Elfriede Hammerl: Indiskret

Elfriede Hammerl: Indiskret

Muss man alles herzeigen, was man nicht zu verbergen hat?

Kurze Meldung in einer österreichischen Tageszeitung (Der Standard, 7.10.2015) über den US-Schauspieler Jason Priestley:

Der Brandon aus der 1990er-Kultserie „Beverly Hills 90210“ hat verschnupft reagiert, weil Tori „Donna“ Spelling jüngst verriet, damals eine Affäre mit Priestley gehabt zu haben. Also in der Realität, mit echtem Sex und so halt. Über Twitter ließ der 46-Jährige nun ausrichten, dass das niemanden etwas an­gehen würde. Oje, war es wirklich so schlimm?

Hä? Nochmals von vorn: Eine Frau macht öffentlich, dass sie (vor 25 Jahren) mit einem bestimmten Mann im Bett war. Der Mann findet diese Mitteilung überflüssig und tut das ebenfalls öffentlich kund. Damit hat er doch irgendwie recht, oder?

Nein, hat er nicht. Die Person jedenfalls, die die Zeitungsmeldung verfasste, kann sich seine Reaktion nur damit erklären, dass die Affäre damals ein rechtes Desaster war. Oder, Subtext, dass der Mann damals ein desaströser Liebhaber war, weil: Würde er sonst den Mantel des Schweigens darüber breiten wollen?

Das wiederum finde ich erschreckend.

Man hat sich daran gewöhnt, dass sich Menschen in den sogenannten sozialen Medien unentwegt freiwillig ausziehen. Sie verschicken Fotos von ihrem Frühstücksmüsli und von ihren Speckfalten im Bikini, sie posten, dass ihre Katzen Blähungen haben, und sie legen ihre sensiblen Gefühle in Bezug auf die Weltlage, das Wetter oder weiße Unterwäsche bloß.

Sollen sie. Wenn ihnen so etwas ein Bedürfnis ist, müssen wir wohl bis zu einem gewissen Grad damit leben.
Aber geht die angesagte Offenherzigkeit so weit, dass sich jemand, der diesen Exhibitionismus nicht mitmacht, dem Verdacht aussetzt, er sei nur deswegen diskret, weil er irgendetwas Peinliches zu verbergen habe?

Du willst dein Sexleben nicht öffentlich ausbreiten? Hast wohl Mundgeruch, Pickel am Hintern oder eine Potenzstörung, hehe!

Früher waren auch befreundete Menschen oft ein Leben lang per Sie, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Man wahrte Distanz. Man achtete auf Respektabstände. Man wollte nicht zu viel von einander erfahren. Man wollte möglichst wenig von sich preisgeben. Man überfiel einander nicht, weder mit persönlichen Mitteilungen noch mit Besuchen. Das waren steife und kühle Zeiten. Unter der Oberfläche brodelte der Tratsch, aber offiziell wahrte man die Fassade, die eigene und die der anderen. Dabei blieben Herzlichkeit, Wärme und Hilfsbereitschaft oft auf der Strecke.


Müssen wir der Welt ständig unseren nackten Hintern entgegenstrecken?

Ich halte es für einen Fortschritt, dass wir dieses allzu enge Korsett der förmlichen Manieren und der sorgfältigen Bedachtnahme auf die eigene Reputation abgelegt haben. Aber müssen wir deshalb der Welt ständig unseren nackten Hintern entgegenstrecken? Heute sind wir mit Menschen per Du, die wir so gut wie gar nicht kennen, auch das im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wir haben nichts mehr zu verbergen. Nur: Muss man alles, was nicht versteckt werden muss, auch herzeigen? Und muss alles, was man nicht herzeigt, als mutmaßlicher Schandfleck eingeschätzt werden?

Offenheit, Aufgeschlossenheit, sich für andere zu interessieren, auf andere zuzugehen, sich nicht zu verschließen ist das eine. Distanzlosigkeit, den anderen auf die Pelle zu rücken, sich mit plumper Vertraulichkeit Urteile anzumaßen, oft noch zu dazu über Menschen, die man gar nicht wirklich kennt, ist etwas ganz anderes.

(Auf Facebook postet eine Userin, auf meinem profil-Foto sähe ich aus, als ob ich böse Regelschmerzen oder ein Magengeschwür hätte. Ich würde auf meinem profil-Foto auch lieber aussehen wie die junge Catherine Deneuve, aber habe ich, weil ich darauf nicht so aussehe, mein Gekröse beziehungsweise meinen Unterleib für öffentliche Spekulationen freigegeben?)

Wir halten Legebatterien für eine unzumutbare Grausamkeit, nicht zuletzt, weil die Tiere darin keinerlei Abstand zueinander halten können. Und wir wissen, dass Tiere aggressiv werden, wenn man sie eng zusammensperrt.

Als Menschen treten wir einander freiwillig nahe. Es mag ja sein, dass einer, der ungeniert seine ursprünglich privaten Körperteile ins Netz stellt, dabei keine Verletzung seiner Intimsphäre empfindet. Aber was ist mit der Fluchtdistanz derer, denen er sie aufdrängt? Hat er sie gefragt, ob sie so viel Nähe wollen?

Immer wieder faszinierend: das Phänomen des Telefonierens in der Öffentlichkeit. Was treibt Leute dazu, im vollbesetzten Autobus in ihr Handy zu plärren, dass sie es letzte Nacht wild getrieben oder seit vorgestern einen merkwürdigen Ausschlag zwischen den Zehen haben? Ein mittlerweile oft erörtertes Rätsel, dessen schlüssige Erklärung nach wie vor aussteht. Noch viel merkwürdiger ist freilich, dass immer weniger Menschen es verstehen, wenn man ­Telefongespräche mit dem Hinweis, man sitze gerade im Autobus, auf später verschieben will. Was heißt das? Wieso kannst du im Autobus nicht reden?

Im Übrigen könnten Priestleys Ärger und Spellings Geständnis natürlich auch bloß PR-Geplänkel gewesen sein – die grundsätzliche Frage bleibt trotzdem aufrecht: Sind ­hämische Spekulationen angebracht, sobald jemand den öffentlichen Striptease verweigert?