Elfriede Hammerl: Jetzt solidarisiert euch doch

Elfriede Hammerl: Jetzt solidarisiert euch doch

Warum Toleranzappelle oft so arrogant rüberkommen.

Die erste Aufregung hat sich gelegt. Können wir jetzt in Ruhe noch einmal darüber reden? (Haben wir denn keine andere Sorgen? Doch, haben wir. Andere und diese.)

Also: Nehmen wir an, eine Gruppe von Frauen geht nur mit Kleidern aus dem Haus, die in auffälliger Aufschrift verkünden: Ich bin eine Frau. Ich weiß, wo mein Platz ist.

Muss ich diesen Slogan gutheißen? Nein.

Darf ich mich darüber ärgern? Ja.

Darf ich diesem Ärger Ausdruck verleihen, indem ich solche Frauen anstänkere? Nein.

Muss ich solche Frauen verteidigen, wenn sie von anderen angestänkert werden? Ja. Weil sie das Recht haben, ihre Meinung zu äußern.

Muss ich mich mit ihnen solidarisieren, indem ich die gleiche Kleidung trage wie sie? Nein. Denn ich muss ihre Meinung nicht übernehmen und mich nicht dazu bekennen.

Muss ich dafür sein, dass Lehrerinnen oder Richterinnen ihrem Beruf in diesem Kleidungsstück nachgehen? Nein. Ich möchte nicht von einer Richterin beurteilt werden, die mir signalisiert, dass sie es – entgegen unserem Gleichstellungsgrundsatz – gutheißt, wenn Frauen nicht dieselben Plätze offenstehen wie Männern. Und ich möchte nicht, dass Lehrerinnen unseren Schulkindern diese Botschaft auf den Weg mitgeben.


Die gesellschaftspolitischen Konsequenzen einer religiösen Überzeugung zurückzuweisen, ist nichts Pathologisches.

Ist es eine Phobie, also eine krankhafte Furcht vor einer anderen Religion, die mich ein solches Kleidungsstück, falls es aus religiöser Überzeugung getragen wird, ablehnen lässt? Nein. Die gesellschaftspolitischen Konsequenzen einer religiösen Überzeugung zurückzuweisen, ist nichts Pathologisches.

Ist es zulässig, den muslimischen Hijab oder andere Formen der Frauenverschleierung mit einem Kleidungsstück zu vergleichen, das verkündet, seine Trägerin wisse, wo ihr Platz in der Gesellschaft sei? Ja. Denn genau das tut die Verschleierung: Sie weist Frauen eine spezielle Rolle zu. Das Kopftuch ist ein gesellschaftspolitisches Statement. Und solange Frauen in anderen Teilen der Welt brutal misshandelt werden, wenn sie sich nicht verschleiern – also nicht hinnehmen wollen, dass sie der jeweiligen Gesellschaftsordnung zufolge Einschränkungen unterliegen, weil sie Frauen sind –, so lange ist der Schleier nicht bloß ein harmloses Stück Stoff.

Die marokkanisch-französische Autorin und Journalistin Zineb El Rhazoui, Kolumnistin bei Charlie Hebdo, bringt es auf diesen Punkt: „Ich betrachte den Hijab ab dem Tag als normales Kleidungsstück, ab dem keine Frau auf der Welt mehr eingesperrt wird, weil sie ihn nicht trägt.“

Die Frauen hierzulande tragen, heißt es, den Schleier mehrheitlich aus freien Stücken. Das sei ihnen unbenommen. Dass wir es alle ganz toll finden sollen, wäre zu viel verlangt.


Diejenigen, die am lautesten gegen die Verschleierung protestieren, haben mit Frauenrechten weniger am Hut als ein gestandener saudischer Scheich.

Und jetzt sind wir beim noch größeren Problem. Diejenigen, die am lautesten gegen die Verschleierung protestieren, haben mit Frauenrechten weniger am Hut als ein gestandener saudischer Scheich. Sie stänkern und pöbeln einerseits gegen Gleichstellungsbestrebungen, die sie Genderwahnsinn nennen, und andererseits gegen Migrantinnen, an denen sie nicht deren eventuelle frauenpolitische Positionierung stört, sondern nur, dass sie Migrantinnen sind. Sie schieben die Frauenrechte vor, um ihre Fremdenfeindlichkeit auszuleben. Das ist schändlich, und gegen diesen Missbrauch müssen wir uns solidarisieren, aber nicht, indem wir unsererseits Frauenrechte relativieren.

Befremdliche Gebräuche zu tolerieren, fällt umso leichter, je weniger man persönlich von ihnen betroffen ist. Ein Mann sieht verschleierte Frauen aus der Warte dessen, dem nie zugemutet würde, sich auf gleiche Weise zu verhüllen. Frauen wissen, dass sie in der Gefahrenzone sind.

Der Sicherheitsabstand, der die Privilegierten von den Befürchtungen der zumindest potenziell Betroffenen trennt, erzürnt die Betroffenen. Das wird von den Nichtbetroffenen oft nicht verstanden – nicht nur dann, wenn es um die Kopftuchfrage geht.

In einem Kommentar*, der dazu aufforderte, Kopftücher und sichtbare Moscheen als notwendige Repräsentation kultureller Vielfalt zu begreifen, war kürzlich zu lesen: Der Bau einer modernen Moschee habe einem öden Arbeiterviertel in Bad Vöslau architektonisch gutgetan.

Geht so Integration? Wir lagern die betenden MuslimInnen in Arbeiterviertel aus, die – wie für Arbeiterviertel üblich – öd sind, weswegen ihre BewohnerInnen froh sein können, wenn man sie mit einer Moschee architektonisch belebt? Mit einer solchen Haltung macht sich die urbane Schickeria in den Arbeitervierteln keine FreundInnen. Fatalerweise begreift sie die, sagen wir mal: gutwillige Naivität, mit der sie das Dulden veränderter Lebensräume an andere Bevölkerungsgruppen delegiert, nicht als Arroganz. Die Adressaten ihrer Toleranzappelle hingegen schon, für sie sind die Nichtbetroffenen schlicht unglaubwürdig.

Ja, solidarisieren wir uns. Zum Beispiel mit denen, die nicht in öden Vierteln wohnen möchten, auch dann nicht, wenn ihnen Kirchenbauten hineingestellt werden, und mit Frauen, die Unterstützung brauchen, weil sie sich weigern, sich zu verschleiern.

*Barbara Coudenhove-Kalergi: „Was auch gesagt werden muss“,
Der Standard, 4.5.2017