<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Endlichkeit

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Endlichkeit

Abbado hat mich verlassen. Jeder Tod ein persönlicher Verlust. Und wie weiß man, wann genug genug ist?

Claudio Abbado . Karl Löbl . In der Post die Todesanzeige eines ehemaligen Kollegen. Und Henning Mankell sterbenskrank. Das Unausweichliche rückt näher. Jeder Tod ein persönlicher Verlust. Auch die alten Promis waren ja Lebensbegleiter. Nun hat mich Abbado verlassen. Mein Kosmos schrumpft. Die Nachfolgenden sind kein Ersatz. Es ist schön, dass welche nachfolgen, aber sie füllen nicht die ­Lücken in meinem vermeintlichen Sicherheitsnetz, das mir Beständigkeit in einer unsicheren Welt zumindest vorgegaukelt hat. Natürlich, es hätte immer schon gleich aus sein können. Aber die Wahrscheinlicheit, dass es bald aus ist, galoppiert schneller und schneller auf mich zu.

Würde ich wirklich noch einmal jung sein wollen? Oh ja, trotz aller Ängste, Unsicherheiten, Bedrohungen. Viel Leben vor sich haben. Das Gefühl, dass die Welt nur darauf wartet, erobert zu werden. Verliebt sein mit Zukunftsaussicht statt bestenfalls noch ein Weilchen gemeinsam dem drohenden Ablaufdatum zu trotzen.

Wenn ich drei Wünsche frei hätte (und Unsterblichkeit, für mich und für alle, die mir was bedeuten, keine Option wäre), einen wüsste ich sofort: ein gnädiger Tod.

Die Endlichkeit des Lebens ist eine narzisstische Kränkung. Wenn sie denn schon hingenommen werden muss, dann sollte das Konzept wenigstens einen plötzlichen, würdevollen Abgang im hohen Alter vorsehen. Stattdessen: schleichender Verfall, erschreckende Diagnosen, Schmerzen, Angst, Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Würdelosigkeit. (Ja, Würdelosigkeit. Den Hintern oder auch nur die Zähne geputzt kriegen zu müssen, macht dich nicht würdevoll, tut mir leid.) Das ist die Regel. Der Sekundenherztod nach einem Champagnerfrühstück oder das friedliche Einschlafen für immer sind die Ausnahmen. Was für ein Mist.

Jetzt also wieder einmal Diskussion um die Sterbehilfe. Die Vorstellung, selber entscheiden zu dürfen, wann es genug ist, hat etwas Bestechendes. Aber wann ist es genug, und warum? Die Antwort scheint einfach: Wenn es keine Hoffnung mehr gibt. Nicht objektiv, sondern subjektiv: Wenn der oder die Betroffene nicht mehr hoffen kann. Und wenn Freude nicht mehr vorstellbar ist.

Meine holländische Freundin entschloss sich zur Euthanasie, als feststand, dass es keine Heilungschancen für sie gab, nur die Aussicht auf Schmerzen, denen das Morphium demnächst nicht mehr gewachsen sein würde. Programmierter Tod. Sie wusste, wir wussten: nächste Woche, an diesem Tag, zu dieser Stunde. Sie sah es als Erlösung, und dennoch war dieses Wissen um ihr terminisiertes Ende auf eine besondere Art bedrückend. Gesetzlich reglementierte aktive Sterbehilfe, das heißt, die Grenzüberschreitung ­bewusst und unabänderlich herbeizuführen, und zwar zu einem notwendigerweise bürokratisch zu fixierenden Zeitpunkt.

Völlige Hoffnungslosigkeit ist für alle, die noch hoffen dürfen, schwer vorstellbar. Und besteht nicht überhaupt die Gefahr, dass sie in manchen Fällen vielleicht (noch) gar nicht angebracht ist? Man kann immer auf ein Wunder hoffen – Wunder geschehen. Vielleicht bringt der nächste Tag noch eine Freude – man kann sich immer wieder freuen, und sei es über Kleinigkeiten, sofern man keine Schmerzen leidet und von liebevoller Fürsorge umgeben ist.

So argumentieren jedenfalls die GegnerInnen der Sterbehilfe. Verzweiflung, sagen sie, resultiert vor allem aus unzureichender Schmerztherapie und dem Gefühl der Verlassenheit. Sie ist vermeidbar. Palliativpflege statt Euthanasie.

Klingt einleuchtend. Und trotzdem bleibt ein großes Stück Furcht. Denn tatsächlich gibt es ein Ausmaß an Schmerzen, das nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden kann. Und wie es ausschaut, ist gute Palliativpflege für alle, die sie brauchen würden, nicht mehr als ein frommer Wunsch. Erstens kostet sie viel. Und zweitens garantiert nicht einmal der Einsatz von viel Geld, dass sich auf jeden Fall Pflegende finden, die genau so empathisch, liebevoll, fürsorglich und einsatzbereit sind, wie sie idealerweise sein sollten.

An Stellen wie dieser wird gern harsche Kritik an den Angehörigen geübt, die, so heißt es, die Kranken abschieben und den Tod auslagern wollen. Doch so ist es nicht. Die meisten Betreuungsfälle werden ohnehin von ihrer nächsten Verwandtschaft betreut. Allerdings leiden die Gepflegten oft unter dem Bewusstsein, ihren Lieben zur Last zu fallen, und die Pflegenden brechen unter dieser Last fast zusammen. Den Todeskampf eines geliebten Menschen mitanzusehen, ist zudem emotional kaum aushaltbar. Die Erlösung, die man ihm wünscht, wünscht man auch für sich selber, aber ist das verwerflich?

Ein gnädiges Ende: keine Schmerzen haben. Sich nicht verlassen fühlen. Geliebt werden. Nicht ausgeschlossen sein. Niemandem zur schweren Last werden.

Was nicht sein dürfte: Sterbehilfe als Bankrotterklärung einer Gesellschaft, die es sich nicht leisten will, einem sterbenskranken Menschen erträgliche Lebensumstände bis zu seinem natürlichen Abgang zu bereiten.

Was schon sein dürfte: Schmerzbekämpfung bis hin zur Ablebensbeschleunigung. Und, oh ja, das auch, die Option, sagen zu können: Genug ist genug. Theoretisch. Das Problem liegt darin, dass sie praktisch nicht zum Alternativ(an)gebot für Palliativpflege verkommen darf.

elfriede.hammerl@profil.at

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