Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Meinung
06/25/2022

Elfriede Hammerl: Leistbares Essen

Miete, Energie, Nahrung. Woran Arme sparen können. Und was das bedeutet.

von Elfriede Hammerl

Arme Leute geben mehr Geld fürs Essen aus als die Wohlhabenden. An die 20 Prozent der Haushaltsausgaben gehen bei den Ärmsten nur für Lebensmittel drauf.* Wohlhabende hören das und staunen. Dabei haben sie das Bild phäakischer Fettsäcke vor Augen, denen das Völlern wichtiger ist als alles andere, oder wahlweise das Bild fetter Dummköpfe, die teures Junk Food in sich hineinstopfen, statt sich in der Mittagspause gesunde kleine vegetarische Biogerichte zu bereiten. Jedenfalls: wenig Verständnis. Die eigene Situation bestimmt das Bewusstsein, und die eigene Situation schaut so aus, dass man, wollte man 20 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, 1200 Euro monatlich im Supermarkt oder beim Biobauern lassen müsste. Das ist nicht gänzlich unvorstellbar, und vielleicht tut man es ja auch, aber dann kann man es sich eben leisten, wohingegen sich diejenigen, die es sich nicht leisten können, gefälligst einschränken sollen, Herrgott.

Ach so, Prozentrechnung. Für die Ärmsten sind 20 Prozent gar nicht 1200 Euro, sondern 180. Hm. Was kriegt man darum? Sicher nicht Champagner und Kaviar, sondern, wenn alles gut geht, ausreichend Brot, Milch, Nudeln, Paradeiser und vielleicht eine Tafel Schokolade.

Wir können also davon ausgehen, dass Arme nicht prassen, wenn sie einen verhältnismäßig großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Und dass es verdammt eng für sie werden wird, wenn die Lebensmittel im Preis steigen, während ihr Haushaltsbudget gleich bleibt.

Würden die Reichen Spaghetti bunkern, wenn die Mehrwertsteuer darauf wegfiele?

Deshalb gab es den Vorschlag, die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel vorübergehend auszusetzen. Er wurde jedoch abgeschmettert als Gießkanne, die auch den Reichen Vorteile verschaffen würde. Sie könnten, wenn alles billiger würde, noch mehr konsumieren als eh schon bisher, und das wäre ungerecht. Stimmt, so wäre es, wenn alles billiger würde. Es war aber nicht angedacht, Champagner und Filets vom Kobe-Rind preiswerter zu machen, sondern eben Grundnahrungsmittel. Würden die Reichen Spaghetti bunkern, wenn die Mehrwertsteuer darauf wegfiele? Ist nicht auszuschließen, die Gier is bekanntlich a Hund. Man könnte ihr aber sicher einen Riegel vorschieben, zum Beispiel durch begrenzte Abgabemengen pro Einkauf. Wichtig wäre jedenfalls, dass die Spaghetti auch für jene erschwinglicher würden, die, wenn sich die Verhältnisse weiter so entwickeln wie befürchtet, im kommenden Winter entweder in eiskalten Wohnungen Nudeln essen können oder in halbwegs warmen Wohnungen hungern müssen.

Und apropos Heizen: Auch da gibt es einen interessanten Deckelungsvorschlag. Barbara Blaha, die Chefin des Thinktanks Momentum, hat ihn erst kürzlich in der TV-Sendung „Im Zentrum“ erklärt: Man deckelt – ebenfalls vorübergehend – die Energiepreise für einen Energiekonsum, dessen Ausmaß dem Grundbedarf eines Durchschnittshaushalts entspricht. Erst das, was darüber hinaus verbraucht wird, muss dann zum Marktpreis bezahlt werden.

Zusammen hätte das den Effekt, dass sich die Armen im Winter nicht zwischen Frieren und Hungern entscheiden müssten. Klingt doch einleuchtend, oder? Und nicht weniger gerecht, als allen Staatsbürger:innen unterschiedslos 500 Euro zu schenken, auch solchen, die sich damit nichts Lebensnotwendiges kaufen werden, sondern die eine oder andere kleine Überflüssigkeit. Diese Gießkanne ging bekanntlich durch.

Ja, aber die Unternehmen werden die Preissenkungen nicht an die Kundinnen und Kunden weitergeben! Heißt es.

Jetzt ehrlich? Derart hilflos sind wir dem eigennützigen Gewinnstreben der Supermarkt- und Energiekonzerne ausgeliefert? Sie bekommen was überreicht, mit der Auflage, es weiterzugeben, nähen es sich aber ein, und wir können nur zuschauen? Schwer zu glauben. Der deutsche Wirtschaftsminister glaubt es jedenfalls nicht und will die Stromlieferanten zwingen, Preisreduktionen an die Kundschaft weiterzugeben.

Zurück zum Nahrungsmittelbedarf. Vielleicht kann man sich das in Kreisen nicht vorstellen, in denen das Budget Zweithäuser, Sechszylinderlimousinen und Prada-Taschen hergibt, aber der Pöbel, wie man unter Betuchten zu den Nichtbetuchten so sagt, verbrät sein gesamtes Einkommen tatsächlich Monat um Monat für drei Posten: Ernährung, Energie, Miete. Weil an der Miete nicht gespart werden kann und an der Energie mehr schlecht als recht (niemand will riskieren, dass ihm der Strom abgedreht wird), spart er in der Regel halt beim Essen, der sogenannte Pöbel. Das ist umso schlimmer, wenn die Sparmaßnahmen auch Kinder treffen, die doch eigentlich unter Welpenschutz stehen sollten, statt für die wirtschaftliche Lage ihrer Eltern zu büßen.

Haut aber nicht so hin mit dem Welpenschutz. Deutschland hat gerade eine Kindergrundsicherung eingeführt, in Österreich gibt es einstweilen nur erste Modellvorschläge dazu. Der Familienbonus kommt vor allem den Wohlhabenden zugute, 150.000 Kinder haben nichts davon. Und 36 Prozent der Kinder von Alleinerzieherinnen kriegen weder Unterhaltszahlungen noch Ersatzleistungen dafür.** Änderungsvorschläge liegen auf dem Tisch: den Familienbonus negativsteuerfähig machen und eine Unterhaltssicherung mit garantiertem Mindestunterhalt einführen. Sollte machbar sein.

* Quelle: Konsumerhebung der Statistik Austria

** Quelle: Armutskonferenz