<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
G‘sund schau ma aus

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
G‘sund schau ma aus

Blutabnahme statt Kino: Gibt’s was Schöneres? Na ja, eine Darmspiegelung vielleicht.

Meine Krankenkasse berechnet mir für jeden Arztbesuch einen Selbstbehalt. Der wurde mir kürzlich reduziert, weil ich halbwegs gesund bin. Offiziell heißt es, er wurde gesenkt als Belohnung für meine gesunde Lebensweise. Gesunde Lebensweise bedeutet: nicht rauchen, nicht saufen, regelmäßig Bewegung machen, sich nicht fettfressen. Die Krankenkasse weiß gar nicht wirklich, wie ich lebe, sie glaubt mir aber, dass ich gesundheitsschonend unterwegs bin, weil ich kein Übergewicht und einen normalen Blutdruck habe. So komme ich in den Genuss einer Belohnung, die mir freilich jederzeit wieder entzogen werden kann. Sollte ich nämlich zum Beispiel Bluthochdruck kriegen, was trotz einer gesunden Lebensweise möglich ist, müsste ich zur Strafe wieder mehr zahlen für meine Arztbesuche, die dann unumgänglich wären, weil ich meinen Bluthochdruck ja bekämpfen müsste, während ich jetzt, mit meinem normalen Blutdruck, den Arzt gar nicht brauche, was bedeutet, dass ich eigentlich gar nichts habe von meinem reduzierten Selbstbehalt. Natürlich bin ich heilfroh, nicht zum Arzt zu müssen, ganz klar, aber die Frage, ob das Ganze nicht ein ziemlicher Pflanz ist, stellt sich trotzdem. Vor allem für diejenigen, die trotz gesunder Lebensweise einen ungesunden Blutdruck haben.

Aber nein, so kann man das nicht sehen, wenn meine Krankenkasse pflanzen will, dann nicht jemanden, sondern etwas in uns hinein, nämlich ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Prävention. Prävention garantiert, dass wir alle gesund und fit 120 werden. Oder doch nicht? Aber ja! Wer krank ist, hat einfach nicht genug auf seine Gesundheit geachtet. So einfach hört es sich jedenfalls oft an, wenn GesundheitspolitikerInnen das Wort ergreifen.

Was meine Versicherung mit mir (und den anderen Versicherten) macht, ist insofern von aktueller Bedeutung, als ja unser Gesundheitssystem reformiert gehört. Der Selbstbehalt gilt schon mal vielen als vorbildlich. Er hält Versicherte davon ab, aus Jux und Tollerei zum Arzt/zur Ärztin zu gehen. (Bekanntlich ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Blutabnahme statt Kino. Kann’s was Schöneres geben? Na ja, eine Darmspiegelung vielleicht.) Oder, um es mit den Worten eines Neo(s)-Mandatars zu sagen: „Man muss den Leuten klarmachen, dass nicht alles gratis ist.“ Und: „Die Leute gehen sehr oft zum Arzt, ohne dass es notwendig ist.“

Abgeordneter Nikolaus Scherak, von dem diese todsichere Diagnose stammt,1 ist zwar Jurist, aber bestimmt liegt seiner Feststellung eine ausführliche medizinische Recherche zugrunde. Im Übrigen kennen wir das doch alle: Da rennt jemand wegen anhaltendem Husten zum Arzt, und dann stellt sich heraus, er hat eh keinen Lungenkrebs, nicht einmal Tuberkulose, sondern bloß eine banale Bronchitis, die vermutlich auch mit Hausmitteln wie Brustwickel und Inhalieren zu kurieren gewesen wäre.
Also: Der Selbstbehalt ist eine nützliche Idee. Dass Versicherte glauben, Versicherungsleistungen einfach so in Anspruch nehmen zu dürfen, ist sowieso eine Unverschämtheit, mit der private Versicherungsgesellschaften längst aufgeräumt haben. Das weiß jeder, der seiner Haushaltsversicherung schon mal einen Sturmschaden in Rechnung gestellt hat und nachher von ihr gekündigt wurde. Zugegeben, manche Menschen gehen trotz Selbstbehalt zum Arzt. Das spricht aber nicht gegen das Prinzip des Selbstbehalts, sondern nur gegen seine Höhe. Solange er leistbar ist, werden sich vermutlich immer Abzocker finden, die sich nicht abschrecken lassen und beim kleinsten Anzeichen eines Herzinfarkts – oder was sie halt in ihrer Unwissenheit dafür halten – ärztliche Hilfe anfordern.

Auch Ambulanzgebühren sind wieder angedacht. Der Präsident der Ärztekammer hieß sie erst kürzlich in der ORF-Pressestunde gut.2 Sie sind ebenfalls eine Präventivmaß­nahme, diesfalls gilt es, Krankenhäuser vor Befall durch PatientInnen zu schützen. Die Menschen sollten nicht in Am­bulanzen drängen, sondern sich einen Hausarzt suchen, sagte der oberste Ärztekämmerer, und recht hat er. Unerklärlich, dass eine, die plötzlich ihr linkes Bein nicht mehr spürt, unbedingt ins Spital will. Warum ruft sie denn nicht ihren Onkel Doktor Hausarzt, der ihr bekanntlich Tag und Nacht zur Verfügung steht, weil Dauerdienst an Kranken sein einziger Lebenszweck ist?
In Graz und in Salzburg hat man jetzt aber von Spitals wegen ein Exempel statuiert und zwei hypochondrische Alte erst einmal heimgeschickt, als sie mit unklaren Symp-tomen wie Sprachstörungen und Gesichtslähmung aufgetaucht sind (die sich etwas später in einem Schlaganfall beziehungsweise einem Gehirninfarkt manifestierten). Weil: kein Bett frei. Magnetresonanztomografie zu teuer. Und überhaupt, unter uns: 60 plus ist doch eh schon ein schönes Alter, oder?

Ja, die Gesundheit ist ein kostbares Gut, und wie es ausschaut, wird sie immer kostbarer. Übrigens: Übergewicht kann zwar zum Ausbruch von Diabetes Typ 2 führen, aber nur bei genetischer Disposition, nicht alle Dicken sind zuckerkrank. Was lernen wir daraus? Vielleicht, dass es doch nicht ganz so simpel zugeht bei der Herstellung von Gesundheit und Krankheit, wie Managernaturen glauben?

1) Interview mit dem „Standard“ am 22.10.2013
2) am 20.10.2013

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