Elfriede Hammerl: Menschenlästerung

Elfriede Hammerl: Menschenlästerung

Wir müssen zu unserem Glauben stehen dürfen. Und – wichtig – zu unserem Unglauben.

Wir sind alle Charlie, und das ist gut so, aber ist Charlie religiös? Die Frage stellt sich. Denn seltsamerweise hat die allgemeine Empörung über ein Verbrechen aus gesinnungsterroristischem Unverständnis für säkulares Denken zeitweilig, bei uns jedenfalls, so was wie eine fromme Schlagseite bekommen. Die Großkundgebung auf dem Wiener Ballhausplatz war eine Veranstaltung der Bundesregierung und der Vertreter aller Glaubensgemeinschaften. Die Ringparabel wurde zitiert, gegenseitige Akzeptanz und ­Toleranz propagiert, ein friedliches Nebeneinander der Religionen beschworen. In Reden und in der Berichterstattung darüber wurde die Gleichwertigkeit religiöser Bekenntnisse betont. Freie Meinungsäußerung heiße, hätte man daraus schließen können, sich frei zu jeder Konfession bekennen zu dürfen. Da wird der oder dem Konfessionslosen aber ein klein wenig bang ums Herz. Denn wie wichtig das Recht auf freie Religionswahl und -ausübung auch ist, es sollte ein säkularer (wenn nicht laizistischer) Staat sein, zu dem wir uns vor allem bekennen, ein Staat, der seine religiösen BürgerInnen schützt, aber auch diejenigen, die mit Religionsgemeinschaften nichts am Hut haben.

Der Schulterschluss der Zivilgesellschaft gegen Terror und Fanatismus war großartig und tröstlich. Und doch müssen wir, denke ich, darauf achten, dass freie Meinungsäußerung auch die Freiheit einschließt, keiner Kirche angehören zu wollen und zu seinem Unglauben zu stehen.

Letzteres ist in Österreich eher unüblich. Man macht zwar, was man will, und lebt, wie es einem passt, stellt aber die Glaubensgrundsätze der christlichen Kirchen nicht explizit in Frage und respektiert ihre Macht- und Einflusssphären, vor allem außerhalb der größeren Städte. Kinder werden getauft und gefirmt, damit sie keine Außenseiter sind, Verstorbene kriegen ein christliches Begräbnis, und Kirchenaustritte sind sehr oft dem Ärger über die Kirchensteuer geschuldet, nicht aber Folge inhaltlicher Auseinandersetzungen. Man ist halt dabei. Man macht nach außen hin mit. Man feilscht um die Höhe des Kirchenbeitrags, findet jedoch Reformanliegen unnötig. Weil Glaubensinhalte eher wurscht sind, und weil es nicht darum geht, wer sie wie und wo vertreten darf, sondern um den Aufenthalt in einem Glaubensgebäude, das einen abschirmt gegen den Wind, der den Ungeschützten um die Nase weht. Das Glaubensgebäude, in dem sich die meisten hierzulande gemütlich eingerichtet haben, hat einen katholischen Anstrich.

Das gemütliche Arrangement geht allen gegen den Strich, denen missfällt, dass die katholische Kirche nach wie vor eine bestimmende politische Kraft im Lande ist. Es verärgert aber auch engagierte Kirchenleute, weil sie MitstreiterInnen wollen und nicht bequeme Vereinsmitglieder, die im Klub bleiben, solange er bestimmte Benefits anbietet. Und selbst Kirchenobere sehen die Masse der Taufscheinkatholiken kritisch. Seit Jahren sagen sie, am Glaubens­eifer der MuslimInnen sollten sich die eigenen Schäfchen ruhig ein Beispiel nehmen, und die wahre Trennlinie verlaufe nicht zwischen ihnen und den Andersgläubigen, sondern zwischen ihnen und den Gleichgültigen.
Und nun, plötzlich, mitten in Europa, diese massive Konfrontation mit einem tödlichen, verheerenden Fanatismus, der sich auf einen blutrünstigen Gott beruft, wie ihn keine verantwortungsvolle Glaubensgemeinschaft mehr im Programm haben will. Was wird diese Bedrohung bewirken? Mehr Verbundenheit mit den Kirchen? Gesteigertes Misstrauen gegen alle, die sich zu keiner Glaubensgemeinschaft bekennen und deswegen als gefährliche Provokateure der Fanatischen gesehen werden? Oder ein Aufbegehren der Säkularen, die mehr denn je darauf bestehen, dass Religion als bloße Privatsache zu werten sei?

Noch immer haben die meisten europäischen Staaten Begriffe wie Gotteslästerung, Blasphemie oder Herabwürdigung religiöser Lehren im Strafgesetzbuch. Noch 2005 wurde Gerhard Haderer in Griechenland wegen seines Buchs „Das Leben des Jesus“ – in dem Jesus kifft – zu sieben Monaten Haft verurteilt (und später freigesprochen).

In Paris hat der Anwalt von „Charlie Hebdo“ inzwischen ein Recht auf Blasphemie propagiert. Das wäre hierzulande undenkbar und wird alle erschrecken, die verinnerlicht haben, dass man Religionen Respekt schulde. Aber ist es so? Oder gebührt Respekt zwar den Menschen, nicht jedoch ihren Gottesvorstellungen? Was ist schlimmer: Gotteslästerung oder Menschenlästerung? Ich erinnere mich beispielsweise mit Unbehagen an ein Cover der deutschen Satirezeitschrift „Titanic“ 2012, das den damaligen Papst als inkontinenten alten Mann mit beschmutzter Soutane darstellte. Das war mehr pubertäre Verunglimpfung als erhellende Satire, vor allem aber warf es die Frage auf, wie viel persönliche Schmähung Menschen hinnehmen sollen, falls sie Personen des öffentlichen Lebens sind. Darüber könnten wir diskutieren, statt über den Schutz Gottes und seiner Propheten. Und was das Vermeiden von Provokationen betrifft: Gerne, vorausgesetzt, wir lassen uns nicht von Fanatikern diktieren, was Provokation ist.

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