<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Gewicht. Lebensspuren. Stolz.

Eine Ergebenheitsadresse an das herrschende Schönheitsdiktat. Möglicherweise.

Ich achte auf mein Gewicht. Ich achte auf mein Gewicht, weil mir mein Selbstbild eine schmale, schlanke Frau zeigt. So kenne ich mich, so mag ich mich, so will ich bleiben. Ich weiß, dass es mich irritieren würde, im Spiegel nicht die schlanke Person zu erblicken, als die ich mich sehe, wenn ich an mich denke. (Ich weiß es, denn eine kurze Zeit in meinem Leben – sie liegt lange zurück –, als ich täglich für meine Familie kochte und mit ihr aß und schon während des Kochens aß und ständig Appetit hatte, weil ich so viel ans Einkaufen, Kochen und Essen denken musste, war ich geradezu verstört, sobald ich in den Spiegel schaute. Ich erkannte mich in der Frau, die ich sein sollte, immer weniger, weil die Frau im Spiegel immer mehr wurde.)

Allerdings würde mich G., wenn ich nicht auf mein Gewicht achtete, nicht attraktiv finden. G. selber ist nicht der Schlankste, aber er mag nur schlanke Frauen. De gustibus. Ich nehme es ihm nicht übel, Männer, die in Fleischmassen wühlen wollen, sind mir sowieso verdächtig.

Ich achte auf mein Gewicht. Ich bleibe schlank. Ich creme meinen Körper mit hautpflegenden Substanzen ein. Ich entferne Achsel- und Schamhaare und die Haare auf meinen Beinen. Ich zupfe meine Augenbrauen. Mein Kopfhaar ist dicht und glänzend, seine Farbe sieht natürlich aus und ist das Ergebnis von dreierlei kunstvoll aufgetragenen Braun- und Goldschattierungen, die sich mit meinen weißen Strähnen mischen. Ich tusche meine Wimpern. Ich gehe zur Fußpflege und lackiere meine Zehennägel.

Ich unterwerfe mich dem herrschenden Schönheitsdiktat. Ich habe nicht die Kraft, mein eigenes Schönheitsideal zu erstellen und es gegen das diktierte Schönheitsideal zu verteidigen. Ich habe nicht die Kraft, unschön zu sein nach gängigen Maßstäben. Ich habe nicht die Kraft, mich einfach – oder justament! – schön zu fühlen, wenn ich den gängigen Schönheitsnormen nicht halbwegs entspreche. Ich bin – noch – in der angenehmen Lage, über Botox nicht nachdenken zu müssen, weil meine Lippen einstweilen nicht ausschauen, als wären sie mit feinen Stichen in meinem Gesicht festgenäht, und weil sich die Furchen auf meiner Stirn in Grenzen halten. Wenn ich Glück habe, gerate ich nach meiner Mutter, die erstaunlich faltenarm blieb bis ins hohe Alter. Falls nicht, weiß ich nicht, was siegen wird, meine berechtigte Furcht vor Gift, Skalpell und Narkosen oder meine Unfähigkeit, meinen physischen Abstieg hinzunehmen.

Nein, keine Silikonbrüste und Ähnliches, alles, was sich mit Kleidung, Unterwäsche und Beleuchtungszauber kaschieren lässt, bleibt unangetastet, makellos war ich nie, damit kann ich leben. Aber das bedeutet nicht, dass ich bereit bin, eine beliebige Zahl neu hinzukommender Makel zu akzeptieren. Ich will meinen Makelbestand halbwegs konstant halten oder zumindest nur in Grenzen wachsen lassen, was immer ich – unter Verzicht auf Folter und Selbstverstümmelung – verhindern oder ausbügeln kann, werde ich verhindern oder ausbügeln oder ausbügeln lassen.

Nicht alle meine Freundinnen heißen das gut. Sie kritisieren, dass ich – für G., wie sie behaupten – meinen Süßigkeitenverzehr knapp halte und stundenlang bei der Friseurin sitze. Sie reden der naturbelassenen Körperbehaarung das Wort. Sie erklären, in Würde altern zu wollen. Sie sind angeblich stolz auf ihre Falten. Sie versichern einander, dass sie mit ihrem grauen Haar – nein, wegen ihrer grauen Haare und ungezupften Augenbrauen (von den unrasierten Achseln ganz zu schweigen) – viel schöner seien als alle die manipulierten Sklavinnen des Jugendkults. Sie sagen, wenn die Liebe ihrer Männer von ihrem jugendlichen Aussehen (oder von rasierten Achseln) abhinge, dann würden sie sich auf der Stelle von ihren Männern trennen. Sie sind sich der unerschütterlichen Liebe ihrer Männer sicher. Oder sie warten gerade wieder auf einen Mann, der sie unerschütterlich lieben wird samt Körperbehaarung und Übergewicht, das man natürlich nicht Übergewicht nennen darf, wenn man sich nicht als hohlköpfige Befürworterin der Magersucht outen will.

Ich antworte, dass ich nicht für G. bei der Friseurin sitze, sondern für mich, aber in Wirklichkeit sitze ich sowohl für mich als auch für G. bei der Friseurin. Ich möchte mir gefallen, und ich möchte G. gefallen. Ich möchte überhaupt gefallen, am wenigsten allerdings denjenigen, denen ich bloß dann gefallen würde, wenn ich allen anderen nicht gefiele.

Doch Fakt ist, ich möchte, jawohl, auch und nicht zuletzt schön sein für G., es gefällt mir, wenn ihm meine glatten Achseln und Beine, meine lackierten Nägel, mein leuchtend geschminkter Mund, meine braun gesträhnte Mähne gefallen, ich spiegle mich gern in seinen begehrlichen Augen, und es stört mich nicht, dass sein Begehren von meinen glatten Beinen stimuliert wird statt von den Spuren, die das Leben in meinem Gesicht hinterlassen hat. Ich stehe zu den Spuren, die das Leben in meinem Gesicht hinterlassen hat!, sagen diejenigen meiner Freundinnen, die stolz sind auf ihre grauen Haare, sie finden Lebensspuren viel interessanter als faltenlose Gesichter. Ich halte das für einen ehrenwerten Standpunkt, den ich aber ehrlicherweise nicht einnehmen kann, solange ich selber nicht allzu scharf bin auf allzu deutliche Lebensspuren an potenziellen Liebhabern.

Der Text wurde Elfriede Hammerls neuem Roman „Kleingeldaffäre“ entnommen. 160 Seiten, Deuticke, Euro 18,50

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