Elfriede Hammerl: La Mémé

Elfriede Hammerl: La Mémé

Wer hat erwartet, dass die andere Großmutter die Rolle der Glamourösen an sich raffen würde?

Noch eine Geschichte aus dem Ahnfrauen-Kosmos. Also, Grit hat nämlich ein Problem. Das Problem heißt Sylvie und ist die andere Großmutter.

Grit hat sich ja immer vorgestellt, dass sie eine stylishe Großmutter abgibt, wenn es denn einmal so weit ist. Nicht dass sie ständig davon geträumt hat, bald Oma zu werden. Im Gegenteil, sie hat Katharina immer geraten, sich Zeit zu lassen mit der Mutterschaft. Erst, wenn es wirklich passt, hat sie oft zu ihr gesagt. Katharina hat sich Zeit gelassen, aber vor fünf Jahren hat es gepasst, und nun ist Grit Oma von zwei süßen Mädchen. Wobei Grit ehrlich gesagt nie damit spekuliert hat, Oma genannt zu werden, spontan hätte sie eher für eine weniger abgedroschene, weniger mit unattraktiven Klischeevorstellungen behaftete Anrede plädiert. Nonna hätte sie ganz schick gefunden. Oder auch das altmodische, aber elegante Großmama. Oder, originelle Variante, das türkische Anneanne, das klingt hübsch und hätte gezeigt, dass man aufgeschlossen und gebildet ist, weswegen man weiß, dass im Türkischen zwischen der Mutter der Mutter, Anneanne, und der Mutter des Vaters, Babaanne, unterschieden wird. Aber die Kinder fragten erst gar nicht lang, wie Grit genannt werden wollte. Ehe sie sich’s versah, war sie die Oma und basta.

Maman und Mémé

Die andere Großmutter hingegen: la Mémé. Weil sie Französin ist. Grit warnte, dass es für die Kinder schwer sein würde, zwischen Mémé und Mami zu unterscheiden, aber Katharina sagte, wenn französische Kinder es schafften, Maman und Mémé auseinanderzuhalten, dann würden ihre so was auch zusammenbringen.

In einem letzten Versuch, sich aufzubäumen, schlug Grit vor, die Enkelkinder sollten sie doch Granny nennen, als Tribut an eine Welt, in der das Englische längst zur Lingua franca geworden ist, aber Katharina sagte nur: Geh, Mama, das ist doch affig.
Nicht affig hingegen ist es, dass Sylvie den Kindern beibrachte, ihren Mann Bon-Papa zu rufen, obwohl Herbert nicht Franzose, sondern eingeborener Österreicher ist.

Zuständig für Spaß, Spiel und Bildung

Die Anrede stellt freilich nur eines von mehreren Ärgernissen dar. Das Grundärgernis liegt darin, dass Sylvie eine Rolle an sich gerafft hat, die Grit eigentlich sich selbst zugedacht hatte. Grit wollte die flotte, fesche, unternehmungslustige Großmutter sein, zuständig für Spaß, Spiel und Bildung. Sie sah sich als diejenige, die mit den Kindern ins Museum gehen würde, zum Puppenspiel und in Kinderkonzerte. Ihre Geschenke würden die pädagogisch durchdachten und geschmackvollen sein. Wenn sie kam, würden die Enkelkinder ihr jauchzend an den Hals springen, weil sie die besondere, die nicht alltägliche Nonna oder Großmama oder Granny sein würde.

Die andere Großmutter war in Grits Vorstellung die Großmutter fürs Grobe gewesen. Eine herzensgute, aber eher schlichte Frau, ein Hausmütterchen, kuchenbackend, hinter den Enkelkindern herräumend. Diejenige, der man die Schmutzwäsche bringen konnte und die sich freute, wenn Grit sie mit den gemeinsamen Enkeln mitnahm ins Kunsthistorische, wo sie ihnen die Feinheiten der Barockmalerei erklären würde.

Die Vorstellung war insofern nicht ganz aus der Luft gegriffen, als Katharinas erster Freund eine Mutter gehabt hatte, die dieser Beschreibung ziemlich nahekam, wenn man davon absah, dass sie nichts über Barockmalerei erfahren, sondern Grit ihrerseits über die Zubereitung von Blunzenstrudel belehren wollte.

Sorglosigkeit und Müßiggang

Grit fand die gute Frau damals ziemlich nervig und fragte sich bei gemeinsamen Abendessen mit Katharinas Quasi-Schwiegerfamilie verzweifelt, ob sie die nächsten Jahrzehnte hindurch regelmäßig Gesprächen über Krampfadern und Volksmusiksendungen ausgeliefert sein würde.

Jetzt ist alles ganz anders. La Mémé wirbelt zur Tür herein, auf ziemlich highen Heels (die sich Grit seit ihrem Knöchelbruch nicht mehr zu tragen traut), in einem nerz(!)-gefütterten Trench, sie duftet nach Sorglosigkeit und Müßiggang, ihre Augen sind perfekt geschminkt, sie zwitschert den Kindern etwas auf Französisch entgegen, und ihr zwitschernder Mund ist leuchtend rot. Grit fühlt sich, als trüge sie Stützstrümpfe und eine gusseiserne Dauerwelle auf dem Kopf. Dass la Mémé mit den Kindern französisch spricht, ist ausgemacht, es wäre dumm, die Kinder nicht bilingual zu erziehen, wenn man eine native Französin in der Familie hat. Grit versteht wenig von la Mémés Gezwitscher, sie ist, wie gesagt, mehr der anglophile Typ.

Jauchzend an den Hals

La Mémé ist päckchenbeladen, schon wieder bringt sie den Kindern teures Spielzeug mit, und man kann nicht einmal behaupten, dass es pädagogisch wertloser Ramsch sei, denn la Mémé kauft mit Bedacht und Kompetenz. Die Kinder springen ihr jauchzend an den Hals, als käme eine Märchenfee zur Tür herein.

Grit geht ins Bad, um ihr grämliches Gesicht vor den anderen zu verbergen. Im Wäschekorb türmen sich dreckige Klamotten. Grit überlegt, ob von ihr erwartet wird, dass sie sie mitnimmt und sauber sowie gebügelt wiederbringt. Wär doch möglich. Immerhin ist das die Rolle, die noch zu vergeben ist.

elfriede.hammerl@profil.at
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