (Das Herz brachte, erraten, Cornelia Froboess als einfache Frau aus dem Volk mit, wie es sich in einer schablonenhaften Story gehört.)
Warum so viele Worte über einen dummen Fernsehfilm? Weil Fernsehen (ver)bildet. Weil dumme Klischees in dummen Filmen dumme Vorurteile perpetuieren. Weil es kein Zufall ist, wenn solche Vorurteile in dummen Filmen auftauchen, sondern zeigt, wie fest verankert sie in der öffentlichen Meinung offenbar immer noch sind. Und weil gerade in letzter Zeit bei Obsorgeprozessen genau dieses Vorurteil triumphiert: Akademische Mutter ist fragwürdige Mutter – so steht es mehr oder weniger deutlich in Gutachten, denen zufolge die Kinder dann angeblich besser bei den Vätern aufgehoben sind.

Der kleinen Nina, über die ich vor Kurzem geschrieben habe1, wurde inzwischen auch vom Obersten Gerichtshof (der den Revisionsrekurs ihrer Mutter zurückwies) bestätigt, dass sie bei ihrem Vater in München wohnen bleiben muss. Ninas Schulleistungen haben sich verschlechtert, sie wird keine Empfehlung fürs Gymnasium von ihrer Grundschule bekommen. Eine zynische Überlegung drängt sich auf: Vielleicht bewahrt sie das ja vor dem Schicksal ihrer Mutter, die als Universitätsprofessorin keine Chance hatte, ihr Kind bei sich zu behalten?

Nein, ich stehe nicht bedingungslos aufseiten der Mütter, ich bezweifle auch nicht, dass Väter des Öfteren Opfer ungerechter Gerichtsentscheidungen werden, und ich weiß, dass höhere Bildung keine Garantie für mütterliche (oder väterliche) Qualitäten ist. Was aber nicht um sich greifen darf, ist das Ausgehen vom Umkehrschluss, der da lautet, höhere Bildung spreche gegen mütterliche Kompetenz.

Was Senta Berger und Cornelia Froboess angeht, so würde ich sie gern in gescheiteren Rollen sehen. Schaut euch doch um, TV-Verantwortliche: Die Welt ist voll von ­klassen älteren Weibern, die weit interessanter sind als das, was ihr ihnen nachsagt, wenn ihr sie als eindimensionale Schreckschrauben oder schlicht gestrickte Gutherzen auftreten lasst. „Role Models der Generation Gold“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb? Nein, danke, das wirklich nicht.

2.
Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen. Das ist nicht elegant und beschädigt ihr Image als moralische Autorität. Aber es diskreditiert nicht, was sie zur Frauenfrage geschrieben und was sie frauenpolitisch auf den Weg gebracht hat. Immer noch kann Schwarzer das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, in Deutschland wesentlich zu einer Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs beigetragen zu haben. Ihre Analysen der gesellschaftlichen Machtverhältnisse haben nichts an Gültigkeit eingebüßt. Und auch ihre Argumentation gegen das steuerliche Ehegattensplitting (in Deutschland Gesetz, bei uns immer wieder von VertreterInnen einer konservativen Rollenverteilung gefordert) ist nach wie vor schlüssig. Die gemeinsame Veranlagung von Eheleuten fördert die Hausfrauenehe, weil Spitzenverdiener umso weniger Steuern zahlen, je weniger die Partnerin oder der Partner lukriert. Und dieser geförderte Ausstieg wohlversorgter Gattinnen aus der Erwerbstätigkeit verringert das Steueraufkommen, was wiederum zu Lasten der schlecht Versorgten geht.

So ist das, unabhängig davon, was Frau Schwarzer im Zusammenhang mit ihrer eigenen Steuererklärung vor­zuwerfen ist. Sie hat etwas Unrechtes getan, doch deshalb hat sie nicht automatisch umfassend unrecht. Sagt eh niemand? Umso besser. Aber vorsichtshalber sei es ausdrücklich festgehalten.

3.
Die Reiseziele nehmen ab. Jetzt ist auch Dubai gestrichen. Doch, ehrlich – will ich in ein Land fahren, in dem eine vergewaltigte Frau wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs ins Gefängnis kommt, es sei denn, sie heiratet ihren Vergewaltiger? Zu meinem Vergnügen jedenfalls nicht.
Die Welt wird vielleicht nicht schlagartig besser, wenn wir Länder touristisch boykottieren, in denen die Menschenrechte missachtet werden, aber ein Instrument der Druckausübung wäre so ein Boykott allemal. Eigentlich merkwürdig, dass es so gut wie keine Anwendung findet. Zugegeben, China-Reisen haben ja wenigstens einen hohen Bildungsfaktor, aber Shoppen in Dubai?

elfriede.hammerl@profil.at

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