Elfriede Hammerl: Nix Schwiegersohn

Elfriede Hammerl: Nix Schwiegersohn

Die Gutsherrin sieht im Politiker keinen Wahlverwandten, sondern einen Handlanger.

Zwei Frauen um die 80, beide Personen des öffentlichen Lebens, wie man so sagt, haben Sebastian Kurz anscheinend ins Herz geschlossen. Die eine, Milliardärin Heidi Goëss-Horten, hat ihm deswegen fast eine Million Euro gespendet, die andere, Schauspielerin Christiane Hörbiger, preist ihn in einem Wahlkampfvideo als Messias und geifert vulgär gegen SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner.

Das kann man schon fragwürdig bzw. ziemlich unappetitlich finden. Aber können wir uns darauf einigen, dass weder Horten noch Hörbiger typische Repräsentantinnen ihrer Generation und/oder ihres Geschlechts sind?

Nein, können wir offenbar nicht. In den sozialen Medien fand nach der Veröffentlichung des Videos und nach dem Bekanntwerden der Spenden ein munteres Alte-Weiber-Bashing oder überhaupt ein Alten-Bashing statt. Dement, senil, Schwiegersohneffekt, Menschen über 60 kann man nicht ernst nehmen, die Alten sollen die Goschen halten.

Was Besseres fällt euch nicht ein, Leute? Woher kommt diese explosionsartige Abneigung gegen Mitmenschen, die nichts Auffälligeres getan haben, als früher auf die Welt gekommen zu sein als ihr?


Frau Hörbigers Lob für Kurz war das Lob der Gutsherrin für den beflissenen Gutsverwalter.

Abgesehen davon, dass viele alte Frauen (mich eingeschlossen) über einen Schwiegersohn à la Sebastian Kurz ganz und gar nicht glücklich wären, und abgesehen davon, dass eine bestimmte Spezies von Frauen nie aufhört, in Männern nicht mögliche Schwiegersöhne, sondern potenzielle Anbeter zu sehen, abgesehen davon ist die Leistungsfähigkeit eines Gehirns nur bedingt an sein Alter gebunden. Wissen wir doch eigentlich, oder?

Außerdem machte man es Frau Hörbiger zu leicht, wenn man ihr die Verantwortung für ihre Wortwahl erließe, bloß weil sie über 80 ist. Frau Hörbiger spricht zu Kurz, dessen Kanzlerschaft angeblich so eine glückliche Aufbruchsstimmung über unser geliebtes Heimatland gebracht hat, sehr bewusst als Angehörige einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht, die in der türkisen Sozialpolitik die ersehnte Abkehr vom unerwünschten Gleichheitsgedanken sah. Das „Wir“, das Frau Hörbiger verwendet, meint eine privilegierte Gruppe, die ihre Privilegien für verdient hält und als Distinktionsmerkmale respektiert sehen will. Diese Gesalbten betrachten den eifrigen jungen Anpassler aus nicht ganz so privilegierten Verhältnissen als willkommenen Auftragnehmer, der ihnen ihre hierarchische Vormachtstellung erhalten wird, weil er weiß, was sich gehört.

Frau Hörbigers Lob für Kurz war das Lob der Gutsherrin für den beflissenen Gutsverwalter, und aus der Ungeniertheit, mit der sie Pamela Rendi-Wagner ein „vollkommen verblödetes“ Verhalten unterstellte, sprach die ungenierte Verachtung fürs vermeintlich niedere Volk.


Die Hortens dieser Welt sehen in Politikern ebenfalls entweder taugliche Handlanger oder verachtenswertes Gesocks.

Derlei Auftritte mag man in dieser Ausprägung für antiquiert halten, mit Demenz oder Senilität haben sie aber nichts zu tun. Abgesehen davon glaube ich, dass elitäre Dünkelhaftigkeit in bestimmten Kreisen alles andere als überholt ist.

Bei Frau Horten wiederum darf man davon ausgehen, dass sie die Million, die sie den Türkisen spendete, nicht für ein schwiegersöhnliches Lächeln vom Parteichef lockermachte, sondern weil sie damit in eine ihr genehme Wirtschafts- und Sozialpolitik investieren wollte. Auch Frau Horten hat kein Interesse an Verteilungsgerechtigkeit. Und das Vermögen, auf dem sie sitzt, deutet nicht darauf hin, dass sie zu leichtfertigem Verschleudern neigt. Die Hortens dieser Welt sehen in Politikern ebenfalls entweder taugliche Handlanger oder verachtenswertes Gesocks, nicht aber Wahlverwandte, für die sie aus sentimentaler Rührung den Geldbeutel öffnen.

Viele alte Frauen, die nicht aus Schauspielerdynastien stammen und sich in jungen Jahren keine Kaufhauskönige gekrallt haben, haben ein anstrengendes Leben mit Anstand durchgestanden und verdienen es nicht, die bizarren Ansagen und fragwürdigen Finanztricksereien von Altersgenossinnen um die Ohren geschlagen zu kriegen, bloß weil sie derselben Generation angehören.


Frau Gertrude ist gewissermaßen das Kontrastprogramm zur Stimme der türkisen Regimenter.

Wollen wir das vielleicht festhalten? Und an ein anderes Video denken, nämlich an das der Frau Gertrude, die beim letzten Präsidentschaftswahlkampf ihre Stimme erhob, um vor Hass, Ausgrenzung und einem verächtlichen Umgang mit Mitmenschen zu warnen? Frau Gertrude, Gertrude Pressburger mit vollem Namen und 1927 geboren, wusste, wovon sie sprach. Sie hat den Holocaust überlebt, als einzige ihrer Familie. Ihre Lebensgeschichte ist mittlerweile auch als Buch erschienen.* Wer sie liest, begreift einmal mehr, was es mit der Gnade auf sich hat, in gesicherte Verhältnisse geboren zu werden und nie die eigene Existenz – politisch wie materiell – infrage gestellt zu sehen.

Frau Gertrude ist gewissermaßen das Kontrastprogramm zur Stimme der türkisen Regimenter, die unter „Ausgrenzung“ lediglich die von ihnen verweigerte Abgrenzung vom rechten Rand verstehen. Sie wollen zwar niemanden rechts von Dschingis Khan „ausgrenzen“, dafür jedoch die sozial Schwachen. Schlimm. Aber denkt zum Beispiel an Frau Gertrude, liebe Leute auf Social Media, ehe ihr „den Alten“ generell ein Redeverbot erteilen wollt.

* Gertrude Pressburger: „GELEBT, ERLEBT, ÜBERLEBT“ (aufgezeichnet von Marlene Groihofer), btb

elfriede.hammerl@profil.at
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