Elfriede Hammerl: Oldies im Stress

Elfriede Hammerl: Oldies im Stress

Schon einmal von der Großmutter-Hypothese gehört?

Max und Mimi machen es vier Mal wöchentlich. Fix. Und gelegentlich am Wochenende. Und im Urlaub. Und wenn eins der Kinder krank ist, sowieso.

Das heißt, jeden Montag und jeden Dienstag übernehmen Max und Mimi ganztags die Zweijährige ihrer Tochter, Donnerstag und Freitag den Achtjährigen ihres Sohnes. Sie holen ihn von der Schule ab, helfen ihm bei den Aufgaben und bringen ihn zur Blockflötenstunde sowie zum Karatetraining. An den anderen Tagen springen die anderen Großeltern ein, die Schwiegertochter kommt nicht vor drei aus dem Büro weg. (Der Sohn nicht vor sechs, aber das steht nicht zur Debatte, weil Männer nicht Teilzeit arbeiten, so ist die Realität.) Ganztagsschule? Wäre schön, ist aber nicht. Kein Platz frei in erreichbarer Entfernung.

Demnächst fahren Max und Mimi mit beiden Enkelkindern nach Lignano. Mimi sagt, sie würde gern wieder einmal nach Griechenland fliegen, aber leider, Strände nicht kindertauglich. In Lignano kann die Kleine gefahrlos im Sand buddeln und der Große im seichten Wasser toben.

Max’ und Mimis Kinder sagen, ist eh gut und schön, wie sich Max und Mimi einbringen, trotzdem beneiden sie die Kinder von Liesl und Leo, weil Liesl neben der Enkelbetreuung auch noch für alle die Wäsche wäscht und Mahlzeiten kocht, die sie portionsweise eingefroren den Kindern vorbeibringt, während Leo repariert, was immer es zu reparieren gibt.

Liesl wirft ein, eigentlich war sie ja einmal der Meinung, die Rolle der Großmütter sei es, schön angezogen mit schön angezogenen Enkelkindern in Konditoreien zu sitzen und den Eltern durch grenzenlose Milde erzieherisch in den Rücken zu fallen, aber irgendwas muss bei ihr falsch gelaufen sein, denn schon wieder ist sie es, die sich plagt, um Fingerfarben aus dem Teppich zu putzen, während ihre Tochter punktet, indem sie den Kleinen hemmungsloses Herumsauen erlaubt.

Mimi sagt, früher hat sie geglaubt, ihre Mutter sei intellektuell nicht besonders anspruchsvoll, aber inzwischen fragt sie sich, ob ihre Mutter Bärli Brumms Abenteuer seinerzeit wirklich aus eigenem Interesse vorgelesen hat.

Leo blättert mit seinem Enkel in einem Kinderlexikon, das ausschließlich Fahrzeuge aller Art zeigt: den Tieflader, den Betonmischer, den Muldenkipper, den Autokran, die Planierraupe … Der Enkel lässt sich begeistert die Namen vorsprechen, immer wieder. „Vielleicht wird er nicht so ein technischer Trottel wie sein Vater!“, sagt Leo hoffnungsvoll. Anscheinend brennt er darauf, die Verantwortung für Reparaturen aller Art endlich an eine neue Generation weiterzugeben.

Ich belehre Liesl und Mimi inzwischen dahingehend, dass die Natur schön angezogene Großmütter in Konditoreien nicht vorsieht, zumindest nicht dann, wenn man an die sogenannte Großmutter-Hypothese der Anthropologie glaubt. Die gibt es tatsächlich, und sie besagt, dass der weibliche Mensch, anders als das weibliche Tier, seine Menopause nur deswegen so lange überlebt, weil die Menschenfrau noch gebraucht wird, um Töchtern und Schwiegertöchtern bei der Aufzucht von deren Kindern zu helfen.


Die Wissenschaft ist vor einem Rätsel gestanden, aber sie hat das Rätsel gelöst.

Ist ja aber auch wahr: Was hat so ein Weibsbild noch auf der Welt verloren, wenn es nicht mehr fruchtbar ist, also seinen einzigen Daseinszweck, die Fortpflanzung, nicht mehr erfüllt? Verständlicherweise haben sich die Anthropologen das gefragt und sind dabei zu dem einzig logischen Schluss gekommen: Die Frau gibt nach der Menopause nicht gleich den Löffel ab, weil sie, wenn schon nicht mehr zur Vermehrung, so doch weiterhin zur Brutpflege taugt.

„Die Wissenschaft ist vor einem Rätsel gestanden“, sage ich zu Liesl und Mimi, „aber sie hat das Rätsel gelöst. Und die Lösung besagt, ihr sollt euch brutpflegeuntaugliche griechische Steilküsten aus dem Kopf schlagen.“

Zu Max und Leo hingegen sage ich: „Anscheinend seid ihr aus dem Schneider. Es gibt keine Großvater-Hypothese. Solange ihr zeugen könnt, braucht ihr weder tot umzufallen, noch die Brut zu pflegen.“

Verständlicherweise entwickelt sich daraufhin ein lebhafter Diskurs über wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Thesen, den Liesl durch die unschöne Frage „Wo bitte steht denn geschrieben, dass die alten Zausel noch zeugen können?“ auf ein eher unakademisches Niveau senkt, was Leo zu der wissenschaftlich wenig abgesicherten Behauptung veranlasst, nicht alle Kinder später Väter stünden, wie von Liesl postuliert, genetisch den Tennis­trainern ihrer Mütter nahe.

Schließlich versteigt sich Mimi ihrerseits zu einer These, nämlich der, dass Fortpflanzung vielleicht gar nicht des Menschen einziger Daseinszweck sei, was das Rätsel einer gewissen Haltbarkeit trotz abnehmender Fertilität ebenfalls lösen würde, aber inzwischen sind die Fronten verhärtet.

In unser erschöpftes Schweigen hinein blafft Mimi mich an: „Sag diesen Unfug von der Großmutter-Hypothese wenigstens nicht laut, sonst spart der Kurz noch die Kindergärten ein!“

„Ist schon passiert“, antworte ich. „2019 gibt der Bund für den Ausbau der vorschulischen Kinderbetreuung kein Geld mehr her, und die Mittel für Ganztagsschulen wurden halbiert.

elfriede.hammerl@profil.at
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