<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Romanheftln lesen

Bildungsfreundlichkeit hat hierzulande keine Tradition. Das ist unser wahres Problem.

7. Dezember, ORF 2, Runder Tisch zum PISA-Ergebnis. Man bespricht mögliche Ursachen für das schlechte Abschneiden österreichischer Schüler und Schülerinnen. Eine Berufsmutter ist eingeladen, die plädiert für nicht berufstätige Mütter und ein staatliches Müttergehalt. Den Kindern lesen beizubringen sei Aufgabe der Mütter.

Ein ehemaliger Landesschulsprecher sagt, ja, wenn wir heute noch die Familienstrukturen der fünfziger Jahre hätten, gäbe es keine Schulprobleme.
Ein Landesschulinspektor sagt, ja, die ideale Familie, wie es sie früher gegeben hätte, in der die Eltern abends mit den Kindern gelesen hätten, die wäre das Beste, aber die gäbe es halt nicht mehr. Ein Lehrergewerkschafter verwendet die Adjektive „bestausgebildetst“ und „bestbezahltest“.

Der Landesschulinspektor sagt, wir brauchen mehr männliche Lehrer, überall nur Lehrerinnen, das täte den Kindern nicht gut. Der Landesschulsprecher (der der Schule gerade erst vor zwei Jahren entwachsen ist, aber jetzt schon ausschaut wie der altvaterische, ländliche Honoratior, der er vermutlich bald sein wird) will nicht am Gymnasium gerüttelt und die Hauptschule aufgewertet sehen, also ja keine tief greifenden Änderungen. Außerdem behauptet er, dass die Kinder mit Migrationshintergrund schuld sind am schlechten PISA-Ergebnis.

Das sind Österreichs BildungsexpertInnen? Das mutet man uns als ernsthafte Diskussion zu? Rückwärtsgewandtes Beschwören von Idyllen, die es nie gegeben hat? Totale Unkenntnis sozialhistorischer Fakten? Schwere Grammatikfehler von Menschen, die von Berufs wegen sprachlich kompetent sein sollten? Dumme Schuldzuweisungen an Frauen (zu viele Lehrerinnen, zu viele berufstätige Mütter)? Schuldzuweisungen an MigrantInnen, obwohl PISA gezeigt hat, dass sie nicht ausschlaggebend sind für unser schlechtes Abschneiden?

Vielleicht liegt ja, könnte man angesichts solcher Runden denken, die Ursache unserer miserablen PISA-Ergebnisse in der offenbar langen Tradition von selbstzufriedener Ignoranz, in der unsere Kinder aufwachsen? Wieso wundern wir uns über die Kinder, bei derartigen Erwachsenen, die noch dazu eine Elite repräsentieren wollen?

Also, damit das klar ist: Die Bilderbuchfamilie, in der Mutti den ganzen Tag mit den Kleinen gesungen, gespielt und gebacken hat, bis Vati abends zur fröhlichen Runde stieß, um sie durch männliche Weisheit zu bereichern, die ist Fiktion. Es hat sie vielleicht in Ausnahmefällen gegeben, die Regel war sie nie.

Arbeitermütter haben gearbeitet. Bäuerinnen, die Mütter waren, haben gearbeitet. Dienstboten, die Kinder hatten, konnten sich um ihre Kinder nicht kümmern. Das Großbürgertum und die Aristokratie delegierten ihre Kinder an Kindermädchen, Gouvernanten und Hauslehrer. Die Kinder waren früher in Summe nicht gebildeter als heute. Es hat nur niemanden gekümmert. Es gab jede Menge funktionale AnalphabetInnen, aber das war der Gesellschaft egal.

Das Gros der Menschen wurde für Arbeiten gebraucht und eingesetzt, für die sinnerfassendes Lesenkönnen nicht notwendig war. Das Gros der Menschen wurde absichtlich dumm gehalten, damit es besser manipulierbar war. Das Gros der Menschen sollte funktionieren und kuschen.

Rückwärts zu schauen kann also keine Lösung sein. Dass wir heute besser gebildete Menschen heranziehen wollen, ist ein Fortschritt. Dass es uns im Vergleich zu anderen Ländern so schlecht gelingt, ist allerdings eine Schande, und es stellt sich die Frage, wie ernsthaft unsere Bestrebungen sind und ob nicht maßgebliche Kräfte in diesem Land immer noch auf eine Verschubmasse von leicht manipulierbaren Deppen setzen möchten.

Die besten PISA-Ergebnisse liefern nicht Länder, in denen Kinder von mehr oder weniger kompetenten Hausfrauenmüttern unterrichtet werden, sondern wo, ganz im Gegenteil, die Schule möglichst viel Verantwortung für ihre Lernfortschritte übernimmt und häusliche Defizite kompensiert. Das ist ganz offensichtlich. Daraus den gegenteiligen Schluss zu ziehen, dazu gehört schon ein unglaubliches Maß an Borniertheit.

Bleibt die Hoffnung, dass dieser Runde Tisch nicht repräsentativ war für den Zugang Österreichs zu Bildungsfragen. Ich fürchte allerdings, er war es. Denn geradezu reflexhaft wird hierzulande bei Problemen unterschiedlichster Art stets das Aussterben der Hauptberufsmutter beklagt, das als Wurzel allen Übels gesehen wird. Gleichzeitig werden frühere Zustände beschworen, deren historische Glaubwürdigkeit in etwa dem Wahrheitsgehalt von Sissi-Filmen entspricht.

Früher waren alle Leseratten? Ach, was. Früher war Lesen für große Teile der Bevölkerung keine tugendhafte Beschäftigung, sondern ein Versuch, sich nützlicheren Tätigkeiten zu entziehen. Ich erinnere mich gut an Kindheitssommer auf dem Land, in denen Gleichaltrige, wenn sie sich Bücher von mir liehen, von ihren Eltern streng zur Ordnung gerufen wurden: „Romanheftln lesen willst? Hast keine Arbeit?“ (Romanheftln hieß verächtlich alles, was gedruckt war.) Und ich erinnere mich auch gut an alte Damen der höheren Stände, die lieber seufzend häkelten oder stickten, als zu einem Buch zu greifen, weil sich Lesen am helllichten Tag nicht schickte.
Wir haben hierzulande kein Fundament einer tradierten Bildungsfreundlichkeit. Das ist unser wahres Problem. Und solange es geleugnet wird, kann sich schwerlich was Besseres entwickeln.

elfriede.hammerl@profil.at