<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Erforschte Hirne

Das Betonen von Geschlechterdifferenzen und was es (nicht) bringt.

Wieder einmal hat sich die Wissenschaft mit den Unterschieden zwischen männlichem und weiblichem ­Gehirn beschäftigt. profil (11/30) berichtete darüber und zitierte die junge Salzburger Hirnforscherin Belinda Pletzer, die dazu auffordert, mit den Differenzen offen umzugehen, statt sie wegzudiskutieren. Ein schöner Appell: Lasst uns ruhig ­darüber reden. Aber ja. Fragt sich nur, wozu und mit welchen Konsequenzen. Was fangen wir beispielsweise mit der Erkenntnis an, dass Frauen ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen haben als Männer und deshalb schlechter einparken? Sollen sie höhere Versicherungsprämien zahlen, wegen zu erwartender Parkschäden? Oder sind sie deswegen als Fahrlehrerinnen ungeeignet? Oder sollen sie das Autofahren überhaupt bleiben lassen müssen, wie in Saudi-Arabien?

Üble Polemik? Oh nein. Nur ein Aufzeigen möglicher Interpretationen und daraus resultierender Folgen. Doch, halt, die Wissenschaft selbst relativiert ja ihr Forschungs­ergebnis, indem sie einräumt, dass schlechte Einparkergebnisse auch auf self-fulfilling prophecy beruhen könnten. Frauen schätzen ihre diesbezüglichen Fähigkeiten nämlich schlechter ein und kriegen darum das Auto nicht in die Parklücke. Ja, dann. Aber vor allem: Was denn jetzt wirklich?

Anderes Beispiel: Frauen, heißt es, sind empathischer und kommunikativer veranlagt als Männer, in deren Gehirnen, so die Forschung, die für Aggression zuständigen Areale stärker ausgeprägt sind. Was leiten wir daraus ab? Dass es nur natürlich ist, wenn die kraft ihrer Gehirne zielstrebigen, auf Konkurrenz und Kampf konditionierten Männer alle Führungspositionen an sich raffen, während Frauen logischerweise das Nachsehen haben, weil sie auf zwischenmensch­liche Harmonie ausgerichtet sind? Oder schließen wir daraus, im Gegenteil, dass wir die Kampfhansln entmachten und uns lieber mitfühlenden Frauen anvertrauen sollten?
Oder leiten wir gar nix ab, weil nämlich der Mensch, wie auch die Wissenschafter betonen, bei allen biologischen Geschlechterunterschieden keine hilflose Marionette seiner genetischen und physiologischen Ausstattung ist?

Aber was diskutieren wir dann? Warum betonen wir die unterschiedliche Ausstattung so sehr? Forscherin Belinda Pletzer führt als positiven Effekt an, dass sich auf diesem Weg Unterschiede auflösen ließen: Wenn Frauen z. B. erklärt ­würde, wie Männer an Rotationstests herangehen (durch die räumliches Vorstellungsvermögen geprüft wird), könnten sie ­daraus lernen und in Zukunft besser abschneiden. Dass der Wissenschafterin ausgerechnet die Behebung eines weib­lichen Defizits einfällt, wenn sie erklärt, warum die Anerkennung biologischer Unterschiede so wichtig sei, stimmt ­unfroh und erklärt das Misstrauen von Feministinnen Argumen­tationsmustern gegenüber, die sich auf ­naturgegebene ­Geschlechterdifferenzen stützen. Allzu oft nämlich wurden und werden diese Differenzen herangezogen, um eine weibliche Unterlegenheit zu postulieren und gesellschaftliche ­Hierarchien als natürliche Ordnung auszugeben.

Das muss nicht so sein, keineswegs. Aber die Methode hat eine lange und unselige Tradition. Was wurde nicht ­alles schon wissenschaftlich bewiesen! Der „physiologische Schwachsinn des Weibes“ (wie der Leipziger Nervenarzt P. J. Möbius 1902 sein berüchtigtes, als medizinische Abhandlung getarntes sexistisches Pamphlet betitelte). Dass Frauen ihrer Hirngröße nach unmöglich studieren könnten. Dass es ihrer ­Gesundheit schade, wenn sie sich intellektuell ­betätigten. Erst kürzlich hat ein in Wien lebender Mediziner (!) Frauen ­gewarnt, Sport lasse ihren Hormonhaushalt entgleisen und beschere ihnen eine starke Körperbehaarung.
Natürlich ist die moderne Hirnforschung mit den schlichten, oft tendenziösen Versuchsanordnungen von ehedem nicht vergleichbar. Aber vor einem Missbrauch ihrer Erkenntnisse ist auch sie nicht gefeit. Und manchmal warten sogar zeitgenössische ForscherInnen mit Ergebnissen auf, die ihr Zustandekommen erschreckend einfachen Methoden verdanken. Dass Frauen erwiesenermaßen schlechter einparken, diese Behauptung geht auf eine Studie der Uni Bochum ­zurück, bei der 65 AutofahrerInnen – 17 Führerschein-Neulinge und 48 geübte LenkerInnen beiderlei Geschlechts – auf ihre diesbezüglichen Fähigkeiten geprüft wurden. Frage: Wie aussagekräftig ist ein Sample von 65 Bochumer AutofahrerInnen für die Einparkkünste von Frauen weltweit?

Forschung muss frei sein, sich ihr Forschungsgebiet zu wählen, keine Frage. Trotzdem nimmt der Eifer manchmal wunder, mit dem ausgerechnet Geschlechterdifferenzen erforscht, belegt, verbreitet und interpretiert werden. Ein bisschen drängt sich der Verdacht auf, dass die Spielwiese Geschlechterbiologie auch deswegen so beliebt ist, weil andere Spielwiesen, auf denen nach körperlichen Merkmalen kategorisiert wurde, inzwischen – zu Recht – geschlossen sind.

Ja, Männer und Frauen sind verschieden. Aber auch Männer und Männer. Ebenso wie Frauen und Frauen. Und weil die genetische Ausstattung den Menschen schließlich nicht versklavt, fallen am Ende individuelle Unterschiede stärker ins Gewicht als biologische. Das sollten wir nicht vergessen. Es sei denn, wir hätten ein Interesse an biologisch legitimierten Grabenkämpfen.

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