Elfriede Hammerl: Himmelmutter

Elfriede Hammerl: Himmelmutter

Wenn ein Mädchen gepfiffen hat, hat sie geweint. Angeblich. Über den freien Willen von Kindern.

Wenn ein Dirndl pfeift, weint die Himmelmutter!, sagten die alten Frauen auf dem Land, wo ich in meiner Kindheit die Sommerferien verbrachte. War mir egal. Ich pfiff darauf. Ich war Städterin, nur zu Besuch, und meine Mutter lachte, wenn sie so was hörte. Die Mädchen im Dorf hingegen schauten mich rügend an. Sie pfiffen nicht, sie wussten, was sich gehörte. Es gehörte sich auch, dass sie ihre Brüder bedienten. Es gehörte sich nicht, die Nase in Bücher zu stecken, statt sich nützlich zu machen. Es gehörte sich nicht, über Körperfunktionen – zum Beispiel die Regelblutung – Bescheid zu wissen und womöglich sachlich darüber zu sprechen. Und es gehörte sich, keinen anderen Burschen mehr anzuschauen, wenn einen einer ein paar Mal abends im Elternhaus besucht hatte.

Es gab einen Verhaltenskodex, gegen den verstießen Mädchen nicht, wenn sie nicht geächtet werden wollten. Kann man sagen, dass sie sich freiwillig daran hielten?
Der freie Wille von Kindern wird unentwegt beschnitten, und das ist über weite Strecken notwendig. Niemand wird es der freien Entscheidung einer Dreijährigen überlassen, ob sie bei Rot über die Straße läuft.

Kinder werden erzogen, und das heißt, sie werden auch manipuliert und indoktriniert. Man tut es zu ihrem Besten. Das Beste liegt im Rahmen des eigenen Welt- und Rollenbildes. Wer an eine Himmelmutter glaubt, die vor Kummer weint, wenn kleine Mädchen pfeifen, verbietet kleinen Mädchen das Pfeifen – nicht, um ihnen zu schaden, sondern um sie vor Schaden zu bewahren. Der Schaden läge darin, dass sie sich bei höheren Mächten unbeliebt machen.

Wer nicht an höhere Mächte glaubt, die darauf aus sind, kleine Mädchen um ihre Lebenslust zu bringen, sieht den Schaden hingegen im Pfeifverbot.

Welche Instanz entscheidet, wer recht hat?

Das Pfeifverbot gehörte zu einem Rollenbild, gegen das sich Frauen vehement gewehrt haben und bis heute wehren. Sie wehren sich, weil sie für sich entschieden haben, dass sie es als Schaden betrachten, wenn sie in ihrer Lebenslust, in ihrem Bewegungsspielraum, in ihrer Selbstbestimmung beschnitten werden. Sie sehen sich als oberste Instanz über ihr Leben. Aber sie haben die Rechte, die sie sich erkämpft haben, nicht individuell errungen, sondern durch Zusammenschluss, mit gegenseitiger Unterstützung und gegenseitiger Aufklärung. Sie haben den Staat erst dazu bringen müssen, sie als oberste Instanz über ihre Lebensentwürfe einzusetzen. Dazu mussten sie sich mit den Himmelmutter-Beschwörerinnen anlegen und kleine Mädchen zum Pfeifen ermutigen. Was wiederum in die Entscheidungsfreiheit derer eingriff, die ihre Töchter oder Enkelinnen nach dem Bild einer angeblich mieselsüchtigen Himmelmutter formen wollten.

Es lief und läuft auf eine Güterabwägung hinaus. Was ist das höhere Gut? Dass die Familie freie Hand bei der (religiösen) Erziehung ihrer Kinder hat, oder dass die Kinder vor (religiöser) Indoktrinierung bewahrt werden, die womöglich mit einer Beschneidung ihrer Grundrechte einhergeht?

Ja, eh, es gibt kein Grundrecht auf Pfeifen. Aber es gibt ein kindliches Grundrecht darauf, laut und ausgelassen sein zu dürfen, sich bewegen zu dürfen, unbefangen herumzutoben, Fähigkeiten und Fertigkeiten erproben zu können, Lust und Freude dabei zu empfinden und darauf vertrauen zu dürfen, dass man beschützt und vor Verletzungen bewahrt wird. Wenigstens ist das mittlerweile hierzulande gesellschaftlicher Konsens. Theoretisch. Praktisch müssen wir feststellen, dass Eltern unter Berufung auf religiöse oder kulturelle Traditionen Kindern diese Grundrechte verwehren. Kinder werden angehalten, ihren Körpern als sündenanfällig zu misstrauen, sie werden in Verhaltens- und Bekleidungskorsette gepresst, und auch vor Eingriffen in ihre physische Unversehrtheit sind sie nicht sicher, Stichwort Beschneidung.

Mädchen schnürt man in viel engere Verhaltens- und Kleidungskorsette als Buben. Das heftig umstrittene Kopftuch ist dabei Teil einer Erziehung, die weiblichen Kindern nicht denselben Entfaltungsumfang zubilligt wie männlichen. Das trifft nicht auf alle muslimischen Familien zu, aber auch an die weinende Himmelmutter glaubten nicht alle KatholikInnen, und trotzdem war das Rollenbild, zu dem sie gehörte, erdrückend präsent. Als Kind solche Rollenbilder einzelkämpferisch infrage zu stellen, ist schwer bis unmöglich. Schon deswegen, weil man, um Regeln abzulehnen – oder freiwillig zu akzeptieren –, informiert sein muss. Man muss vergleichen und abwägen können.

Die Informationspflicht dazu liegt bei der Gesellschaft. Sie muss aufklären, zu selbstständigen Entscheidungen ermutigen und Heranwachsende bei selbstständigen Entscheidungen unterstützen. Deshalb sollte die öffentliche Schule ein säkularer Raum sein. Ein Leo. Wo man sich in Ruhe informieren und nachdenken kann. Was bedeuten würde: Unterricht über Religionen statt konfessionellen Religionsunterrichts. Verpflichtender Ethikunterricht. Keine religiösen Symbole in Klassenzimmern. Und, ja, keine Hijabs.