Elfriede Hammerl: Schockstarre

Elfriede Hammerl: Schockstarre

Wenn einer plötzlich auf dich einprügelt, ist es mit Selbstbewusstsein nicht getan.

Der Mann war ein alter Freund und galt als liebenswürdiger Mensch. Leider hatte ich ihn enttäuscht. Als ich ihn zum Gartentor brachte, holte er plötzlich aus und schlug mir mit aller Gewalt ins Gesicht. Ich war starr vor Überraschung. In meine Schockstarre hinein schlug er ein zweites Mal zu.

An Schreien dachte ich zwar, aber meine Stimme war weg. Außerdem hätte Schreien Zeit gekostet, wer weiß, wer mir wie schnell zu Hilfe gekommen wäre. Es war später Abend und rundum alles dunkel. Ich drehte mich zitternd um und schlitterte auf rutschigen Sohlen zur Haustür. Irgendwie gelang es mir, vor ihm ins Haus zu kommen und mit bebenden Händen zuzusperren. Es gelang mir wohl vor allem deshalb, weil er getrunken hatte, langsam war und einen Großteil seines Zorns bereits abreagiert hatte.

Im Haus blieb ich panisch. Ich verschanzte mich in meinem Schlafzimmer unterm Dach, das ich ebenfalls zusperrte. Von dort rief ich einen befreundeten Nachbarn an. Als der mit der Polizei kam, war mein Angreifer schon weg.

Ich fürchtete mich trotzdem. Die Nacht verbrachte ich im versperrten Dachzimmer, das Telefon neben dem Bett.

Der Mann, der mich geschlagen hatte, rief mich in der Folge täglich an, um sich zu entschuldigen. Es war mir nicht möglich, mit ihm zu sprechen. Sobald ich seine Stimme auf dem Anrufbeantworter hörte, sah ich wieder vor mir, wie sich sein Lächeln plötzlich in eine wutverzerrte Grimasse verwandelte, ehe er die Hand hob, und wich vor dem Telefon zurück. Erst Wochen später hob ich ab und hörte mir seine wortreiche Bitte um Verzeihung an.

Das war zum Glück die einzige Gewalterfahrung in meinem Leben, und sie verlief glimpflich. Aber sie hat mir gezeigt, wie schnell man zum wehrlosen Opfer werden kann, wenn Wut über einen hereinbricht wie eine Naturgewalt.


Es geht um Wut und entfesselte Kraft auf der einen Seite und um weniger Kraft und Aggressionshemmungen auf der anderen.

Selbstbewusst wehren sollen sich die Frauen, sagt Staatssekretärin Karoline Edtstadler. Aber Selbstbewusstsein hilft dir wenig in dem Moment, in dem Fäuste auf dich einprügeln oder Füße auf dich eintreten, da geht es nicht darum, den anderen forsch und bestimmt in die Schranken zu weisen, da geht es um Wut und entfesselte Kraft auf der einen Seite und um weniger Kraft und Aggressionshemmungen auf der anderen. Abwehr muss frau trainieren. Schreien muss frau trainieren. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass sie halbwegs ungeschoren davonkommt.

Ehe ich selber stumm vor Angst war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass einem Schreien schwerfallen kann. Wenn mich einer angreift, brülle ich los, dachte immer. Aber Irrtum, Überraschung, Entsetzen und Furcht schnüren dir die Kehle zu. Und Scham. Es fällt mir nicht leicht, über den Vorfall zu schreiben, er liegt viele Jahre zurück, aber heute wie damals rechne ich mit übler Nachrede, mit Hohn, weil ich einen in mein Haus gelassen habe, der sich als besoffener Randalierer entpuppt hat, weil ich so einen gekannt habe, weil ich einen so sehr in Rage gebracht habe.

Ich kenne auch die ambivalenten Gefühle für den Täter. Der Mann war mein Freund, bevor er zum Feind wurde, ich glaubte ihm seine Reue nachher, und ich verstand sogar seine Wut, sie kam aus seiner Ohnmacht einer Situation gegenüber, die er nicht akzeptieren mochte, weil sie seine Gefühle empfindlich verletzte. Natürlich berechtigte ihn das nicht, seine Wut an mir auszulassen, und ich war in keiner Sekunde versucht, mich schuldig zu fühlen. Aber hätte ich diesen Mann geliebt und hätte ich von ihm geliebt werden wollen, wäre ich vielleicht in Versuchung gewesen, so was wie eine Mitschuld an seinem „Ausrutscher“ auf mich zu nehmen, nach dem klassischen Muster: Hätte ich ihn nicht provoziert, dann wäre das nicht passiert. Mitschuld verbindet. Wer dem Täter noch emotional verbunden ist, sucht nach Möglichkeiten, die Bindung nicht kappen zu müssen.
Davor, in die Mitschuldfalle zu stolpern, war ich gefeit. Trotzdem habe ich das Bedürfnis, meiner Erzählung hinzuzufügen, dass der Täter eigentlich kein übler Kerl war. Ihr seht ihn jetzt nur im Fokus dieses Vorfalls, aber so war der sonst nie.

Ist ja auch so. Die meisten Opfer kennen den Täter nicht nur als Täter, denn die meisten Täter kommen aus dem persönlichen Umfeld des Opfers. Das Beziehungsgeflecht zwischen Tätern und Opfern ist oft kompliziert. Sich daraus zu lösen bedeutet unter Umständen einen langen, mühseligen Prozess.

Und zu den emotionalen Abhängigkeiten kommen häufig materielle. Ohne – auch materielle – Hilfestellung von außen keine Unabhängigkeit.

Wieso verwende ich ständig das O-Wort? Opfer sagt man nicht mehr. Die selbstbewusste Frau von heute lehnt es ab, Opfer zu sein.

Aber, oh weh, ich bin altmodisch. Und deshalb behaupte ich: Frauen, die zu Opfern von Gewalttaten wurden, sind Opfer, nicht generell, aber eben von Gewalttaten. Wenn sie selber, die Gesellschaft, der Staat, ihren Opferstatus leugnen, bringt ihnen das genau gar nichts. Dem Staat jedoch gibt es die Möglichkeit, sich achselzuckend zurückzuziehen. Es wird einen Grund haben, dass die Staatssekretärin von Selbstbewusstsein spricht, während die Regierung Maßnahmen zur Gewaltprävention streicht.

elfriede.hammerl@profil.at
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