Elfriede Hammerl: Geld ausgeben

Elfriede Hammerl: Geld ausgeben

Wie Mimi sich weigert, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Oder: Die grünen Zweige sind besetzt.

Mimi spart. Das ist ganz schlecht! Du schädigst die Volkswirtschaft, Mimi, sagen wir, die EZB hält die Zinsen extra niedrig, damit du dein Geld ausgibst. Dein Erspartes wird täglich weniger wert, damit du dich endlich von ihm trennst. Nein, das ist keine Gemeinheit, das muss sein, damit solche wie du begreifen, wie wichtig es ist, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Du musst konsumieren, Mimi! Das ist ein Auftrag. Das Gemeinwohl liegt in deiner Hand.

Mimi sagt, die Botschaft hört sie gern, einerseits, denn sie hätte eigentlich eine natürliche Begabung zum Geldausgeben. Wenn es nur nach ihren Neigungen ginge, würde sie den Absatz von Luxusgütern bereitwillig heben.

Aber sie traut sich nicht. Ihr Sparkonto ist erschöpflich, da muss die EZB gar nicht groß nachhelfen, und was ist, wenn sie demnächst noch ein paar Zahnimplantate braucht? Nur so zum Beispiel. Schon beim ersten hat ihr Zahnarzt zu ihr gesagt, ja, die Kosten sind beträchtlich, aber man kann ja wohl davon ausgehen, dass verantwortungsbewusste Menschen vorgesorgt haben für so einen Fall.


Du musst konsumieren! Das Gemeinwohl liegt in deiner Hand.

Noch einmal andersherum fragt sie sich freilich eh, wie sie das schaffen soll mit der Vorsorge, denn wer weiß, ob ihr Erspartes, wenn es tatsächlich munter vor sich hinschmilzt, demnächst überhaupt noch ausreicht für Implantate oder neue Fenster oder einen neuen Herd oder was halt so anfallen wird im Lauf der Zeit.

Siehst du, sagen wir, das ist der springende Punkt. Kauf wenigstens alten Scotch, solange du noch alten Scotch kriegst für dein Geld, und vergiss deine Zähne, hab einfach ein bisschen Vertrauen in deinen Körper.
Mimi sagt, sie wird ihren Zahnarzt fragen, wie es mit Implantaten auf Vorrat ausschaut, wenn’s das gibt, dann kauft sie sich welche.

Sei doch nicht so egozentrisch, sagen wir, Gemeinwohl vor persönlichen Interessen! Oder nein, es ist ja auch zu deinem Besten, wenn du die Wirtschaft ankurbelst. Bestell dir halt einen neuen Herd!
Jetzt brauche ich aber keinen, sagt Mimi eigensinnig. Wenn ich jetzt einen kaufe, dann ist mein Erspartes weg, und ich kann mir keinen mehr leisten, wenn der neue kaputt wird. Auch ein neuer Herd hält nicht ewig.
Du lebst ja auch nicht ewig, werfen wir ein.
Ja, aber vielleicht doch länger als ein Herd?, fragt Mimi.

Sie ist wirklich ein schwieriger Fall. Immerzu ihre Bedürfnisse im Auge und desinteressiert am großen Ganzen.
Beispielsweise hat sie sich eine kleine Eigentumswohnung gekauft, als sie noch halbwegs gut verdient hat. Dass die Grundsteuern, volkswirtschaftlich gesehen, viel zu niedrig sind, hat sie dabei nicht gestört. Im Gegenteil, das war für sie ein Anreiz. Die Betriebskosten kann ich mir auch im Alter noch leisten, hat sie damals gesagt. Bei Mieten weiß man nie, wie sehr die steigen.

Auf die Idee, dass auch die Grundsteuern steigen können, ist sie nicht gekommen. Schön dumm.
Tja, Mimi, sagen wir, das Leben ist ein Risiko. No risk no fun.
Seit einiger Zeit ist Mimi übrigens arbeitslos. Beim AMS haben sie sie gleich darauf aufmerksam gemacht, dass sie keinen Anspruch auf Notstandshilfe hat. Wegen der Eigentumswohnung.
Ja, aber von der kann ich doch nicht abbeißen, hätte sie gesagt, sagt Mimi.
Darauf die AMS-Beraterin laut Mimi: Vermieten S’ die Wohnung und ziehen S’ zu Ihren Eltern!
Siehst du, Mimi, sagen wir, hättest du dein Geld für alten Scotch ausgegeben statt für eine Wohnung, wärst du unterstützungswürdig und könntest Mietbeihilfe beantragen.
Das sagen wir aber nur, um Mimi aufs Glatteis zu führen. Wenn sie uns zustimmt, dann outet sie sich als üble Person, die armen Teufeln unterstellt, bloß deswegen arme Teufel zu sein, weil sie ihr Geld verprasst haben, statt es vernünftig zu investieren.

Hey, ich behaupte doch nicht, dass Wohnungseigentum für alle erschwinglich ist!, sagt Mimi. Aber die Tatsache, dass mir zwei Zimmer in mittelguter Lage gehören, macht mich doch nicht zu einer Superreichen, die von den Zinsen ihres Vermögens leben kann.

Worauf will sie, Herrgott noch einmal, hinaus?
Darauf, dass ich das Gefühl habe, nie auf einen grünen Zweig zu kommen, heult Mimi.
Ja, und? Dein Gefühl ist völlig richtig, Mimi, sagen wir. Die grünen Zweige sind schon alle besetzt.
Mimi schnieft. Um sie abzulenken, fragen wir sie, warum sie denn nicht ein bisschen verreist? Wie wär’s mit
Venedig?

Ich kann mir doch nicht einmal die Bahnfahrt leisten, entgegnet sie.
Typisch Mimi. Immer so negativ. Dabei gibt es oft so preiswerte Tickets.
Nicht für mich, sagt Mimi. Die preiswerten Tickets muss man online buchen.
Ja, und?
Mein Computer ist kaputt.
Na bitte, deine Chance für eine sinnvolle Investition! Kauf dir einen neuen Computer! Und komm uns jetzt nicht mit deinen Zähnen!
Mimi kauft sich einen neuen Computer sowie ein Sparschiene-Ticket ins Gesäuse und retour. Anschließend geben ihr Herd und ihre Therme den Geist auf. Mimi will sich Geld von der Bank leihen, aber die Bank teilt ihr mit, dass sie leider nicht kreditwürdig ist. Das wundert uns nicht, so, wie sie ihr Geld bis zum vorletzten Cent beim Fenster hinausgeworfen hat.