<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Kinder pflegen

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Kinder pflegen

Pünktchen und Anton sind unter uns. Vor allem Anton(ia) ist immer noch da, aber keiner sieht es.

Im Kinderbuch-Klassiker „Pünktchen und Anton“ ist der brave Anton nicht nur ein pflichtbewusster Schüler, sondern versorgt auch ganz allein seine kranke Mutter und den Haushalt. Und obendrein verkauft er nachts Streichhölzer auf der Straße, um ein bisschen Geld herbeizuschaffen. Traurige Geschichte, Gott sei Dank mit Happy End. Kennen wir alle. Haben wir als Kinder gelesen und später unseren Kindern vorgelesen. Gerührt und erleichtert, weil: Fiktion. So war’s vielleicht einmal, aber hier und heute? Also nein! Ja, eh, weltweit schaut’s anders aus, das ist schlimm genug, doch bei uns – nicht denkbar!

Na ja. Denkbar anscheinend nicht, Realität hingegen schon. Vor Weihnachten ging die Meldung durch die Medien: In Österreich leben, einer Studie des Instituts für Pflegewissenschaften an der Universität Wien zufolge, rund 40.000 Kinder und Jugendliche, die regelmäßig über einen längeren Zeitraum chronisch kranke Familienmitglieder pflegen. Sie helfen beim Waschen, sie wechseln Inkontinenzeinlagen, sie wechseln Verbände, sie kochen und putzen. Sie haben keine Kindheit, und niemandem fällt es auf.

Skandalös. Wie kommt das?
Es kommt, zumindest was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, vielleicht daher, dass wir alle an unser soziales Netz glauben, was zunächst noch keine Schande ist. Wir vertrauen dem Sozialstaat. Wir gehen davon aus, dass es einen ­Apparat gibt – Behörden, Ämter, soziale Einrichtungen –, der tätig wird, sobald es notwendig ist. Wir stellen uns vor: Chronisch kranke Mutter, mit ihrem Kind allein, das ist eine Situation, die auffallen muss, zum Beispiel dem behandelnden Arzt, dem Spital, in dem die Mutter zur Therapie war, vielleicht auch in der Schule, und dann setzt sich der ­Apparat in Bewegung, ein Pflegedienst wird eingerichtet, das Kind wird betreut –
So könnte es doch sein. Aber nein, der Apparat bleibt ­offenbar untätig. Das ist der Skandal.

Oder? Vielleicht hat ja die kranke Mutter/der kranke Vater den Apparat abgewehrt? Danke, wir kommen schon allein über die Runden! Das müsste man respektieren. Darf ja schließlich niemand zwangsbeglückt werden.
Eh nicht. Nur: Warum sollte jemand, der Hilfe braucht, Hilfe ablehnen? Darum, zum Beispiel: weil Kinder und chronisch kranker Elternteil fürchten, auseinandergerissen zu werden, wenn sie zugeben, nicht zurechtzukommen, überhaupt, falls die Krankheit des Elternteils psychischer Natur ist. Könnte ja passieren, dass dann amtlicherseits beschlossen wird, die Kinder seien in einem Heim unterzubringen oder bei (ungeliebten) Verwandten. Jedenfalls ist das eine Furcht, die solche Familien ihre Notlage oft vertuschen lässt.

Oder darum: weil Hilfe Geld kostet. Gar so sozial ist unser Staat nämlich auch wieder nicht. Die Krankenversicherung ist keine Pflegeversicherung, chronisch Kranke, die Pflege brauchen, können zwar soziale Dienste in Anspruch nehmen, aber auf eigene Kosten, denn die öffentliche Hand springt erst ein, wenn alle Ersparnisse aufgebraucht sind. Ebenfalls ein Grund, sich so lange wie möglich allein durchzuwursteln, in der Hoffnung, dass den Kindern das eigene Dach überm Kopf doch noch erhalten bleibt, oder einfach aus Angst davor, sich dem amtlichen Wohlwollen finanziell völlig auszuliefern.

Vorstellbar ist aber auch, dass sich der Apparat gar nicht erst in Bewegung gesetzt hat, weil er schlicht nicht mobilisiert wurde.
Eine neue Internetplattform will Kinder und Jugendliche jetzt unter anderem darüber aufklären, wie Pflegegeld beantragt werden kann. Die Website geht auf eine private Initiative (der Johanniter-Unfall-Hilfe) zurück und will pflegenden Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn etwas von ihrer schweren Verantwortung abnehmen, heißt es. Auf der Website fänden sich altersgerecht aufbe­reitete Informationen über Krankheiten und ein Forum, auf dem sie sich mit Jugendlichen in ähnlichen Situationen austauschen könnten. Videos zeigen, wie Waschen, Pulsmessen oder das Wechseln der Bettunterlage gehen, es gibt Erste-Hilfe-Infos und die Adressen von Pflegenotstellen und Anlaufstellen.
Ist sicher gut gemeint. Und bestimmt besser als nichts. Aber, jetzt ehrlich, geht’s noch? Leben wir wirklich in einer Gesellschaft, in der sich Zehnjährige per Video informieren müssen, wie sie ihren Eltern die Windeln wechseln und wo sie Pflegegeld beantragen können? Sollten sie nicht spielen dürfen, statt sich mit anderen Zehn-, Zwölf- oder Vierzehnjährigen darüber auszutauschen, wie man chronisch Kranken den Rücken wäscht? Und seit wann sind Minderjährige für ihre Eltern verantwortlich?
Kinder und Jugendliche, die mit chronisch kranken Eltern geschlagen sind, sollten, verdammt noch einmal, darauf vertrauen können, dass sie und ihre Eltern aufgefangen werden vom sozialen Netz, sie sollten keine Angst haben müssen vor Maßnahmen, die ihren Bedürfnissen zuwiderlaufen, sie sollten getröstet und gehätschelt werden und Kinder sein dürfen. Geht nicht? Warum nicht?

15. Jänner 2013: Uraufführung von Elfriede Hammerls Komödie „Sprechstunde“ in der Freien Bühne Wieden, Wien. Weitere Vorstellungen bis 2.2.2013. Karten: www.freiebuehnewieden.at

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com