<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Romy, Conny, Peter und ich

Wie Elfriede Hammerl lernte, eine Undame zu sein. Anlässlich des 100. Frauentags am 8. März betreibt die profil-­Kolumnistin ­biografische Geschichtsforschung.

Romy Schneider war Sissi und die junge Queen Vic­toria in „Mädchenjahre einer Königin“. Sie hatte beneidenswert blaue Augen, die sich eindrucksvoll mit blanken Tränen füllen konnten. Ich trug gestärkte Flügelschürzen, knickste bei Begrüßungen und sagte Küss die Hand zu alten Tanten. Meine Mutter sprach davon, dass ich Sprachen studieren und Dolmetscherin werden sollte. Dolmetscherin schien mir einerseits erstrebenswert, ich stellte mir vor, dass man dazu viel reisen musste. Ich wusste aber, dass ich Bücher schreiben würde. Meine Volksschullehrerin war mit der Kinderbuchautorin ­Annelies Umlauf-Lamatsch befreundet; wenn sie zu uns in die Klasse auf Besuch kam, hatte ich vorher ein Willkommens­gedicht zu verfassen. Vorgetragen wurde es von Maria, sie betonte so ausdrucksvoll und riss dazu dramatisch die Augen auf. Frau Umlauf-Lamatsch küsste mich auf die Stirn und nannte mich kleine Dichterin. Damit war ich praktisch für eine schreiberische Laufbahn bestimmt. Nebenher wollte ich einmal ­viele Kinder haben. Ich war ein Einzelkind. Große Familien kamen mir spannend vor. Ans Kochen und Wäschewaschen für viele Kinder dachte ich nicht. Ich stellte mir vor, für so was hätten Schriftstellerinnen Personal. Daheim war ich von Hausarbeit befreit, nur manchmal musste ich Geschirr abtrocknen. Mein Cousin übrigens ebenfalls. Familiäre Geschlechteregalität. Wir hassten das Abtrocknen genderneutral.

Dass ich einmal heiraten würde, stand für mich außer Frage, ich wusste nur noch nicht, ob den blondlockigen Hansi oder den dunkellockigen Herbert aus meiner Klasse. Der dunkellockige Herbert bekundete sein Interesse an mir – sein Verhalten ließ keine andere Interpretation zu –, indem er mir einen frisch gespitzten Bleistift in die Wange bohrte. Dafür bekam er von seiner Mutter eine Watschen, als sie es erfuhr. Gitti kreischte: Hilfe, der Hansi hat mich geküsst!, als wir in Zweierreihen über den Schulgang marschierten. Dafür wurde der Hansi von der Frau Lehrerin geschimpft, dabei hatte die Gitti gelogen, der Hansi war ihr überhaupt nicht nahe gekommen.

In der Zeitschrift „Brigitte“ stand, eine Dame dürfe auch an heißen Sommertagen nie ohne Strümpfe und Handschuhe aus dem Haus gehen. Und schon gar nicht dürfe sie auf offener Straße an ­Eistüten schlecken. Meine Mutter trug nur im Winter Handschuhe und im Sommer keine Strümpfe, und sobald die Eissalons aufsperrten, kauften wir uns Stanitzel mit Geforenem und schleckten beim Spazierengehen. Ich beschloss, der Zeitschrift „Brigitte“ höchstens begrenzte Kompetenz zuzubilligen.

Meiner großen Cousine auch. Meine große Cousine war klein und zierlich und trug weite schwingende Röcke und Schuhe mit hohen Absätzen und sagte zu mir: Mach nicht so große Schritte, das ist undamenhaft. Meine Beine waren aber doppelt so lang wie ihre, und ich hatte keine Lust zu trippeln, also war ich lieber eine Undame. Ohnehin standen meine Chancen, später einmal einen Mann zu bekommen, mittlerweile schlecht, denn ich war groß. Männer mochten keine großen Frauen, kleine Männer sowieso, aber auch große bevorzugten Frauen im Spielzeugformat, die zu ihnen aufblicken konnten. So wurde es mir zwitschernd von den Müttern ­mancher Schulfreundinnen versichert, ohne dass ich danach gefragt hätte.

Mit zehn kam ich in die höhere Schule, hätte mein Vater nicht eingewilligt, wäre es damit Essig gewesen, aber das wusste ich nicht. Die ersten zwei Mittelschulklassen (höhere Schulen hießen damals Mittelschulen, und einmal sagte ein alter Mann, dem ich auf seine Frage, ob ich schon in die Hauptschule ginge, geantwortet hatte, nein, in die Mittelschule, mitleidig zu mir: Ach, haben sie dich in der Hauptschule nicht genommen?), die ersten zwei Mittelschulklassen hindurch ging ich in eine koedukative Schule mit mathematischem Schwerpunkt (Realschule hieß das damals), weil sie um die Ecke war. Es war jedoch vorgesehen, dass ich weniger Mathematik und mehr Sprachen lernen sollte, weil das meinen Begabungen entgegenkam, deswegen: Wechsel ins Realgymnasium. Das war ein Abstieg.

Realgymnasium bedeutete, jedenfalls in Wien: Mädchenschule. Der Lehrplan der Burschengymnasien sah ­näm­lich auch darstellende Geometrie vor, etwas, von dem feststand, dass Mädchen es nicht begreifen konnten (außer sie gingen in die Realschule, was sie aber nicht so häufig taten). Dar­um gab es an den Mädchengymnasien zusätzlichen Lateinunterricht statt Dar­stellende. Jedenfalls: total uncool. Oje, jetzt kommst in ein Nockerlaquarium!, sagten diejenigen Mütter im Bekanntenkreis, die stolz darauf waren, dass sie Söhne hatten. Andere verwendeten das Wort Ganserlstall.

In der Mädchenschule bestätigten sich anfangs die Vorurteile, mit denen ich anrückte. Kaum fiel ein Buben­name, lagen meine Mitschülerinnen prustend über den Bänken. Und wenn ich mich später auch wohlfühlte in meiner neuen Klasse, die Absenz von Hansis und Herberts blieb ein merkwürdiges Programm. Es verfolgte ja nicht den Zweck, uns geplusterte Gockel vom Hals zu halten, damit wir in Ruhe an unserem Selbstwertgefühl arbeiten konnten, sondern war lediglich darauf ausgerichtet, uns in der traditionellen weiblichen Tugend der Zurückhaltung dem anderen Geschlecht gegenüber zu festigen. Hat nicht ganz funktioniert: Eine war bei der Matura schwanger.

Ich war Teenager gleichzeitig mit Conny (Froboess), die mit Peter (Kraus) zusammen in kessen Teenagerfilmen spielte, in denen kess gesungen und zahm Rock ’n’ Roll getanzt wurde. In anderen Filmlustspielen aus jener Zeit legten junge Herren zappelnde Mädchen übers Knie und versohlten ihnen den Hintern, um ihnen die Flausen auszutreiben, die sie daran hinderten, die Führungsqualitäten der jungen Herren anzuerkennen. Der selbstverständliche Einsatz von physischer Gewalt zur Dressur von Frauen im Filmlustspiel der fünfziger und sechziger Jahre (und zwar sowohl in deutschen wie auch in US-Filmen) wäre aus heutiger Sicht eine wissenschaftliche Untersuchung wert, damals schien das Verhauen ganz logisch, weil die versohlten Frauenzimmer so kindisch waren und weil störrische Kinder schließlich auch verhaut werden durften.

Ich saß im Kino und dachte, das würde von mir erwartet im Umgang mit jungen Männern: mit den Füßen aufstampfen und schmollen und Launen haben. Die Alternative waren sterbenslangweilige Heldinnen voll unerträglicher Selbstlosigkeit.

Die Filme spielten in Villen am Wörthersee oder im Grunewald oder in Hollywood-Apartments mit grell glitzernden Hausbars und auf Knopfdruck versenkbaren Betten, und immer gab es eine treusorgende Haushälterin, die rund um die Uhr zur Verfügung stand. Im wirklichen Leben wohnten wir in Wohnungen, manchmal zwei Zimmer Neubau, manchmal vier Zimmer Altbau, gelegentlich auch Zimmer-Küche-Kabinett. Nicht alle Haushalte hatten Waschmaschine, Kühlschrank, Staubsauger. Kein Haushalt hatte einen Geschirrspüler. Hausarbeit war eine Menge Arbeit. Selbstverständlich erinnere ich mich an keinen putzenden oder kochenden Vater. Aber ich erinnere mich auch nicht so sehr an putzende Mütter, denn die Mütter waren darauf konditioniert, nicht zu ­stören. Oder waren bloß wir daran gewöhnt, nicht wahrzunehmen, was sie leisteten? Mütter brachten Kakao, wenn es Zeit war, beim Aufgabenmachen eine Pause einzulegen. Alles andere passierte unauffällig. Falls sie einen doch ermahnten, keine Kuchenbrösel auf den Teppich fallen zu lassen, hatten sie halt einen Putzfimmel. Manche Mütter waren berufstätig. Was sie machten, interessierte nicht. Zu unserer Identifizierung genügte der Beruf des Vaters, den die Schule regelmäßig abfragte. Keine Mutter sah aus wie Julianne Moore in „Far From Heaven“ oder wie Kate Winslet in „Revolutionary Road“. Unsere Mütter trugen Alltagsgesichter statt Retro Chic, wir beneideten sie nicht darum.

Nach der Matura die ersten Hochzeiten. Junge Frauen, die zwanzig Jahre lang eine Person mit einem bestimmten Nachnamen gewesen waren, hießen plötzlich anders. Auf dem Standesamt unterschrieben sie zum ersten Mal mit ihrem neuen Namen. Stolz. Der neue Name war ein Erfolgsnachweis. Gerettet vor einem Schicksal als alte Jungfer.

Manche mussten heiraten. Manche hätten heiraten müssen, wollten oder konnten aber nicht. Der Ausweg hieß heimlicher Schwangerschaftsabbruch. Illegal, teuer und lebensgefährlich. Sex war riskant. Das Risiko trugen die Frauen. Glücklich, wer sich die hygienisch einwandfreie Ordination eines renommierten Gynäkologen leisten konnte statt eines Hinterzimmers bei einem Kurpfuscher. Die Gynäkologen, die Abbrüche vornahmen, waren der so genannten besseren Gesellschaft als Retter aus der Not durchaus bekannt, man wusste, wovon sie ihren aufwändigen Lebensstil und ihre teuren Hobbys finanzierten, es änderte nichts an ihrem Ansehen. Die Pantscherln genannten Geliebten, die von vermögenden Männern zu ihnen geschickt wurden, wenn etwas schiefgegangen war, waren verantwortungslose Schlampen. Die Abtreibungsärzte traten offiziell für die christliche Ehe und gegen Promiskuität auf.

An der Uni im Fach Theaterwissenschaft Töchterln in Chanel-Kostümen. In den Zeitungsredaktionen – ich hatte begonnen, nebenher als Reporterin zu arbeiten – hartgesottene Burschen, Mädels, die sich noch härter gesotten geben mussten, um von den Burschen akzeptiert zu werden, ältere Kolleginnen, die junge Kolleginnen mit Fräulein anredeten, Chefredakteure, die Mädchen sagten, anlassige Möchtegern-Casanovas, die bösartige Gerüchte verbreiteten, wenn eine nicht schwach wurde bei ihnen.

Wann hat sich das alles zu Überdruss und Zorn verdichtet? Die Väter auf den Podesten, das betuliche mausgraue Leben der Mütter, das denunziatorische Klischee von der infantilen Frau in der Populärkultur, die bereitwillige Selbstaufgabe von Freundinnen auf den Standesämtern, das Diktat der feschen Burschen, das Taxiertwerden nach der Beschaffenheit von Busen und Hintern, die beleidigenden Zwänge einer Mode, die uns in wimpernklimpernde Puppen mit beschränktem Aktionsradius verwandeln wollte?

Schluss damit. Weg mit Rollenklischees, Eheringen und BHs. Freies Leben, freie Liebe. Selbstbestimmung. Ungebändigte Haare, Jeans und große Schritte. Neue, individuelle Lebensentwürfe. Das Recht auf Wunschkinder zum gewünschten Zeitpunkt (der Pille war Dank). Partner statt Patriarchen. Die Hälfte der Welt für uns, die Hälfte des Heims für die Männer. Oh ja, das war eine tolle Aufbruchstimmung damals, in den frühen Siebzigern.

Wie es weitergegangen ist, wissen wir auch. Die revolutionären Genossen waren mehr an den befreiten Brüsten der Genossinnen interessiert als an ihrem freien Geist. Die neuen Männer trennten sich bereitwillig von patriarchalen Verpflichtungen, wollten aber nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten und hielten daher an ein paar Vorrechten fest. Dafür reißen sie sich nicht um die Hälfte des Heims, vor allem nicht um jene, in der der Staubsauger steht. Der Hälfte der Welt versuchen wir uns mit eher bescheidenen Quoten zu nähern. Und die Enkeltöchter der Frauenbewegung bewerben sich bei Heidi Klum als wimpern­klimpernde Marionetten.

Nein, keine Generalisierungen! Mehr als die Hälfte aller Studienabschlüsse werden von jungen Frauen gemacht. Vielleicht gelingt es ihnen, die Einkommensschere so weit zu schließen, dass sie zum Abschneiden alter Zöpfe taugt.

elfriede.hammerl@profil.at

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