Elfriede Hammerl: Schon wieder

Elfriede Hammerl: Schon wieder

Die Fristenregelung hat sich bewährt. Lassen wir sie in Ruhe.

Müssen wir wirklich wieder über die Fristenlösung debattieren? Müssen wir schon wieder rechtfertigen, dass Frauen entscheiden dürfen, ob sie sich den Anforderungen einer Mutterschaft, schon gar der Verantwortung für ein schwerst behindertes Kind, gewachsen fühlen? Müssen wir uns tatsächlich schon wieder mit falschen Unterstellungen und scheinheiligen Behauptungen herumschlagen, die weit entfernt von der Realität sind?

Vorigen Dienstag ist die Initiative fairändern zur Behandlung ins Parlament gekommen. Sie wird von PolitikerInnen der Regierungsparteien und von allerlei katholischen Würdenträgern unterstützt. Und sie suggeriert österreichische Verhältnisse, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben.


Es ist nicht wahr, dass Spätabbrüche in Anspruch genommen werden, weil die werdenden Eltern nur ein perfektes Bilderbuchbaby akzeptieren wollen.

Deshalb sollten wir auf ein paar Klarstellungen bestehen. Es ist nicht wahr, dass Spätabbrüche in Anspruch
genommen werden, weil die werdenden Eltern nur ein perfektes Bilderbuchbaby akzeptieren wollen. Es ist nicht wahr, dass Spätabbrüche vorgenommen werden, wenn der Fötus bloß eine kleine Behinderung haben könnte. Es ist nicht wahr, dass die schwerst geschädigten Kinder, die beim Verzicht auf einen Spätabbruch zur Welt kommen würden, realistische Chancen auf ein schmerzfreies, erfülltes, langes Leben haben. Es ist unredlich, wenn Norbert Hofer oder Kira Grünberg sich als Betroffene gerieren – als sei es angesichts der Möglichkeit, eine Schwangerschaft unter bestimmten, besonderen, schwerwiegenden Umständen abzubrechen, ein Wunder, wenn behinderte Menschen hierzulande mit dem Leben davonkommen.

Es ist auch nicht wahr, dass sich Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch zwangsläufig mit lebenslangen Schuldgefühlen herumschlagen müssen, wohingegen sehr wohl wahr ist, dass die meisten Frauen lebenslang darunter leiden, wenn sie ihr Kind zur Adoption freigegeben haben. Deshalb ist Adoption keine Möglichkeit, die Schwangeren leichthin empfohlen oder am Ende gar aufgezwungen werden darf. Was sehen eigentlich die BetreiberInnen der Initiative fairändern in ungewollt schwangeren Frauen, wenn es auf ihrer Website heißt: „Kein Kind ist ungewollt. In Österreich warten überproportional viele Adoptiveltern auf ein Kind.“? Betrachten sie Schwangere als Zulieferinnen für einen Markt mit guten Absatzchancen?


Sich dafür einzusetzen, dass Eltern behinderter Kinder umfassend unterstützt werden, wäre eine gute Sache.

Es ist weiters nicht wahr, dass Österreich ein behindertenfreundliches Land ist, dessen Behindertenfreundlichkeit nur durch Abtreibungen bzw. durch die Möglichkeit dazu infrage gestellt wird. Kaum ist das theoretisch so glühend verteidigte behinderte Kind nämlich Realität, sind die damit einhergehenden Sorgen, Bedürfnisse und finanziellen Nöte nahezu gänzlich Privatsache der Eltern. Wie fragil ihr Anspruch auf öffentliche Hilfe ist, zeigte sich erst im vergangenen Jahr, als ihnen aus formaljuristischen Gründen überfallsartig die erhöhte Familienbeihilfe vorübergehend gestrichen wurde.

Sich dafür einzusetzen, dass Eltern behinderter Kinder umfassend unterstützt werden, wäre eine gute Sache. Sich für Barrierefreiheit und die Inklusion behinderter Menschen einzusetzen, wäre eine gute Sache. Es ist aber nicht wahr, dass diesen Zielen gedient ist, indem man Frauen nötigt, schwerst behinderte Kinder zur Welt zu bringen.

Unwahr ist nicht zuletzt, dass Frauen noch einmal zu einer Bedenkzeit gezwungen werden müssen, ehe der Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden darf, für den sie sich entschieden haben. Frauen treffen eine solche Entscheidung nicht leichtfertig und gedankenlos. Sie haben bereits gründlich nachgedacht, ehe sie sich dazu entschlossen haben. Wer annimmt, eine neuerliche Bedenkzeit würde sie in ihrem Entschluss wieder schwanken lassen, unterstellt, dass sie zu wohlüberlegten Entschlüssen nicht fähig sind.


Muss eine Wirtschaftsministerin die korrekte Mehrzahl von Praktikum kennen?

All das, alle diese Argumente und Bedenken und Behauptungen, haben wir doch schon durchgekaut. Die Fristenregelung hat sich bewährt. Sie gibt den Schwangerschaftsabbruch nicht einfach frei, als wäre er ein beliebiger Eingriff, aber sie stellt ihn unter bestimmten Bedingungen straffrei. Damit sind wir bis jetzt gut gefahren. Alle Versuche, Frauen wieder in die Gebärpflicht zu nehmen, gehören energisch zurückgewiesen.

Zum Schluss ein kleiner Ausflug ins Grammatikalische. Die Wirtschaftsministerin will die Lehrberufe attraktiver machen, auch verbal, deshalb bekommen Lehrlinge in Zukunft keine Lehrlingsentschädigung, sondern ein Lehrlingseinkommen, und es wird die total hippe Lehre zum Fahrradmechatroniker geben. In einem Interview dazu verwendete die Ministerin im Ö1-Morgenjournal am 8. Mai mehrmals das Wort „Praktikas“. Hm. Muss eine Wirtschaftsministerin die korrekte Mehrzahl von Praktikum kennen bzw. wissen, dass Praktika ein Mehrzahlwort ist, dessen Einzahl Praktikum lautet? Eigentlich schon, könnte man meinen, vor allem, wenn sie einer Regierung angehört, der korrrekter Sprachgebrauch so wichtig ist, dass sie ihn als Maßstab für die Höhe der Mindestsicherung einsetzt. Allerdings ist ja Frau Schramböck weder Ausländerin noch auf eine Mindestsicherung angewiesen. Da hat sie noch einmal Glück gehabt.

elfriede.hammerl@profil.at
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