<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Käfigverbot

Was wäre, wenn einer seine Frau mit Gitterstäben vor der Welt schützen wollte? (K)eine Fiktion.

Heftig diskutiert wird zurzeit der Fall des Rudolf S., der seine Frau in einem mobilen Käfig mit sich zu führen pflegt. Der Käfig besteht aus einer rollenden Plattform, deren Grundfläche rund einen Quadratmeter misst, und einem Aufbau aus engen Gitterstäben. Eine Kurbel erlaubt es Frau S., den Käfig auch selbst in Gang zu setzen, sodass sie kleinere Ausfahrten zur Not ohne ihren Mann oder ihren Sohn unternehmen kann. Meistens wird sie jedoch von einem männlichen Familienmitglied durch die Gegend gekarrt.
Rudolf S. betont, dass seine Frau ihren Käfig liebt. Er schütze sie vor schamlosen Blicken und den gierigen Zugriffen männlicher Passanten.

Außerdem sei es für sie viel bequemer, von ihm gerollt zu werden, als sich der Anstrengung des Selber-Gehens unterziehen zu müssen. Seine Frau sei ihm dankbar, weil sie es um so vieles leichter habe als all die Frauen ohne Käfig, die sie gestresst und auf ihre eigenen Beine angewiesen durch die Straßen eilen sehe.

Rudolf S. beruft sich als Begründung für seine Maßnahme auf die langjährige Tradition seiner Familie, in der Frauen immer schon eingesperrt gewesen seien. Seine Mutter und seine Großmutter hätten ihren Platz am Herd praktisch nie verlassen. Seine Frau hingegen habe immerhin die Möglichkeit, in ihrem Käfig außer Haus und unter die Leute zu kommen, wenngleich ihr das Gespräch mit Fremden – zu ihrer Sicherheit – untersagt sei.

Die Diskussion über den Fall droht mittlerweile das Land zu spalten. In Gang gesetzt wurde sie von einigen Alt-Feministinnen, die in Frau S.’ Käfighaltung eine Bedrohung ihrer kulturimperialistischen Gleichstellungsfantasien sahen. Sie erhielten Schützenhilfe von rechtsrechten Vereinigungen, die erklärten, dass der Käfig das natürliche Recht der Frau und Mutter, sich ausschließlich in Dirndl und Still-BH zu zeigen, mit Füßen trete, was im Interesse der Erhaltung nationaler Werte verhindert werden müsse.

Fortschrittliche junge Gruppierungen hingegen verlangten einen toleranten und vorurteilsfreien Umgang mit der Problematik. Rudolf S. habe ein Recht darauf, seine Familientradition zu pflegen, kein Bürger dieses Staats müsse seine Wurzeln verleugnen. Eine Sprecherin der Plattform „RFN – Radikalfeminismus neu denken“ sagte: „Frau S. kann unseretwegen sitzen, wo und worin sie will. Wir lehnen es ab, Frauen ein bestimmtes Rollenbild zu oktroyieren. Stattdessen wollen wir, dass ihnen eine Vielfalt von Lebensmodellen offeriert wird.“

Inzwischen denken einige PolitikerInnen bekanntlich sogar über ein Verbot der Käfighaltung von Frauen nach. Ein Ablenkungsmanöver, finden andere. Rudolf S. sei schließlich ein Einzelfall, es sei lächerlich und überflüssig, seinetwegen ein Gesetz zu erlassen. Man lenke damit nur von den wahren Problemen ab, die bestimmt sofort gelöst würden, wenn die Regierungsparteien sich nicht damit aufhielten, das ­Privatleben von Herrn und Frau S. zu thematisieren.

Leserbriefschreiber berichten, dass sie der Frau im Käfig noch nie begegnet seien, was beweise, wie überflüssig die Debatte darüber sei. Wahrscheinlich existiere sie in Wirklichkeit gar nicht. Andere geben zu bedenken, dass ein Verbot Frau S.’ Lage nur verschlechtern würde: Statt im Käfig über Gehsteige rollen zu können, dürfte sie dann Herd und Heim nicht mehr verlassen. Man könne Herrn S. schließlich nicht zwingen, sie rauszulassen. Erstens wäre das nicht kontrollierbar und zweitens eine unzulässige Einmischung in seine familiären Angelegenheiten, wenn nicht gar Hausfriedensbruch.

Querdenker weisen darauf hin, dass ein Käfig per definitionem nichts Böses ist. Als bezeichnend für ihn gelte ja eine gewisse Durchlässigkeit, das heißt, im Gegensatz zu anderen Behältnissen schirme er seine Insassen eben nicht hermetisch von der Umwelt ab.

In Fernsehshows treten mittlerweile Mädchen auf, die es sich vorstellen können, freiwillig in einen Käfig zu gehen, wenn ein geliebter Mann das von ihnen verlangte. „Das ist doch urromantisch“, sagte die 17-jährige Sandra-Michelle kürzlich bei Der Streit ist heiß, „dass man seine Schönheit nicht jedem zeigt, sondern nur dem einen, dem man ­gehört.“

Die Vertreter verschiedener Kirchen begrüßen diese neue Strömung unter jungen Frauen ausdrücklich in eigenen Presseaussendungen. Die Rückkehr zu kompromissloser Schamhaftigkeit sei der absolut einzige Weg, sich dem Diktat einer Mode zu entziehen, die ihrerseits würdelosen ­Exhibitionismus propagiere.

Auch prominente Leitartikler wollen das grundsätzliche Recht von Frau S., sich in einen Käfig sperren zu lassen, nicht infrage gestellt wissen. Und der heimische Handel wiederum warnt vor Konsumbarrieren. Es müsse sicher­gestellt sein, dass Frau S., ob im Käfig oder nicht, ungehindert in jedem Geschäft einkaufen könne, statt am Erwerb von Schmuck und Pelzen gehindert zu werden. Dem haben auch die politischen Befürworter des Käfigverbots inzwischen zugestimmt.

Der Käfig – nur ein Haufen Metall oder ein Symbol mit Sprengkraft? Die Frage wird uns offenbar noch eine Weile beschäftigen, nicht zuletzt, weil bis jetzt niemand Frau S. dazu interviewt hat. Herr S. sagt, sie ziehe es vor, in der Geborgenheit ihres Käfigs zu schweigen.

elfriede.hammerl@profil.at