Elfriede Hammerl: Keine Zeit für so Dinge

Elfriede Hammerl: Keine Zeit für so Dinge

Können Sie ein Gedicht auswendig? Was wir PolitikerInnen fragen sollten.

Ursula von der Leyen, deutsche Verteidigungsminis­terin, promovierte Ärztin, siebenfache Mutter, tüchtig, klug, bildschön und unfassbar schlank, ritt kürzlich bei der Eröffnung der Reit-EM in Aachen mit. Wie erwartet meis­terte sie auch diese Nummer bravourös – was immer Frau Dr. von der Leyen macht, sie macht es professionell. Das trägt ihr nicht nur Bewunderung ein. Zu perfekt. Zu perfektionistisch. Zu privilegiert, um ein Vorbild zu sein, sagen KritikerInnen.

Stimmt ja. Die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen wuchs unter Vorzugsbedingungen auf, verfügt seit je über karriereförderliche Kontakte, kennt keine Geldsorgen und kann es sich leisten, Kinder und Haushalt an erstklassige Kräfte zu delegieren. Wer kann da schon mithalten?

Trotzdem habe ich sie immer bewundert. Denn was sie aus ihren Start- und Rahmenbedingungen gemacht hat, ist respektgebietend und kann nicht allein damit erklärt werden, dass ihr alles in den Schoß gefallen sei. Niemand hat für sie Medizin studiert, niemand hat für sie ihre Kinder gekriegt, sie war eine unerschrocken fortschrittliche Frauenministerin, und auch wer ihr ideologisch nicht nahesteht, muss zugeben, dass ihre politische Performance von großer Kompetenz und unermüdlichem Einsatz zeugt. Als ihr Vater demenzkrank wurde, zog sie mit ihrer Familie zu ihm und managte seine Betreuung. Dass ihr das nur mit bezahlter Hilfe möglich war, hat sie stets zugegeben.

Und was ihr Aussehen anlangt: Ja, das ist einfach toll. So was kann frau doch anerkennen, ohne neidisch Schlankheitswahn und Diäthorror zu beschwören!

Aber nun habe ich ein Interview mit ihr gesehen (in der „ZIB 2“ am 12. August), das meine Bewunderung ein wenig relativiert. Denn Ursula von der Leyen erklärte darin, worauf sie verzichte, um ihr Hochleistungspensum zu schaffen: auf „so Dinge“ wie Freunde („Die sehe ich nie!“), Theater oder Konzerte.

Sie sagte es unbefangen. Als wäre das der selbstverständliche Preis, den man zahlen müsse, wenn man erfolgreich unterwegs sein möchte: kein Zeitverlust durch Geselligkeit, Freunde, kulturelle Veranstaltungen. Schaut so ein perfektes Leben aus? Ich würde es nicht leben wollen.

FreundInnen, Theater, Konzerte – so Dinge!

Bestimmt ist sie mit dieser Haltung nicht allein. Bestimmt würden viele wichtige Menschen – PolitkerInnen, Wirtschaftstreibende, ManagerInnen – Ähnliches von sich geben, wenn man sie nach ihren Prioritäten fragte (auch diejenigen, die nicht durch Kinder oder kranke Angehörige beansprucht werden): Theater, Konzerte, Romane, Ausstellungen? Freunde? Für solche Kinkerlitzchen ist kein Platz in meinem Leben. Und es ist zu befürchten, dass sie es selbstzufrieden sagen würden, nicht im Bewusstsein eines Mangels, den sie erleiden, nicht in der Befürchtung, dadurch an Ansehen zu verlieren, sondern, ganz im Gegenteil, stolz darauf, keine Zeit an derartige Nebensächlichkeiten zu verschwenden.

Mag sein, dass es dabei nationale Unterschiede gibt. Als der schwedische Ministerpräsident Olof Palme 1986 nach einem Kinobesuch auf offener Straße ermordet wurde, merkte ein österreichischer Regisseur mit zynischer Erbitterung an, hierzulande sei ein derartiges Attentat undenkbar, weil kein österreichischer Politiker jemals ins Kino gehe.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es schwer ist und immer schwerer wird, zunehmenden Leistungsdruck mit Freundschaftspflege und kulturellen Interessen zu vereinbaren. Aber wer sorgt denn dafür, dass der Leistungsdruck zunimmt, und an wem wäre es, die Vorgaben zu ändern, wenn nicht an den wichtigen Männern und Frauen in Politik und Wirtschaft?

Das ist ja so besorgniserregend: dass diese Personen ihre Gestaltungsmacht nicht für eine Gesellschaft einsetzen wollen, in der Kunst, Kultur und menschliche Bindungen einen höheren Stellenwert haben als Aktienkurse und Gewinnspannen.

Vielleicht sind das die Fragen, die wir PolitikerInnen – auch – stellen sollten: Wann haben Sie zuletzt einen Roman gelesen? Was haben Sie zuletzt im Theater, im Kino gesehen? Welche Musik hören Sie? Können Sie ein Gedicht auswendig? Haben Sie Freunde und Freundinnen? Auch solche, die Ihnen beruflich überhaupt nicht nützen können? Wie oft treffen Sie sie? Sind Sie erreichbar, wenn ein Freund oder eine Freundin Sie braucht, womöglich mitten in der Nacht?

Und vermutlich sollten wir sie an den Antworten auf solche Fragen auch – und nicht zuletzt – messen.

Die Geringschätzung von Freundschaften nimmt insbesondere Wunder angesichts der Bedeutung, die die Peer Group, die Clique, der Freundeskreis für Jüngere, aber auch für Ältere mittlerweile gewonnen haben. Längst ist die Geborgenheit in einer Gruppe von befreundeten Menschen mindestens so wichtig wie die Geborgenheit, die man sich in der Familie erhofft. Ablesbar ist das unter anderem am Erfolg von TV-Serien („Friends“, „Sex and the City“, „How I Met Your Mother“), in denen Freundschaft letztlich mehr zählt und mehr Halt gibt als die eine oder andere Liebesbeziehung. Deshalb sind PolitikerInnen, denke ich, schlecht beraten, wenn sie deren Verzichtbarkeit propagieren.

elfriede.hammerl@profil.at
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