Elfriede Hammerl: Kirchenmaus

Elfriede Hammerl: Kirchenmaus

Mimi knausert. Oder: Geselligkeit muss man sich leisten können.

Weihnachten ist vorüber und hat im Vorbeigehen Mimis Haushaltskasse geplündert. Mehr oder weniger. Also eigentlich eher mehr. Mimis Haushaltskasse war nämlich nicht gut gefüllt, was Mimi nicht gerne zugibt. Aber selbst wenn – was bringt’s?

An und für sich haben wir ja die weihnachtliche Schenkerei schon vor Jahren abgeschafft. Doch manche von uns halten sich nicht dran. Nur eine Kleinigkeit, sagen sie, ich hab ein kleines Packerl für dich. Du musst mir ja nix schenken, wenn du nicht willst. Wer das jemals geglaubt hat und dann mit leeren Händen dastand, vergisst ihre enttäuschten Gesichter nicht. Diskret enttäuscht, zugegeben, aber doch merkbar gezeichnet von der emotionalen Zurückweisung, die aus den leeren Händen spricht. Sie wollten ja keinen materiellen Zugewinn. Es ging ihnen nur um die Geste.

Also wappnete sich Mimi gegen erwartbare Gesten mit vorbereiteten Gegengesten, und das hieß, Geld auszugeben. Selbst selbst Gebackenes oder Gebasteltes ist ja nicht kostenlos, abgesehen davon, dass Mimis Talente nicht auf dem Handarbeitssektor liegen.

Und dann waren da natürlich die Kinder. Nicht nur die eigenen, sondern auch die in der Verwandtschaft und im Freundeskreis, alle an weihnachtliche Finanzspritzen gewöhnt. Letzten Endes steigt Mimi gewissermaßen pari aus, weil ihre Kinder von den anderen in etwa das bekommen, was sie für deren Nachwuchs ausgibt, aber davon wird ihre Haushaltskassa nicht wieder voll.

Mimi hat einmal ganz gut verdient, als Ich-AG in der Kreativszene, aber diese goldenen Zeiten sind schon lange vorbei. Seit Jahren stagnieren die Honorare, Mimi arbeitet immer mehr für immer weniger Geld, wenn man die Kaufkraft der gleich gebliebenen Honorare berechnet. Und dabei muss sie froh sein, solange sie noch Aufträge kriegt.

Ja, sie kommt über die Runden, bis jetzt jedenfalls, aber im Gegensatz zu früher sind leichtsinnige Ausgaben nicht mehr drin. Mimi knausert, heißt es mittlerweile bei uns im Freundeskreis, wir sagen das mit gutmütigem Spott. Wir verstehen ja, dass eine sparen muss. Aber zwischen Sparsamkeit und Geiz sollte doch eine gewisse Spannbreite liegen. Wir hoffen, dass Mimi das weiß, denn kleinliche Menschen sind uns ein Gräuel.

Mimi, rufen wir gut gelaunt, du bist doch nicht Einzige, die kein Geld hat, aber lieber in Saus und Braus untergehen als in Sack und Asche!

Natürlich ist niemand von uns wirklich vom Untergang bedroht, und wenn wir sagen, dass wir kein Geld haben, meinen wir nicht gar kein Geld, sondern nicht so viel Geld, wie wir gerne hätten.


Die Teilnahme am Social Life ist halt nicht umsonst. Wer sie sich nicht leisten kann, nimmt früher oder später nicht mehr teil.

Mimi sagt nichts, auch nicht, als es ans Zahlen der Restaurantrechnung geht und wir beschließen, dass wir sie einfach durch sieben teilen. Das letzte Mal bestand sie auf getrennten Rechnungen, das war ein Auseinanderklauben und Herumaddieren, dass wir uns geniert haben. Das tun wir uns – und vor allem der Kellnerin – nicht mehr an, haben wir gesagt. Denk an die arme Kellnerin, du bist doch sonst immer so sozial. (Soll Mimi halt auch das Filet vom Almochsen und zwei Gläser Brunello nehmen, wenn es sie stört, dass sie so wenig konsumiert hat und trotzdem mitzahlen muss beim Wein und bei den Hauptspeisen.)

Mimi weiß, dass wir es nicht böse meinen. Wir verstehen nur nicht, dass es einen Unterschied macht, ob wir sagen, dass wir kein Geld haben, oder ob sie es sagt. Die Einzige, die das verstünde, wäre Anna, aber die ist irgendwie von der Bildfläche verschwunden, seit sie arbeitslos ist. Sie ist komisch geworden, heißt es. Ungesellig. Robert findet, sie hatte immer schon leicht autistische Züge.

Mimi überlegt inzwischen, wie sie aus der Sache mit Roberts Geburtstag herauskommt. Ein runder ist es, Roberts Frau will ein Fest veranstalten und hat vorgeschlagen, dass die engeren Freunde für ein würdiges Geschenk zusammenlegen. Wenn sie pro Kopf einen Hunderter oder gar zwei springen lassen, dann ginge sich eine ganz ordentliche Golfausrüstung aus. Robert will nämlich endlich mit dem Golfen anfangen. Mimi, die gehofft hatte, mit der Anschaffung eines guten Buches davonzukommen, hörte es mit Entsetzen.

Nicht genug damit, ist sie auch noch zu einer Hochzeit eingeladen. Kaum hatte sie erfahren, wo die Hochzeitsliste aufliegt, stellte sie fest, dass die halbwegs preiswerten Geschenke nicht mehr zur Disposition standen. Das Billigste, wofür sie sich noch entscheiden konnte, waren sechs Platzteller à 130 Euro.

Die Teilnahme am Social Life ist halt nicht umsonst. Wer sie sich nicht leisten kann, nimmt früher oder später nicht mehr teil. Mimi kennt diese Binsenweisheiten. Sie betreffen nicht nur die ganz Armen, sondern auch solche wie sie. Ärmer Gewordene, die nicht mehr Schritt halten können mit ihrem bisherigen Umfeld. Was tun? Das Umfeld wechseln? Aber wer wechselt denn seine Sozialkontakte wie einen Satz Autoreifen?

Ich möchte nicht ungerecht sein, sagt inzwischen Roberts Frau zu uns, aber dafür, dass Mimi nicht einmal einen Hunderter für Roberts Geburtstagsgeschenk übrig hat, ist sie erstaunlich schick angezogen, oder?

Noch eine Binsenweisheit: Kirchenmäuse haben gefälligst wie solche auszusehen.

elfriede.hammerl@profil.at
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