Elfriede Hammerl: Nie Schule geschwänzt?

Elfriede Hammerl: Nie Schule geschwänzt?

Mit wem wir angeblich auf ein Bier gehen wollen. Und was daran fragwürdig ist.

Neulich, in einer Runde honoriger Menschen, die alle schon auf ein respektables Erwachsenenleben zurückblicken dürfen. Auf einmal schwelgen sie in Jugenderinnerungen an ihre Schulzeit, die sie, wenn man ihren Schilderungen glauben darf, überall zugebracht haben, nur nicht in der Schule. Statt im Unterricht waren sie im Kaffeehaus. Oder im Kino. Oder auf der Alten Donau segeln. Oder konspirativ in sinistren Kellerlokalen. Oder knutschend in der Lobau.

Der Unterricht war ihnen zu blöd. Die LehrerInnen waren ihnen zu blöd. Den Lehrstoff hatten sie längst intus. Wenn nicht, dann war er eh überflüssig. Sie haben das autonom entschieden, schon damals. Dass sie in der Sechsten durchgeflogen sind, betrachten sie geradezu als Ehre. Und dass sie die Matura erst beim zweiten Anlauf abgelegt haben, zeigt nur, dass sie Wichtigeres im Kopf hatten als die dumme Schule.

Äh, aber sind wir denn nicht eigentlich gegen Bildungsfeindlichkeit?

Ja, nur haben sie ja nicht aus Bildungsfeindlichkeit geschwänzt, sagen sie, sondern weil die Schule ihren Ansprüchen nicht genügt hat. Ihr Fernbleiben war ein Protest gegen das vertrottelte System.


Was immer sie tun oder eben nicht tun, ihre Eltern werden alles daransetzen, ihnen einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen.

Mag sein. In jedem Fall haben sie sich das Schwänzen aber auch deswegen leisten können, sage ich, weil sie aus privilegierten Verhältnissen kommen. Sie haben gewusst: Was immer sie tun oder eben nicht tun, ihre Eltern werden alles daransetzen, ihnen einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen.

Kein Proletarierkind da, für das es ein Privileg war, ins Gymnasium gehen zu dürfen, und das daheim zu hören bekam: Sitzenbleiben gibt’s nicht. Entweder du kommst durch oder du wirst Hilfsarbeiter!?

Vermutlich schon, aber das Proletarierkind in der Runde schweigt. Wenn es berichtete, dass es nie geschwänzt hat, würde es als angepasster Streber dastehen, als autoritätsgläubig, brav, fad und konformistisch.

Wenn es reden wollte, könnte es erzählen, dass seine Eltern durchaus bildungsfreundlich waren, aber nicht bereit, Faulheit und Aufsässigkeit zu dulden oder gar zu unterstützen. (Ja, faul und aufsässig, solche Wörter verwendeten die.) Das hätten sie sich nämlich schlicht nicht leisten können. Jedes Schuljahr mehr war ein Jahr mehr, in dem sie ihr Kind durchfüttern hätten müssen, und für Faulheit mochten sie nicht schuften.

Und am Ende müsste das Kind der kleinen Leute womöglich gar gestehen, dass es gern in die Schule gegangen ist. Es hat gern gelernt. In der Schule erfuhr es Dinge, die es daheim nicht erfuhr. In seinem Elternhaus gab es keine Bibliothek, aus der es sich autodidaktisch Bildungsstoff hätte reinziehen können. Und um seinen Familientisch scharten sich keine Intellektuellen, die zu seinem Nutzen interessante philosophische Fragen erörterten.


Die Gemäßigten, Vernünftigen, Besonnenen gelten leicht als langweilig und dodelig.

Vielleicht ist es feig vom Kind der kleinen Leute, dass es den Mund nicht aufmacht, aber man muss ihm zugutehalten, dass es mit dem Geständnis, brav zur Schule gegangen zu sein, nichts zu gewinnen hätte. Die Braven sind weder beliebt noch angesehen. Die Gemäßigten, Vernünftigen, Besonnenen gelten leicht als langweilig und dodelig. Der originelle Geist ist nach allgemeinem Dafürhalten an ein deutliches Quantum Verhaltensauffälligkeit gekoppelt, und wenn dazu noch eine Portion unverschämte Arroganz kommt, umso respektabler. Wir bewundern mehrheitlich nicht den redlichen Großneffen, der die gebrechliche Tante mit seinem Kleinwagen ins Grüne chauffiert, sondern seinen gerissenen Bruder, der ihr einen Beitrag für seinen Porsche aus dem Kreuz leiert, ehe er ohne sie nach Nizza düst.

Was das Verrückteste sei, das sie in ihrem Leben gemacht habe, wurde Pamela Rendi-Wagner bei der sogenannten Elefantenrunde im ORF-Fernsehen gefragt. Man sah ihr an, wie sie ihr Gedächtnis blitzschnell vergeblich nach leichtfertigen Abenteuern abfragte, ehe sie lachend zugab, dass sie nicht zu verrückten Taten neige, sie sei ein Mensch, der Risiken genau abwäge. Damit hat sie laut „Standard“ (vom 28./29. September) „eine aufgelegte Möglichkeit, sich als sympathisch zu präsentieren“, vergeigt, denn „neben dieser Frau will man bei einer Prüfung sitzen, aber nicht mit ihr auf ein Bier gehen“.


Fragt sich allerdings, wohin uns unsere Bewunderung für die selbstherrlichen Regelverletzer langfristig bringen wird.

Im Ernst? Also, ich würde lieber mit so jemand auf ein Bier gehen als mit einer, die sich, sagen wir einmal: damit brüstet, ihr letztes Geld für Spitzendessous ausgegeben zu haben oder spontan auf die Malediven geflogen statt endlich zur ersten Staatsprüfung angetreten zu sein. Aber ich war ja auch keine Schulschwänzerin – was mich übrigens mit Rendi-Wagner verbindet, die sich einmal als Musterschülerin und Streberin bezeichnet hat.

Das Wahlergebnis gibt denen recht, die das für keine gute Strategie halten. Fragt sich allerdings, wohin uns unsere Bewunderung für die selbstherrlichen Regelverletzer langfristig bringen wird. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Natürlich ist Anpassung per se keine Tugend. Regeln müssen immer wieder auch infrage gestellt werden. Aber den Regelverstoß per se zu verklären, halte ich für gefährlich. Die kritiklose Bewunderung der Pfeif-mich-um-nix-Egoschweine bringt uns die Trumps und die Johnsons ein.

elfriede.hammerl@profil.at
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