Elfriede Hammerl: Müttergeld

Elfriede Hammerl: Müttergeld

Warum müssen Debatten über Frauenpolitik immer bei der Steinzeit ansetzen?

Und immer, immer wieder der alte Unsinn: Frauen sollen wählen dürfen, ob sie zu Hause bleiben wollen. Dürfen sie doch eh. Darf jeder Mensch. Niemand muss sich für Erwerbsarbeit entscheiden. Aber wer regelmäßig was zu fressen will (sorry, eleganter geht es nicht), tut es in der Regel. Schon tausendmal gesagt. Schon hundertmal geschrieben. Offenbar vergeblich. Denn unausrottbar hält sich das Gerücht: Frauen sind eine Spezies, die auch ohne Geld über die Runden kommt. Soll heißen: ohne eigenes. Frauen sind Blumen, es wird sich schon ein Gärtner finden, der sie gießt.

Nein, nein, ganz so ist es eh nicht. Regelmäßig taucht dazu auch die Idee eines Müttergehalts auf. Zuletzt wieder ins Spiel gebracht bei der ORF-TV-Sendung „Im Zentrum“ am 17. Februar von der jungen FPÖ-Politikerin Marlene Svazek. Wenn Mütter, so Frau Svazek, die ersten drei Lebensjahre eines Kindes hindurch 900 Euro bekämen, dann könnten sie beruhigt daheim bleiben, sofern sie das wünschen.

900 Euro. Tolle Aussicht?

Also: 900 Euro drei Jahre lang schützen nicht vor Armut im Alter. Sie schützen auch nicht vor Armut während des Bezugs, denn sie sind ein Einkommen am Existenzminimum. Sie sind, könnte man sagen, sogar eine Einübung ins anhaltende Armsein, weil die Mutter, die drei oder sechs Jahre zu Hause war, nur noch schwer den Anschluss ans Berufsleben findet.


Es bedeutet: Wenn sich eine Mutter entscheidet, berufstätig zu sein, hat sie alles zu akzeptieren, was der Job von ihr verlangt.

900 Euro sind allerdings ein feines Taschengeld, wenn die Mutter einen gut verdienenden Mann hat, der für Wohnungsmieten von 700 Euro aufwärts – so viel muss man im Städtischen bald einmal hinlegen – spielend aufkommt.

Ein Müttergehalt würde daher in der Realität mehrheitlich von gut versorgten Gattinnen in Anspruch genommen werden.

Vor allem aber – und das ist beinahe die größte Gefahr – stellt es die Arbeitswelt frei von jeglicher Verpflichtung, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Es bedeutet: Wenn sich eine Mutter entscheidet, berufstätig zu sein, hat sie alles zu akzeptieren, was der Job von ihr verlangt: 12-Stunden-Tage, 60-Stunden-Wochen, Erreichbarkeit rund um die Uhr, einen gnadenlosen Wettbewerb in Selbstausbeutung. Sie kann ja daheim bleiben, wenn ihr das nicht passt. Eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie würde schwerer denn je.


Diese Woche ist Weltfrauentag. In den Medien wird wieder das übliche Getue losbrechen.

Diese Woche ist Weltfrauentag. In den Medien wird wieder das übliche Getue losbrechen. Statistiken werden gezückt werden, Errungenschaften aufgezählt, Defizite nicht verschwiegen. Junge und alte Feministinnen werden zum Interview gebeten werden – lieber junge als alte, obwohl auch die ergrauten Emanzen-Haudegen rund um diesen festlichen Tag eine Chance kriegen – und am allerliebsten junge Frauen, die Feminismus für ziemlich eklig, zumindest aber für überholt halten.

Insofern war die „Im Zentrum“-Diskussion zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ ein typischer Vorgeschmack, denn dominiert wurde sie von zwei Frauen, die sich darin gefielen, jeglichen gesellschaftlichen Konsens in Sachen Gleichstellung infrage zu stellen: Marlene Svazek und Birgit Kelle, eine deutsche Journalistin, die durch ein Buch mit dem Titel „GenderGaga“ aufgefallen ist. Es grause ihr, so Frau Kelle, bei der Vorstellung, dass Männer gezwungen würden, Reproduktionsarbeit (also Hausarbeit und Kinderbetreuung) zu leisten, denn das greife unzulässig in die Autonomie der Familie ein.

Nun darf sich natürlich jede Person aussuchen, wovor ihr graust, und möglicherweise fällt es für Frau Kelle wie ehedem unter die Autonomie der Familie, wenn Ehemänner ihren Frauen eine gsunde Watschen herunterhauen (schon gar, falls die was von geteilter Hausarbeit faseln), aber ist es wirklich notwendig, derlei Standpunkte 2019 öffentlich(-rechtlich) zu diskutieren?
Der gesetzliche Zwang, den Frau Kelle beklagt, bedeutet im Übrigen nicht, dass liebende Frauen bei Strafandrohung gehindert werden, ihren Männern die Patschen hinterherzutragen, sondern stellt lediglich klar, dass weder Männer noch Frauen einen Rechtsanspruch darauf haben, daheim die Patschen nachgetragen zu kriegen. That’s it.


Warum, um Himmels willen, muss bei Gesprächen über Geschlechtergerechtigkeit immer bei Punkt null begonnen werden?

Vermutlich würden zu einer Debatte über Weltraumforschung eher keine Menschen eingeladen, die behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist. Bei medialen Diskussionen über Frauenpolitik ist so was hingegen gang und gäbe. Am liebsten bittet man TeilnehmerInnen dazu, die erst einmal anzweifeln möchten, ob es Frauen wirklich glücklich macht, wenn sie zum Wasserholen aus der Höhle dürfen, was die halbwegs bei Trost Befindlichen in der Runde dann etwas hilflos aussehen lässt.

Warum, um Himmels willen, muss bei Gesprächen über Geschlechtergerechtigkeit immer bei Punkt null begonnen werden? Warum kommen wir so selten über diesen Level hinaus? Warum werden Frauen vor allem dann gehört und ernst genommen, wenn sie anderen Frauen eine Rolle zuweisen, die sie für sich selber ganz offensichtlich ablehnen? (Vielleicht würde sie ja, sagte Frau Svazek schelmisch, ihre politischen Funktionen zurücklegen und daheim bleiben, sobald sie ein Kind bekäme. Mit 900 Euro? Glauben wir, sobald sie’s macht. Empfehlen wir aber auch dann nicht zur Nachahmung.)

elfriede.hammerl@profil.at
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