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Meinung
08/29/2020

Elfriede Hammerl: Pflegende Hände

Arbeitslose umschulen? Vielleicht. Aber bitte keine Image-Kampagne.

von Elfriede Hammerl

Arbeitslose sollen jetzt ermuntert werden, sich zu Pflegekräften umschulen zu lassen. Die Pflegeberufe brauchen Zulauf. In den nächsten zehn Jahren, so lauten die Prognosen, wird die Zahl betreuungsbedürftiger Personen um 37 Prozent ansteigen, und der Personalbedarf wird sich verdoppeln. Also, Pflegewillige bitte melden!

Allerdings fragt man sich schon, was Arbeitssuchende motivieren wird, ihre berufliche Zukunft auf dem Pflegesektor zu sehen. Der öffentliche Applaus? Die Entlohnung? Die Arbeitsbedingungen? Ein plötzlich auftretendes Helfersyndrom?

Der öffentliche Applaus ist längst verklungen und hat auch nicht satt gemacht. Die Entlohnung ist gemessen an den Anstrengungen, die Pflegenden abverlangt werden, mäßig. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Als Österreichs Pflegekräfte vor Kurzem für eine Arbeitszeitverkürzung mobilmachten, wurde ihnen die lange Nase gezeigt. Drei Wochenstunden weniger Schwerarbeit ohne Gehaltseinbußen wünschten sie sich, aber leider: Kein Geld da. Dazu kommen Schichtdienste, und zu den Schichten kommt, dass sie oft geteilt werden. Das heißt dann, dass eine mobile Heimhilfe von sieben in der Früh bis ein Uhr mittags im Einsatz ist und danach wieder von fünf bis halb acht. Zwei Schichten, vier Wegzeiten, ein zerstückelter Tag. Erstrebenswert ?

Dass sich trotz bescheidener Bezahlung und oft lausigen Rahmenbedingungen Menschen finden, die das Pflegen zu ihrem Beruf machen, grenzt fast an ein Wunder und hat wohl tatsächlich etwas mit einer Neigung zum Umsorgen und Versorgen zu tun. Zumindest machen der Wunsch zu helfen und die Bereitschaft, auch vor unbequemen Aufgaben nicht zurückzuschrecken, eine gute Pflegerin und einen guten Pfleger aus.

Schlummert dies auch in denen, die gerade keinen Arbeitsplatz haben? Was, wenn ihr Interesse an Care-Arbeit entgegen allen Erwartungen nicht geweckt werden kann? Wenn sich zu wenige zur Umschulung melden?

Macht das AMS dann Druck? Werden die Zumutbarkeitsbestimmungen geändert? Verpflichtung statt Freiwilligkeit?

Unbehagliche Vorstellung. Würden wir von Pflegekräften versorgt werden wollen, die uns angewidert nur deswegen den Verband wechseln, weil das Arbeitsamt sie mehr oder weniger dazu zwingt?

Es müsse, verlautet von offizieller Seite, das Image der Pflegeberufe in der Bevölkerung verbessert werden. Was heißt das? Dass wir wieder einmal für eine sauteure Werbekampagne zahlen sollen, diesfalls eine, die uns versichert, dass Pflegen total cool ist oder sonst was in der Art? Hoffentlich nicht.

Um das Image der Pflegeberufe geht es nicht. Es geht zunächst um ganz reale, dringend verbesserungsbedürftige Gegebenheiten. Bloß das Bild der Pflegeberufe aufpolieren zu wollen, ohne dass etwas dahintersteckt, wäre nicht nur unanständig, sondern hieße auch, die Intelligenz der Bevölkerung zu unterschätzen.

Schon unermüdlich im Einsatz sind derweilen die 24-Stunden-Pflegekräfte aus Osteuropa, die nach Österreich kommen, um hier Oma und Opa zu betreuen. Nicht ihre Omas und Opas, sondern unsere. Sie tun das mit großem Engagement. Viele österreichische Familien wären aufgeschmissen ohne sie. Österreich lohnt es ihnen jedoch schlecht. Die Familienbeihilfe für ihre Kinder, die daheim ohne Mama (seltener ohne Papa) über die Runden kommen müssen, wurde indexiert, das heißt an die Lebenshaltungskosten in ihrem Herkunftsland angepasst, das heißt reduziert.

Ja, nichts Neues, und dass es eine Schweinerei ist, wurde auch schon beklagt. Erstaunlich ist aber, wie das den Verantwortlichen beharrlich sonst wo vorbeigeht. Ist beschlossen, wird exekutiert, die PflegerInnen kommen eh weiterhin. Also alles okay.

Nein, keineswegs. Ebenfalls beharrlich muss man immer wieder darauf hinweisen, dass die ausländischen Pflegekräfte genauso viel in die Sozialversicherung einzahlen wie alle anderen hier Beschäftigten und dennoch weniger herausbekommen. Stattdessen finanzieren sie eine höhere Familienbeihilfe für österreichische Kinder mit, die in einem hochpreisigen EU-Land oder in der Schweiz leben (zum Beispiel, weil ihre Eltern dort für eine österreichische Behörde arbeiten).Schlecht bezahlten Pflegekräften wird also genommen, gut verdienenden Beamten wird gegeben.

Dabei müsste den Kindern, die ihre Mütter wochenlang nicht sehen, weil die Mütter unseren Pflegenotstand kompensieren, eine Erschwerniszulage zugesprochen werden. Aber zugegeben, schon die volle Familienbeihilfe wäre vergleichsweise viel Geld für Kinder in Ländern, in denen erwachsene Arbeitnehmer oft nur einen Bettel bekommen. Das finden manche unverhältnismäßig. Doch genau das ist der Deal: Mehr Kohle als landesüblich für die Arbeit in der Fremde.

Im Übrigen sind auch österreichische Kinder finanziell bessergestellt als manche erwachsenen Arbeitnehmer anderswo. Ist das verhältnismäßig?

Die EU-Kommission hat bekanntlich die Indexierung inzwischen vor den EuGH gebracht, und vielleicht wird sie von diesem ja gekippt. Wäre zu wünschen. Außer man hält es für eine nationale Tugend, die Notlagen anderer tunlichst ausnützen zu wollen.

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