<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Endzeit oder so

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Endzeit oder so

Männer als bedrohte Spezies darzustellen scheint ein ziemlich sicheres Bestsellerrezept. Warum?

Wieder einmal ein viel diskutierter Bestseller zur Geschlechterfrage: Die US-amerikanische Autorin Hanna Rosin verkündet das „Ende der Männer“ ( profil-Kollegin Angelika Hager hat sich bereits kritisch damit auseinandergesetzt ). Sie tut das, indem sie ihre selektive Wahrnehmung zum allgemein gültigen Weltbefund erklärt. Kein neues Muster. Nach diesem Rezept entstehen immer wieder mehr oder weniger aufsehenerregende Bücher: Man nehme eine provokante These, schere sich um nichts, was ihr widerspricht, und trompete sie ungeniert in die Welt. Funktioniert ziemlich sicher, vor allem in der Mann-Frau-Debatte. Ich kann schon fast gar nicht mehr zählen, wie oft in den letzten 30 Jahren die Herrschaft der Frauen, das endgültige Ende des Patriarchats, das Elend des neuen Mannes oder sonstwas in dieser Art ausgerufen wurde.
So werden gesellschaftliche Befunde bedeutsam, die mit dem eigenen Erleben (meinem zum Beispiel, aber vermutlich auch mit dem von Frauen in Afghanistan oder mit dem von Frauen in einem Frauenhaus oder mit dem von Frauen in einer Putzkolonne) nicht im Geringsten übereinstimmen. Wer behält Recht? Diejenigen, die laut genug den Anspruch erheben, dass ihre Beobachtungen und die Schlüsse, die sie daraus ziehen, flächendeckend und ausnahmslos zutreffen?

Vor allem stellt sich die Frage: Warum bekommen Behauptungen, die als Absage an feministische Forderungen verstanden werden können, unter Garantie ein Übermaß an öffentlicher Aufmerksamkeit? Auch dieser Mechanismus ist ja nicht neu, und gelegentlich werden dabei sogar Inhalte in ihr Gegenteil verkehrt. 1991 veröffentlichte die amerikanische Journalistin Susan Faludi ihr Buch „Backlash“, in dem sie sich mit den – ihrer Ansicht nach systematischen – Widerständen gegen Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzte. Auf Deutsch verpasste man dem Werk den Titel „Die Männer schlagen zurück“, was den Eindruck erweckte, es gehe um eine Notwehr der Männer gegen überbordende Frauenforderungen, und genau so wurde das Buch in den deutschsprachigen Medien auch rezipiert. Wie kommt es zu dieser Form der selektiven Wahrnehmung?

Abwechslungsbedürfnis? Endlich mal die These, dass der Rottweiler ein geknechtetes Kuscheltier ist, statt noch ­einem Bericht über gebissene Kleinkinder? Nein, Männer sind keine Kampfhunde, eh nicht. Der Vergleich bezieht sich lediglich auf die alte Schlagzeilenregel, derzufolge Mensch beißt Hund ungleich mehr Aufsehen erregt als die umgekehrte Meldung, was bedeutet, dass man, um aufzufallen, dem (vermeintlichen) Common Sense widersprechen muss.

Aber ist es wirklich ein Widerspruch zur landläufigen Meinung, wenn man Männer als bedrohte Spezies darstellt? Oder kommt diese Behauptung nicht vielmehr deshalb so gut an, weil es sowieso üblich ist, den Aufholbedarf von Frauen als Niedergang der Männer zu interpretieren?
Den Aufholbedarf gibt es, bei uns und weltweit schon gar, ich erspare mir diesmal detaillierte Ausführungen, wir kennen die Stichworte dazu, von Aufstiegsbarrieren bis Zwangsheirat.

Selbstverständlich folgt daraus nicht, dass es jedem einzelnen Mann besser geht als jeder einzelnen Frau. Auch Männer können Opfer und Verlierer sein. Männer werden betrogen und verlassen, sie kriegen miese Jobs oder werden gekündigt, nirgendwo steht geschrieben, dass das ­Y-Chromosom eine Fahrkarte ins Glück ist. Aber ihr Unglück resultiert nicht aus einer strukturellen Bevorzugung von Frauen, beziehungsweise bedeuten gerechtere Verhältnisse für Frauen nicht zwangsläufig einen generellen Verschlechterungsschub für Männer, es sei denn, man ist auf traditionelle Rollenbilder fixiert und verwechselt deren Bröckeln mit dem Niedergang eines Geschlechts.

Rosin sieht Männer als Verlierer, weil Frauen – beruflich und auch in ihrer Rolle als Familienernährerinnen – in Männerdomänen vordringen würden, während es Männer nicht mit ihrem Ego vereinbaren könnten, Frauenarbeit zu übernehmen. Bei ihr klingt das so, als wäre der Mann biologisch dazu verdammt, an alten Rollenmustern festhalten zu wollen, und demzufolge haltlos, wenn sie ihre Gültigkeit einbüßen. Dass Frauen Familien ernähren, ist aus Rosins Sicht keine Notwendigkeit, die verschiedene Ursachen haben kann, sondern Teil eines Verdrängungsprozesses, den Frauen bewusst in Gang gesetzt haben. In ihrer Darstellung sind Alleinerzieherinnen Mütter, die die Väter ihrer Kinder auf Abstand halten, um ihre Freiheit und ihre Stellung als queen of her castle zu genießen. Als Beweis führt sie gleich am Anfang ihres Buchs eine junge Frau namens Bethenny an, mit der sie im Supermarkt ins ­Plaudern kommt und die auf Rosins Frage, warum sie mit dem Vater ihrer Tochter nicht zusammenlebe, sinngemäß antwortet, dass sie dann bloß eine Person mehr durchzufüttern hätte. Warum nimmt Rosin das für die ganze Wahrheit und zieht nicht in Betracht, dass Bethenny vielleicht schlicht keine Lust hat, einer Fremden die wahren Gründe zu offenbaren?

Und, nochmals, warum schlägt eine derart oberflächliche Beweisführung derart ein? Keine Besprechung, in der nicht darauf hingewiesen wird, wie sehr Rosin an der Realität vorbeischrammt. Trotzdem: gewaltiges Echo. Wozu?

„Sprechstunde“, Komödie von Elfriede Hammerl in der Freien Bühne Wieden, Wien. Vorstellungen bis 2.2.2013. Karten: Freie Bühne Wieden

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com