<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Geblökt, gefeiert

Von Gendergeschwätz und Hinweisen auf betagte Nachbarinnen.

1.
Kristina Schröder, 33, CDU-Mitglied und deutsche Familienministerin, hat in einem „Spiegel“-Interview dümmliche Plattitüden über den Feminismus von sich gegeben. Sie ­reduziert darin die engagierten Frauen der siebziger Jahre auf heterophobe Männer- und Kinderhasserinnen, ortet eine sträfliche Vernachlässigung der Jungen- und Männerpolitik, sieht die Gleichberechtigung dann erreicht, „wenn man sich als Frau auch schminken und Röcke tragen kann, ohne dass deshalb an der Kompetenz gezweifelt wird“, und findet, den Frauen geschähe recht, wenn sie weniger verdienten als Männer, schließlich suchten sie immer nur nach kinderkompatiblen Jobs und studierten lieber Germanistik als Elektrotechnik. (Frau Schröder selber hat übrigens das gemeinhin als Massenstudium abqualifizierte Fach Soziologie studiert, warum sie dafür mit einem Ministerinnengehalt belohnt wird, ist aus ihrer Logik nicht erklärbar, aber, wen wundert’s, das fällt halt unter die übliche Quod-licet-Iovi-Haltung von Großkotzerten.) Alles in allem: Stammtisch-Klischees in Girlie-Verpackung.

Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn Frau Schröder tatsächlich nur ein unbedeutendes Spät-Girlie auf weiter deutscher Flur wäre. An einer Ministerin eines großen europäischen Staats wirkt dieser Mangel an Kompetenz und politischen Gestaltungsabsichten allerdings irritierend.
„Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer und diverse deutsche Oppositionspolitikerinnen haben denn auch kritisch auf die Schröder’schen Aussagen reagiert. Schwarzer warf Schröder in einem offenen Brief gar hoffnungslose ­Inkompetenz vor.

Und jetzt kommt das Erschreckende: In Medienkommentaren und Internetforen erntet Schröder tosenden ­Applaus, während Schwarzer als selbstherrliche Giftnudel verurteilt wird, die ihre Ansichten endlich korrigieren sollte. Auch so genannte Qualitätszeitungen sehen Defizite nur bei Schwarzer, nicht jedoch bei Schröder, „entfesselte Oberlehrerin“ und „Mimose“ heißt Schwarzer beispielsweise in der „Süddeutschen Zeitung“, deren Kommentator Thomas Steinfeld die Reformen des Frauen- und Familienrechts nicht der Frauenbewegung, sondern schlicht wirtschaft­lichen Notwendigkeiten zuschreibt.

Und die Politikerinnen, die Schröder kritisieren, werden größtenteils ebenfalls abwertend zitiert, sie „giften“ oder „schimpfen“ laut Berichterstattung, sie „ärgern sich“ (als gehe es ihnen nicht um Sachfragen, sondern um persönliche Emotionen), sie „knöpfen“ sich Schröder „vor“ oder „watschen“ sie „ab“. Tenor: Eine tapfere junge Frau wird für ihre klugen Statements von missgünstigen alten Zicken attackiert.
Hm. Kommt einer irgendwie bekannt vor. Erinnert zum Beispiel an den Rummel um die unsägliche ­TV-Moderatorin Eva Herman, deren Steinzeit-Thesen zur Rolle der Frau ebenfalls eine breite Öffentlichkeit fanden und diskutiert wurden wie ein innovatives philosophisches Konzept.

Wie kommt es, dass noch so bescheidene Promi-Gedankengänge zur Genderpolitik, wenn sie nur fest auf dem ­Boden sexistischer Zuordnungen bleiben, stets derart begeistert aufgegriffen und ernsthaft debattiert werden, während qualifizierte Überlegungen und Erkenntnisse einer großflächigen Ignoranz anheimfallen?

Soll das alles sein, was von jahrzehntelangem differenziertem Argumentieren hängen geblieben ist: dass die alten Feministinnen die segensreiche Wirkung des Lippenstifts verkannt haben und dass Frauen selber schuld sind, wenn sie ohne Geld überbleiben?

2.
In Wien wurde kürzlich eine sechsköpfige Familie von der Gemeinde delogiert, weil eins der Kinder, ein an Autismus leidender Bursch, immer wieder laut schreit und gegen Wände trommelt. Die Folgen der Delogierung wären schrecklich gewesen: Die Eltern hätten in eine Obdach­loseneinrichtung ziehen müssen, die vier Kinder wären auf ­öffentliche Heime verteilt worden. Zum Glück wurde der Fall von den Medien aufgegriffen, und allgemeine Empörung führte dazu, dass die Gemeinde Wien der Familie eine andere, hoffentlich geeignetere Bleibe zuwies und außerdem für psychologische Betreuung sorgen wird. Auch die neue Nachbarschaft soll, heißt es, gecoacht werden. So weit, so gut.

Was allerdings irritierte an der Medienkampagne, war ein Wort, das immer wieder in den ORF-Radio-Nachrichten vorkam: Weil zwei betagte Nachbarinnen sich über die Lärmbelästigung durch den behinderten Sohn beschwert hätten, würde eine sechsköpfige Familie obdachlos.
Betagte Nachbarinnen. Im Klartext: Alte Weiber mobben einen Behinderten. So kam es rüber.

Abgesehen davon, dass ich es – bei aller Einsicht in die Zwangslage eines Kranken und in sein Unvermögen, seine Handlungen zu kontrollieren – nicht ganz unverständlich finde, wenn NachbarInnen in ihren vier Wänden ein gewisses Maß an (Nacht-)Ruhe garantiert haben möchten: Wozu war die Information betagt gut? Sind betagte Nachbarinnen besonders kleinlich? Haben betagte Nachbarinnen kein Recht auf Ruhe? Hätte sich an der Geschichte was geändert, wenn die betagten Nachbarinnen fesche Nachbarn im besten Alter gewesen wären?

Betagt. War sicher nicht weiter bös gemeint. War aber trotzdem schlecht. Weil es einen falschen Zusammenhang konstruiert hat. Delogierungsgrund: erbarmungslose Alte. Was, wenn gemeldet worden wäre: zwei blauäugige Nachbarn? Eben, überflüssig.

elfriede.hammerl@profil.at