<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Gemein nützig

Die Ungerechtigkeit der Verhältnisse ist schlimm, aber noch schlimmer ist der verzerrende Blick darauf.

Was für eine Welt! Da kriegen Manager Bonuszahlungen dafür, dass sie Arbeitsplätze reduzieren und Menschen kündigen, und die Gekündigten sollen – wenn es nach dem jüngsten Vorschlag von Staatssekretärin Marek geht – zur Strafe dafür, dass es für sie keine Arbeitsplätze gibt, kommunale Rasenflächen mähen, dreckige Papierln aufklauben oder Straßen kehren. (Zur Illustration: 350.000 Euro Prämie kassiert Peter Michaelis, der Vorstand der Staatsholding ÖIAG, fürs heurige Jahr, darin enthalten ist ein Kopfgeld von 70.000 Euro pro entlassener Betriebsrätin über 45. Die Mindestsicherung für Langzeitarbeitslose beträgt 744 Euro im Monat.)
Ist eh nur Wahlkampfgetöse? Na ja, vielleicht, fürs Erste. Dass aber eine Politikerin glaubt, mit solchen Ideen punkten zu können, stimmt nicht gerade hoffnungsfroh.

Wenn Kommunen mehr Straßenkehrer brauchen, dann sollen sie doch bitte Arbeitsplätze schaffen und welche einstellen. Haben sie aber ohnehin genügend Reinigungs­personal, ist es überflüssig, Arbeitslose zum Kehren ab­zukommandieren.

Straßenkehrer werden vergeblich gesucht? Dann muss man sie vielleicht besser zahlen. Oder ihre Arbeitsbedin­gungen anders gestalten. Unbeliebte Arbeiten sind in der Regel deshalb unbeliebt, weil sie besonders beschwerlich sind, besonders öd, vielleicht auch gesundheitsschädigend und schlecht entlohnt. Um sie beliebter zu machen, braucht es Anreize. Braucht es nicht? Es braucht nur Arbeitslose? Denen können wir jede Drecksarbeit zumuten, und sie kosten fast nix? Was für eine Welt! In Pension gehen sollen wir künftig nicht vor 70, aber ab 40 sind wir auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar.

Was folgt daraus? Ein Heer von Billigarbeitskräften, die jeden noch so miesen Job annehmen müssen, wenn sie nicht verhungern wollen? 60- bis 70-Jährige, die um Mindest­tarife Straßen kehren, Rasen mähen, in Kanalschächte steigen, Krankenbahren tragen?

Durchaus vorstellbar, aber ja. (Wenngleich ich nicht auf der Trage liegen wollte, die von zwei kreuzmaroden 60-Jährigen gestemmt – oder vielleicht nicht derstemmt – wird.) Was kommt als Nächstes? Vielleicht das: Damit die gemeinnützigen Arbeitslosen als MindestrentnerInnen nicht zu übermütig werden, sollen sie sich gefälligst auch ihre Pension durch Dienstleistungen verdienen. So mancher Managerhaushalt könnte schließlich eine Leihoma, die nebenbei kocht, bügelt und Staub saugt, gut brauchen.

Was für eine Welt! Wir nennen die junge Sozialwissenschafterin, die zwischen zwei befristeten Beschäftigungen Arbeitslosengeld bezieht, Schmarotzerin und bewundern reich verheiratete Schnepfen, deren segensreiche Tätigkeit vor ­allem darin besteht, dass sie ihre Silikonbrüste zu Society-­Auftrieben tragen.

Wir schimpfen den Hackler, der Notstandshilfe kriegt, weil seine lädierten Gelenke das Hackeln nicht mehr aus­halten, einen faulen Hund und lassen uns von schnöseligen BWL-Absolventen einreden, dass Jahreseinkommen in ­Millionenhöhe von nichts anderem zeugen als von besonderem Fleiß. Die Schnepfen kosten die Allgemeinheit nichts? Kommt drauf an, ob man meint, dass uns durch das Parken von Vermögen in steuerschonenden Stiftungen oder auf Liechtensteiner Konten etwas entgeht oder nicht. Auf jeden Fall kann der Gemahl einer Schnepfe ihre arbeitsfreie Existenz von der Steuer absetzen: Dafür, dass sie ihre Schönheits-OPs nicht aus eigener Tasche zahlt, steht ihm ein Alleinver­dienerfreibetrag zu.

Die Ungerechtigkeit der Verhältnisse ist traurig genug. Aber mindestens ebenso ärgerlich ist der verzerrende Blick darauf, der uneingeschränkte Rücksichtslosigkeit als bewunderungswürdige Tugend sieht und Schwäche als zu bestrafendes Vergehen.

Menschen brauchen Aufgaben, stimmt. Das (Berufs-)Leben kann kein Dauerfestl sein, stimmt ebenfalls. Auch zur Erfüllung sinnstiftender Aufgaben benötigt man Frustrationstoleranz und Kraft und die Bereitschaft, sich einzusetzen, also was zu leisten. Und, ja, es gibt Tätigkeiten, die müssen gemacht werden, selbst wenn sie einem wenig sinnstiftend vorkommen. Aber diese Tätigkeiten zur Auf­gabe zu erklären, aus der andere (immer nur andere, nie man selbst) immateriellen Gewinn ziehen sollen, indem sie dem Gemeinwohl dienen dürfen – das ist schlicht eine Unverschämtheit.

Konkret: Straßenreinigung ist notwendig, insofern also sinnvoll, aber nicht sinnstiftend in der spirituellen Bedeutung. Zu erwarten, dass Menschen eine tiefe innere Befriedigung dabei empfinden, ist, gelinde gesagt, kühn. Also ­würde es naheliegen, dass man den Mangel an Erfüllung mit ­einer höheren Bezahlung auszugleichen versucht. Doch ­davon ist nicht die Rede. Stattdessen: Almosen und herablassende Ermahnungen.

Aber Schmarotzer sind Realität! Gegen die muss man was unternehmen! Okay, nur sollte man darüber nachdenken, woran man sie erkennt. Das Kriterium „sechs Monate arbeitslos“ sagt entschieden zu wenig aus. Und zudem erhebt sich die Frage, worin der volkswirtschaftliche Nutzen liegt, wenn wir Menschen zu Tätigkeiten heranziehen, für die sie nicht qualifiziert sind. Wäre der arbeitslose Betriebswirt als Küchen­hilfe denn wirklich ein Gewinn fürs städtische Krankenhaus? Schließlich sollte gemeinnützig nicht von gemein kommen, sondern von allgemein nützlich.

elfriede.hammerl@profil.at