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Meinung
06/06/2020

Elfriede Hammerl: Patriarchen light

Partnerschaftliche Fairness gilt als freiwilliges Geschenk.

von Elfriede Hammerl

Frauentag war, es ist noch gar nicht so lange her, und viel wurde geredet über den alten und den neuen Feminismus und ob wir das Patriarchat überwunden haben und wie es weitergehen wird. Und während wir noch beim Nachdenken und beim Reden waren, brach Corona über uns herein samt Lockdown, und auf einmal wurde uns, im Homeoffice, beim Kochen und Putzen und beim Unterrichten der Kinder bewusst, dass diese Fragen noch viel aktueller und dringlicher sind, als wir geglaubt hatten. Der Schluss, der sich dabei aufdrängt, ist nicht besonders erfreulich. Ich sage es einmal so: Wir haben die Pflichten des Patriarchen abgeschafft und ein paar seiner übelsten Vorrechte, aber nach wie vor sind wir - die Gesellschaft, die Gesetzgebung, die Judikatur -sehr bemüht, ihm seinen Polstersessel im Theater des Zusammenlebens nicht zu entziehen. Der Patriarch darf sich heute zwar nicht mehr als Oberhaupt aufspielen und kriegt bei Tisch nicht mehr als Erster das größte Bratenstück, aber dafür hat er es in anderer Hinsicht kommoder als sein Vorfahr.

Zum Beispiel muss er viel weniger finanzielle Verantwortung für seine Familie übernehmen. Der Familienvater früher ist seinem Ernährungsauftrag zwar auch nicht immer zufriedenstellend nachgekommen (schon gar nicht, wenn er schlecht entlohnter Hilfsarbeiter war), aber er hatte zumindest die moralische Verpflichtung, seinen Lohn in die Haushaltskassa einzubringen, statt ihn beim Branntweiner zu verjuxen. Der gut verdienende Ehemann heutzutage hat hingegen keine moralischen und kaum gesetzliche Verpflichtungen seiner getreuen Gattin gegenüber, die jahrelang ihr berufliches Fortkommen vernachlässigt hat, um ihm Kinder und Haushalt abzunehmen. Wenn er einen guten Anwalt und einen verständnisvollen Richter findet (Anwältinnen und Richterinnen mitgemeint), kann sich seine Ehefrau mit Mitte 50 bei der Scheidungsverhandlung anhören, dass sie keinen Unterhalt braucht, weil sie sich ja eh noch eine schöne Karriere aufbauen kann. Sie möge den Aufbruch in ein neues Leben als Chance begreifen und tschüss. Und während es der Anstand dem Patriarchen früher gebot, seine Kinder zu nähren, zu kleiden und ihnen eine ordentliche Ausbildung zu finanzieren, sofern er in der Lage dazu war, hat der seiner Brut überdrüssige Vater heutzutage eine mäßig schlechte Nachred', wenn er sich ihrer monetär entledigt, indem er so wenig wie möglich oder gar nichts für sie zahlt. Bitte! Der Mann hat jetzt einen anderen Lebenstraum! Das muss man doch verstehen!

Fürsorglich wurde zudem bei der Unterhaltsregelung eine sogenannte Playboygrenze eingezogen, die es auch dem extrem gut betuchten Erzeuger erspart, mehr als einen bescheidenen Überlebens-Zuschuss für seine abgelegten Sprösslinge herauszurücken. Die Fürsorge des Gesetzgebers gilt nicht den Kindern, sondern dem Erzeuger, den tunlichst keine Altlasten beim Neustart beschweren sollen. Oder nein, halt, sie gilt auch den Kindern, sagt der Gesetzgeber, der die Kinder dadurch vor einem verderblichen Leben im Luxus bewahren will. Wow, wie umsichtig.

Und apropos beschwerlich, anders als früher, da die Ausübung des patriarchalen Diktats an das Zusammenleben des Patriarchen mit seinen eventuell lästigen Nachkommen und ihrer vielleicht mühsamen Mutter gebunden war, kann der geschiedene Vater heute als flotter Single durch die Gegend ziehen und trotzdem auf die Einhaltung seiner väterlichen Gebote dringen. Gemeinsame Obsorge nach der Scheidung bedeutet nämlich nicht, dass die Versorgungsarbeit gerecht geteilt wird, sondern lediglich, dass beide Elternteile gleichermaßen über die Kinder bestimmen dürfen. Was in der Praxis oft bedeutet: Die Mutter versorgt, der Vater schafft an. Wenn die Mutter sich fügt, ist es gut, wenn nicht, gibt es wieder einmal Zoff. Das alles heißt nicht, dass wir den Preis der Rückkehr in ein steinzeitliches Familienrecht zahlen müssen, wenn wir wollen, dass sich der Mann von heute der patriarchalen Tugenden von ehedem entsinnt, und es heißt auch nicht, dass uns recht geschieht, weil wir den Patriarchen entmachten wollten. Vielmehr heißt es, dass uns die Entmachtung des Patriarchen noch nicht gelungen ist. Wir haben ihn teilentmachtet, und geblieben ist uns ein Patriarch light, der partnerschaftliche Fairness als freiwilliges Geschenk betrachtet und nach allgemeinem Verständnis freudige Dankbarkeit erwarten darf, wenn er es uns macht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die patriarchalen Tugenden waren auch früher mehr Theorie als zuverlässig geübte Praxis. Aber sie appellierten an erwachsene Männer mit sozialer Verantwortung, die Verpflichtungen eingehen und einhalten sollten. Dieser Appell gilt mittlerweile als überholt. Bloß keine Verpflichtungen für lebenslange große Buben, die tun sollen, wonach ihnen ist! Wir haben uns nicht vom Patriarchen befreit, sondern wir haben den Patriarchen von seinen Pflichten befreit, und wenn er auch nicht mehr so heißt, ist er immer noch ein bisschen privilegierter als der Rest der Familie.

 

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