Elfriede Hammerl: Ich nehme einfach den Bus

Elfriede Hammerl: Ich nehme einfach den Bus

Wir sind eine Herde. Wir werden getrieben wie störrisches Vieh. Zum Glück hat der Fahrer keinen Stock.

Ich setze mich einfach in den Bus, habe ich gesagt. Ein paar Stunden Fahrt, und dann bin ich am Meer. Was soll sein?

Der Busbahnhof mitten in der Nacht sieht aus wie einer der Orte, an denen der abgebrühte Privatermittler über die Leiche des Verdächtigen stolpert. Menschen hocken am Straßenrand auf ihrem Gepäck, andere dämmern auf fahl beleuchteten Bänken in offenen Wartehäuschen vor sich hin. Auf einer Anzeigetafel sind Busse aufgelistet, daneben Nummern, offenbar die Abfahrtstellen. Aber wo finde ich die in echt? Der Infoschalter ist nicht besetzt. Ich irre herum, rede die Dahindämmernden an, bitte um Auskunft. Verständnisloses Achselzucken. Schließlich erbarmt sich ein junger Mann und schickt mich wieder zum Straßenrand. Wenn überhaupt, dann starten die Nachtbusse von dort. „Und worauf warten die Leute hier?“, frage ich und deute auf die Umsitzenden. Er lacht. „Die warten halt“, sagt er. Da weiß ich noch nicht, dass resignativer Fatalismus auch von mir verlangt wird.

Am Straßenrand entdecke ich Haltestellentafeln und, in der Dunkelheit kaum lesbar, Nummern daran. Ich komme zu dem Schluss, dass Haltestelle Nummer vier mein Gate sein muss. Sicherheitshalber frage ich diejenigen, die schon dort stehen. Sie sind ebenso ahnungslos wie ich. Neue Leute kommen hinzu und fragen jetzt mich. Was genau, verstehe ich nicht, weil wir keine gemeinsame Sprache finden. Am Ende sind wir ein ratloser Haufen, der vergeblich nach einem Bus Ausschau hält.

Mit Verspätung braust er schließlich heran, bremst sich ein, hält. Zwei Uniformierte springen heraus, die uns unverständliche Befehle zubellen. Orientierungslos setzen wir uns in Bewegung, schließlich werden wir zum Kofferraum des Busses getrieben, wo wir unser Gepäck verstauen sollen. Danach Anstellen mit Ticket und Pass beim Fahrer, der den hartgesottenen Grenzbeamten im Abwehrkampf mit illegalen Einwanderern gibt.

Der Bus ist voll, die Sitze sind schmal, die Sitzreihen eng, wahrscheinlich für zehnjährige Kinder mit Untergewicht konzipiert. Ich falle auf einen Sitz neben einem jungen Mann, der exzessives Manspreading praktiziert. Ich deute auf seine Knie und gebe ihm zu verstehen, dass er sich schmäler machen soll. Seufzend klappt er seine langen Beine zusammen. Ich verstehe seinen Unmut, wüsste aber nicht, wie ich anders meine eigenen Beine verstauen sollte. Offenbar weiß ohnehin niemand so recht, wie er oder sie sich unterbringen soll. Am besten gelingt es noch den Pärchen, die ihre Gliedmaßen irgendwie übereinander schlichten, um es halbwegs bequem zu haben. Alle anderen sitzen ungemütlich gefaltet und mit in den Schoß gelegten Händen, weil es keine gescheiten Armlehnen gibt, vor allem keine zwischen den Sitzen.


Als ich nach elf Stunden Reisedauer am Ziel bin, fühle ich mich wie Strandgut.

Mein Plan war, die Nachtfahrt zu verschlafen. In den folgenden Stunden habe ich Gelegenheit, über die Unsinnigkeit dieses Plans nachzudenken. Zwar schlafen Teile von mir ein, zum Beispiel meine Beine, aber das trifft meine Vorstellung nicht exakt.

Dann die Grenze. Im Morgengrauen reisen wir aus Slowenien aus und nach Kroatien ein, was, EU hin oder her, mit strengen Kontrollen verbunden ist. Dafür können die Buschauffeure nichts, aber warum schreien sie mit uns wie mit störrischem Vieh? Wir sind müde, wir kennen uns nicht aus, draußen ist es saukalt, deswegen zögern wir, den Bus zu verlassen und im Freien Aufstellung vor den Grenzerhäuschen zu nehmen – können wir nicht sitzen bleiben, bis wir dran sind? Können wir nicht. Out!!! Wir verlassen den Bus, stellen uns an, zeigen unsere Pässe, trotten über die Grenze, steigen in den Bus, fahren ein Stück, verlassen ihn, stellen uns an, zeigen wieder unsere Pässe, dackeln über die nächste Grenze. Dazwischen Geschrei, Gefuchtel, wir werden getrieben wie eine Herde. Ich habe den Verdacht, die Busfahrer würden uns gern mit Stöcken eine überziehen, wenn sie dürften.

Der Busbahnhof in Zagreb ist geradezu luxuriös gegen den in Wien-Erdberg, es gibt Imbisslokale, Getränkeautomaten, Toiletten. Was es nicht gibt, sind Infotafeln, Aufschriften, Auskünfte. Die polnische Familie, die ebenfalls aus Wien kommt und ebenfalls nach Zadar will, irrt mit mir herum auf der Suche nach dem richtigen Bus. Die Frau sagt erbittert: „Ein Mal und nie wieder!“ Irgendwie gelingt es uns schließlich, unter den abfahrenden Bussen den nach Zadar zu erwischen. Als ich nach elf Stunden Reisedauer am Ziel bin, fühle ich mich wie Strandgut.

Nein, Busreisen müssen nicht so verlaufen, aber offensichtlich können sie, und ich glaube nicht, dass meine eine Ausnahme war. Vielleicht haben mangelnder Komfort und schlechte Behandlung ja auch was mit den Zielorten und sozialer Auslese zu tun – sozusagen: Je mehr Gastarbeiterroute, desto mieser der Standard? Fest steht die Lehre, die man aus derlei Erfahrungen leicht zieht: Ein Mal und nie wieder.

Ja, eh, Fliegen ist mittlerweile auch stressig und ungemütlich. Aber wie wär’s mit komfortablen Bussen? Und einem Revival der Eisenbahnen ins Dalmatinische und Istrische? Weil: Hinwollen ist legitim. Es ist einfach verdammt schön dort unten.

elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com