<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Halbtagsschule

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Halbtagsschule

Halbtagsschule: Wem sie entgegenkommt. Den Kindern? Nicht unbedingt. Den Eltern? Nur einigen.

Eltern, die dagegen sind, stellen die Ganztagsschule gern als Kindergefängnis dar, in dem Kinder indoktriniert und ihren Eltern entfremdet werden sollen. Diese Darstellung ist falsch. Auch Halbtagsschulen können Kindergefängnisse sein, wenn sie schlecht sind. Die gute Ganztagsschule jedoch ist ein Ort, an dem Kinder sich mindestens so wohl fühlen wie in der guten Halbtagsschule, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass auch Kinder, mit denen daheim niemand lernen und üben kann, gefördert werden. In der Regel dauert sie bis vier oder fünf am Nachmittag, weshalb danach durchaus noch Zeit ist für ein Familienleben. Im Streit um die Ganztagsschule geht es denn in Wahrheit auch weniger um die Interessen der Kinder, als vielmehr um die der Eltern, vor allem die der Mütter.

Ganztagsschule heißt in der Praxis: Mama kann einem Beruf nachgehen (statt allenfalls stundenweise dazuzuverdienen). Halbtagsschule heißt: Mama ist entweder daheim, oder sie hat ein Problem, die Nachmittagsbetreuung der Kinder zu organisieren – in der Stadt weniger, auf dem Land sehr. Auch auf dem Land leben nämlich die Menschen entgegen idyllischen Vorstellungen nicht in Familienverbänden, wo didaktisch gebildete Großeltern zur Verfügung stehen, die nichts anderes zu tun haben, als die Enkelkinder zu versorgen und mit ihnen die Aufgaben zu machen.

Für die Halbtagsschule plädieren also vor allem Mütter, die gern auf ein Berufsleben verzichten, und Väter, die ihre Kinder und sich selber gern von ihren Frauen versorgen lassen. Diese Elternpaare gehören in der Regel der Mittelschicht an, wo es sich finanziell ausgeht, wenn nur ein Elternteil verdient. Sehr oft haben sie das angestrebte Sozialprestige (noch) nicht in dem von ihnen erträumten Umfang erreicht, weshalb es ihnen wichtig ist, sich und ihre Kinder abzugrenzen von dem Pöbel, der darauf angewiesen wäre, dass die Schule soziale Defizite ausgleicht. Zu den wirklich Wohlhabenden und Maßgeblichen zählen sie nicht. Die schicken ihre Kinder im Bedarfsfall in ganztägig geführte Privatschulen. Der Bedarfsfall ist in diesen Kreisen häufig gegeben, denn die top ausgebildeten jungen Mütter der Oberschicht wollen ihre Karrierechancen wahrnehmen, während begeisterte Hausfrauenmütter das Berufsleben auch deswegen scheuen, weil sie ihre Karriereaussichten möglicherweise – und möglicherweise nicht ganz unrealistisch – als bescheiden einstufen. Trotzdem fühlen sie sich als Verzichtende, nicht zu Unrecht, denn selbst der Verzicht auf eine bescheidene Karriere und das damit verbundene Einkommen ist ein Verzicht.

Diesen Verzicht üben zu wollen, ist selbstverständlich ihr gutes Recht. Nicht einsehbar ist jedoch, warum alle anderen ihrem Beispiel folgen sollen.
Derzeit kann aus einer Schule nur dann eine Ganztagsschule werden, wenn zwei Drittel der Eltern und der LehrerInnen an dieser Schule zustimmen. Oder anders gesagt: Eine Minderheit von einem Drittel plus einer Stimme kann das verhindern. Warum? Weil tradierte Rollenbilder immer noch als Norm gelten, von der nur mit überwältigender Mehrheit abgewichen werden darf?

Die meisten Mütter heutzutage wollen oder müssen ­einem Beruf nachgehen. In den Elternvertretungen sind sie allerdings in der Minderheit, denn dort dominieren konservative Väter, denen konservative Mütter den Rücken freihalten für derlei Engagements. Die nicht nur viel zitierte, sondern auch häufig vorkommende Alleinerzieherin hingegen hat meist keine Zeit dafür. LehrerInnen wiederum haben den Beruf nicht selten auch wegen der besseren Vereinbarkeit mit Familien­pflichten ergriffen. Die bessere Vereinbarkeit hängt allerdings an der Möglichkeit, die Schule mittags verlassen zu können. Weswegen ihr Votum entsprechend ausfällt.
Wirklich repräsentativ wären diese Abstimmungen nicht einmal dann, wenn eine einfach Mehrheit genügte, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Zugegeben, es muss sich viel ändern an der räumlichen und personellen Ausstattung von Schulen, wenn sie ganztägig geführt werden sollen. Die SchülerInnen brauchen mehr Platz. Die LehrerInnen brauchen mehr (Arbeits-)Platz. Das Essen, das Kinder und Lehrpersonal kriegen, soll gesund sein und nicht vom Großküchenfließband kommen. Und so weiter. Eine detaillierte Beschreibung erübrigt sich insofern, als die Notwendigkeiten kein Geheimnis sind. Kennen sich eh alle aus, die sich damit beschäftigt haben.

Dass gute öffentliche Ganztagsschulen möglich und leistbar sind, hüpfen uns längst andere Staaten (besonders die skandinavischen) vor. Es krankt bei uns also nicht an der Machbarkeit, sondern an der Bereitschaft dazu. Und die wird von einer Minderheit torpediert.

Themawechsel: Das BZÖ fordert, dass Alimente für Kinder aus geschiedenen Ehen steuerlich absetzbar werden. Begründung von Parteichef Bucher: „Ich will, dass Männer die Chance bekommen, eine zweite Familie zu gründen.“1) Interessantes Begehren.

Familienneugründungen von Männern als öffentliches Anliegen. Warum nicht auch von Frauen? Ach so, Frauen müssen ja niemanden erhalten. Und wo bleibt das staatliche Aussteuerpaket für den Scheidungsmann?

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