Elfriede Hammerl: Hilferufe

Elfriede Hammerl: Hilferufe

Jemand hat mir sein Schicksal geschickt. Es ist schon durch viele Hände gegangen.

Jemand hat mir sein Schicksal geschickt. Das Schicksal ist 35.000 Zeichen lang, ausgedruckt wären das sieben Seiten Text. Der oder die Absenderin hat sein oder ihr Schicksal extra für mich komprimiert, damit ich es schaffe, es zu lesen. Ich schaffe es nur, weil ich um halb zwei Uhr früh noch vor meinem Computer sitze, statt endlich zu schlafen, aber mein wirkliches Problem ist, dass ich nicht weiß, wie ich diesem Schicksal eine Wende zum Besseren geben soll. Ich soll es ja nicht nur lesen, es wurde mir geschickt, damit ich es in die Hand nehme und korrigiere, was es beklagenswert macht, Behördenwillkür etwa, Mitmenschenwillkür, kein Geld, Krankheit und obendrein kein Geld, so was in der Art.

Der oder die AbsenderIn stellt sich vor, wenn ich nur über sein beziehungsweise ihr Schicksal schreibe, dann werden sich die Behörden und/oder die Mitmenschen am Riemen reißen, es wird endlich Gerechtigkeit einkehren in ihr oder sein Leben, er oder sie wird rehabilitiert oder wenigstens künftig besser behandelt vor Gericht, im Spital, beim Arbeitsuchen. So einfach ist es aber nicht. Ich bin kein Sprachrohr, ­keine Ombudsfrau, kein übergeordnetes Gericht, nicht einmal eine Beratungsstelle. Dieses Schicksal müsste sachkundig dekomprimiert werden, jemand müsste sich ausführlich damit beschäftigen, den Absender oder die Ab­sen­derin an die Hand nehmen, zuhören, trösten, mit seinen oder ihren Mitmenschen verhandeln.

Dafür gibt es Einrichtungen. Oder?

Haben Sie sich schon einmal an die Volksanwaltschaft gewandt?, schreibe ich zurück. Erlauben Sie, dass ich Ihr Schreiben ans zuständige Ministerium weiterleite? Ich schicke Ihnen die Adressen folgender Beratungsstellen, schreibe ich. (Aber eigentlich will ich keine passenden Beratungsstellen heraussuchen, ich will endlich einmal schlafen gehen, ich bin übermüdet, überfordert, grantig. Ich hab schließlich genug zu tun in meinem tatsächlichen Beruf.)

Jemand hat mir sein Schicksal geschickt, wieder einmal, und ich weiß bereits, wie es weitergehen wird. Der oder die Absenderin hat schon alles probiert. Nicht nur ich kann sein/ihr Schicksal nicht in die Hand nehmen und umformen, es ist auch schon durch andere Hände gegangen, die es weitergereicht haben ohne Erfolg. Da hab ich doch längst hingeschrieben, schreibt mir die ratsuchende Person, da war ich doch schon, aber. Aber die haben mir nur einen Schimmelbrief zurückgeschrieben. Die haben mir nicht zugehört. Die haben mir zugehört, aber nichts für mich tun können. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich hab Ihnen schon einmal geschrieben, schreibt die ratsuchende Person, Sie haben damals geantwortet, ich soll, und das hab ich versucht, aber jetzt ist Folgendes passiert, nachdem ich ja, wie Sie aus meinem ersten Mail wissen …

Die ratsuchende Person erwartet, dass ich mich erinnere, womöglich im Detail. Tu ich aber nicht. Hab zu viel um die Ohren, das ich mir merken soll. So wird es den Leuten in den Beratungseinrichtungen auch gehen, denke ich mir. Keine Zeit, zu viel Arbeit, keine Ressourcen, Überforderung, Überlastung, und das alles für wenig Geld.

Was folgt daraus? Offensichtlich gibt es einen großen Bedarf an Hilfe und Unterstützung, offensichtlich geraten viele Menschen in Lebenssituationen, mit denen sie allein kaum oder gar nicht fertig werden, und offensichtlich reicht das Angebot an entsprechenden Einrichtungen entweder nicht aus, oder es reicht die Hilfe, die dort gegeben wird, nicht aus.

Ich glaube nicht, dass die Zahl der Menschen, die in Krisen geraten, immer größer wird, im Gegenteil. Niemand wird ernsthaft frühere Generationen, kriegsgeschädigt, hungergeplagt, womöglich politisch verfolgt und gesundheitlich unzureichend versorgt, um ihr Leben ­beneiden. In der Vergangenheit war der ­soziale Zusammenhalt auch nicht besser, der familiäre bestand oft genug in purer Repression, und ­viele Menschen sind in ihrem Unglück hilflos untergegangen. Der Un­terschied liegt darin, dass sie heute den Anspruch erheben, nicht untergehen zu müssen. Das ist prinzipiell ein Fortschritt und hat nichts mit gestiegener Zimperlichkeit zu tun.

Natürlich braucht es auch Eigenverantwortung. Aber, die, die mir schreiben, machen nicht den Eindruck wehleidiger Jammerer auf der Suche nach einem Packesel, der ihnen die Mühen des Alltags abnimmt (die gibt’s auch), sondern das sind Leute, die offenbar trotz Eigeninitiative nicht mehr weiterkommen.

Die explosionsartige Vermehrung von freiberuflichen Coaches, BeraterInnen und TherapeutInnen löst das Problem ganz offensichtlich nicht, und das ist auch leicht erklärbar. Die einen wollen und müssen Geld verdienen, die anderen haben keins oder nicht genug, um den Aufwand, den ihre Betreung erforderte, abzugelten. Abgesehen davon scheint mir ein gewisses Ungleichgewicht zu herrschen zwischen dem, was die vielen Coaches anbieten, und dem, was viele Ratsuchende wirklich brauchen würden. Zum Beispiel fachkundige Unterstützung beim Umgang mit Behörden statt Hilfe auf der Suche nach dem wahren Selbst oder so. Fortsetzung folgt.

Neu: Elfriede Hammerl, „Zeitzeuge“, Roman, edition ausblick. Präsentation und Lesung am 25.9. um 18.30 Uhr im Presseclub Concordia, 1010 Wien, Bankgasse 8. Anmeldung: office@edition-ausblick.at

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com