<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Falscher Respekt

Was passiert, wenn Zwang und Gewalt als kulturelle Tradition missverstanden werden.

„Für mich ist das Kopftuch ein Zeichen persönlicher ­Unfreiheit. Es signalisiert aus meiner Sicht, dass die Frauen dem Lebensprinzip der Geschlechtertrennung ­und -unterdrückung unterworfen werden. (…) Meine Erfahrung ist: Das Kopftuch und natürlich erst recht die Ganzkörperverschleierung stellt eine Kampfansage an die Aufklärung und die Menschenrechte dar.“

Ein Zitat von Alice Schwarzer? Keineswegs. Sondern ­eines aus dem soeben erschienenen Buch „Ich bin Zeugin des Ehrenmords an meiner Schwester“ der aus Syrien stammenden Deutschen Nourig Apfeld.1)
Könnte aber auch, zugegeben, von Schwarzer sein, die gar nicht gut wegkommt bei den Besprechungen des von ihr herausgegebenen neuen Buchs „Die große Verschleierung“.2) Denn während ihr die politische Rechte für ihre vermeintliche Islamophobie applaudiert, unterstellen ihr Liberale und Linke faschistoide Intoleranz. Die Schubladen sind ja schnell geöffnet. Wen kümmert’s, dass Schwarzer nicht gegen den ­Islam wettert, sondern gegen islamistischen Fundamenta­lismus?

Also, mich zum Beispiel kümmert es. Und mit einiger Verwunderung registriere ich, wie oft in den Kreisen, denen ich mich zurechne, besorgt darauf hingewiesen wird, dass ein Verschleierungsverbot Frauen in ihrer Entscheidungsfreiheit beschneide, während kaum die Rede von der Entscheidungsfreiheit der Frauen ist, die sich nicht verschleiern wollen. Dabei bedroht ein Verschleierungsverbot keine Frau mit dem Tod, während Frauen, die sich gegen die Verschleierung entscheiden, unter Umständen ihr Leben verlieren.

Aber das steht nicht zur Diskussion. Jedenfalls nicht bei uns Liberalen, Aufgeklärten und Toleranten. Die zwangsweise verhüllten, zwangsweise verheirateten Mädchen und Frauen überlassen wir dem verlogenen Engagement der Rechten (die sich in Wahrheit keinen Deut für Frauenrechte, sondern nur gegen Zugewanderte engagieren). Wir kümmern uns um die Freien, die Befreiten, die Stolzen, die selbstbewusst zu ihrer Herkunft stehen. So wollen wir sie sehen, und so sehen wir sie, eisern. Die anderen blenden wir aus.

Ein fataler Fehler. Wie fatal, lernen wir zum Beispiel aus Nourig Apfelds Buch. Apfeld erzählt eine erschütternde Geschichte. Sie handelt von grausamer familiärer Gewalt und davon, wie sie und ihre Geschwister aus falsch verstandenem Respekt vor ethnischer Eigenart dieser Gewalt überlassen wurden. Apfelds Eltern, entwurzelt und überfordert, zerrissen zwischen den Anstandsgeboten der familiären Clans, deren Kontrolle von Syrien bis nach Deutschland reichte, und einem deutschen Umfeld, das ihren Kindern andere Vorstellungen von Normalität vermittelte, unterdrückten und misshandelten ihre Töchter. Nourig, die älteste, unterwarf sich bis zur Selbstaufgabe, während Waffa, die zweite, immer renitenter wurde. Wiederholt wandte sie sich ans Jugendamt, um in einem Heim unterzukommen. Die zuständige Fürsorgerin wies sie jedes Mal ab. Waffa solle sich ihren Eltern fügen, schließlich sei es deren gutes Recht, die Traditionen ihres Herkunftslands zu pflegen.

Am Ende wird Waffa von zwei Cousins und ihrem Vater getötet, weil sie Schande über die Familie gebracht hat.

Niemand hat ihr geholfen. Aus Achtung vor einer ­fremden Kultur?
Die Fürsorgerin war genauso konservativ wie meine Eltern, schreibt Apfeld. Auch sie hielt absoluten Gehorsam den ­Eltern gegenüber für notwendig.
Also doch keine fremde, sondern ebenso sehr eine abendländische Tradition? Du sollst Vater und Mutter ehren …?

Manches, was Apfeld schildert, wenn sie ihr Herkunftsmilieu beschreibt, erinnert an ländliche Verhältnisse im Österreich der fünfziger und sechziger Jahre: religiös verbrämter Aberglaube statt Wissen, Klatsch, Missgunst und die soziale Kontrolle in einer isolierten Gemeinschaft, auch die Bereitschaft, Mädchen unentwegt sexueller Begehrlichkeiten oder Verfehlungen zu verdächtigen, zwar nicht mit tödlichen Konsequenzen, aber doch mit der Konsequenz der sozialen Ächtung.

Bei uns haben die alten Frauen auch Kopftücher getragen. Bei uns war das doch genauso. Bei uns ist das doch auch nicht viel ­anders. So lauten denn auch gängige Relativierungen für Gewalt, Zwang und Freiheitsbeschneidung in Einwandererfamilien. Aber tatsächlich zeigen solche Vergleiche nicht die Entschuldbarkeit von Gewalt und Zwang, sondern nur, dass es dabei eben nicht um ein kulturelles Erbe und respektable Traditionen geht. Mangelnde (sexuelle) Aufklärung und dar­aus resultierende Brutalität sowie ein genereller Mangel an Bildung fallen nicht unter notwendige ethnische Brauchtumspflege. Und solchen Mängeln abhelfen zu wollen ist nicht kolonialistische Anmaßung, sondern ein Dienst an den Menschenrechten.

Bleibt die Frage: Darf man gerade jetzt, in Zeiten der Verhetzung, dieses Thema anschneiden? Oh ja, man darf. Eben weil es keineswegs um die Ablehnung einer fremden Kultur oder fremder Menschen geht, sondern darum, Gewalt und Unterdrückung als untolerierbar zu diagnostizieren, egal, in welchem Soziotop sie stattfinden. Sie mit fremden Traditionen zu begründen und zu dulden ist genauso engstirnig wie die Unterstellung, sie wären ein spezielles ­De­fizit exotischer Charaktere.

elfriede.hammerl@profil.at