Elfriede Hammerl: Fauler Zahn

Elfriede Hammerl: Fauler Zahn

Grenfell Tower: Symbol für eine Gesellschaft, in der Gier und Gleichgültigkeit dominieren

Der Brand im Londoner Grenfell Tower, bei dem mindestens 79 Menschen den Tod fanden, sollte als eindrückliche Warnung verstanden werden. Er zeigt, was passiert, wenn Gier und Gleichgültigkeit in einer Gesellschaft den Ton angeben.

Im Grenfell Tower wohnten Arme. Das Hochhaus, als sozialer Wohnbau in den 1970er-Jahren errichtet, stand jedoch in einer teuren Gegend, im Royal Borough of Kensington and Chelsea am westlichen Rand der Londoner Innenstadt. Dort steht der Kensington Palace, in dem bis zu ihrem Tod Prinzessin Diana residierte, dort liegen die wunderbaren Kensington Gardens, dort findet sich auch das berühmte Traditonskaufhaus Harrods. „Billionaires Row“ wird ein Abschnitt der Straße Kensington ­Palace Gardens genannt, in dem der durchschnittliche Hauspreis bei 26 Millionen Euro liegen soll. Dementsprechend die Liste der Hauseigentümer: Öl- und Stahlmagnaten, ein Sultan aus Fernost, ein russischer Oli­garch, ein berüchtigter Hedgefondsmanager. Aber auch etwas bescheidenere Unterkünfte, zum Beispiel die bezaubernden Mews in South Kensington, früher Stallungen, heute exklusive kleine Reihenhäuser an romantischen Gässchen, sind für Normalos alles andere als erschwinglich. Vier Millionen Pfund müssen zur Zeit als Kaufpreis-Untergrenze angesehen werden.

In einer derart noblen Umgebung nahm sich der 24-stöckige Grenfell Tower wohl wie ein fauler Zahn in einem Prachtgebiss aus, weshalb er außen behübscht wurde. Mit einer, wie sich herausstellte, kostengünstigen, aber leicht brennbaren Fassadenverkleidung. Davon abgesehen war die gemeinnützige Hausverwaltung KCTMO für Hinweise und Beschwerden nicht zugänglich. Die BewohnerInnen, die sich unter den Namen Grenfell Action Group zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen hatten, machten seit 2012 regelmäßig auf Missstände aufmerksam. 2013 veröffentlichten sie ein Gutachten, in dem signifikante Verstöße gegen die Brandschutzbestimmungen aufgelistet waren. Und im November 2016 schrieben sie in einem Blog, es werde wohl nur ein katastrophales Ereignis die Inkompetenz ihrer Vermieter aufdecken können, die ihnen gefährliche Lebensumstände unter Missachtung der Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften zumuteten. Die angekündigte Katastrophe ist gekommen. Sie war in Kauf genommen worden, weil sich die Verantwortlichen anscheinend allenfalls für etwaige ästhetische Ansprüche der wohlhabenden UmwohnerInnen zuständig fühlten, nicht jedoch für das Leben der Menschen im Sozialbaukasten, der, außen hui und dahinter pfui, das ganze Elend einer brutalen Ellbogengesellschaft repräsentierte, die Raubritter aller Art hofiert und die Schwächeren oder die Skrupelhaften verächtlich als menschlichen Müll behandelt. Inzwischen weiß man, dass eine ganze Reihe weiterer Sozialbauten mit brandgefährlichen Fassaden mehr oder weniger betrachtungstauglich gemacht wurde.


Was meinen Vertreter der konservativen Schickeria, wenn sie von Leistung reden?

London mag ein spezielles Pflaster sein, aber die Tendenz, kaltschnäuzige Egomanie für ein notwendiges Merkmal bewundernswerter Leistungsträger zu halten, zeichnet sich auch hierzulande ab (wo gutes Wohnen ebenfalls immer schwerer leistbar wird). Was meinen zum Beispiel die smarten Vertreter der konservativen Schickeria, wenn sie von Leistung reden und gegen Vermögens- und Erbschaftssteuern sind? Klar, vernünftige Freibeträge wären notwendig. Es geht nicht darum, bescheidenen Wohlstand wegzusteuern. Aber größere Immobilienerbschaften zum Beispiel, von deren Ertrag die Erben arbeitsfrei leben können – sind die eine Leistung, die der Fiskus schonen muss? Tatsächlich geht bis jetzt gerade der bescheidene Wohlstand drauf, wenn Menschen zum Pflegefall werden. Nun ist der Pflegeregress ab 1. Jänner 2018 zwar abgeschafft, die Finanzierung aus einer Erbschaftssteuer für Vermögen über einer Million Euro lehnt die ÖVP jedoch ab. Stattdessen soll ein Foto auf der e-card deren Missbrauch verhindern. Dass die daraus und aus verbilligten Medikamenteneinkäufen für Pflegeheime resultierenden Einsparungen nicht ausreichen werden zur Pflegefinanzierung, liegt auf der Hand. Am Ende wird wohl wieder einmal der hart arbeitende Mittelstand blechen müssen, dessen Entlastung doch auch der ÖVP angeblich ein Anliegen ist.

Diese Entlastung wäre durchaus notwendig. Denn der Mittelstand hält das Staatswerkel am Laufen, zumindest, was die Abgabenleistung betrifft. Von den Ärmsten ist kaum was zu holen, und von den Reichsten wird nichts geholt, deswegen werden die in der Mitte zur Kasse gebeten. Je mehr man sie belastet, desto mehr dünnen ihre Reihen allerdings aus.

Die Faulsäcke in der asozialen Hängematte, von denen die strengen Leistungseinforderer gern tadelnd reden, die gibt’s zwar, aber oben wie unten. Nur dass sie oben als schnöselige Erben und It-Girls daherkommen und hübscher anzuschauen sind als die von unten.

Alle jedenfalls, die nassforsch davon ausgehen, dass es schwer in Ordnung ist, Vermögende nicht mit Sozialabgaben zu belästigen, sollten sich gründlich überlegen, welchen Risiken sie selber gewachsen wären. Sich mit den Reichen und Schönen identifizieren zu wollen, ist eines; draufzukommen, dass ein Bauchfleck vor ihnen weder reich noch schön machen muss, ein anderes.

elfriede.hammerl@profil.at
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